Management-Moment der Woche: Bloß kein Vorwurfs-Ping-Pong!
Das ist passiert
Die Wahl der Richter für das Bundesverfassungsgericht sollte eigentlich vergangene Woche Freitag im Bundestag stattfinden. Doch dann wurde sie kurzfristig abgesagt. Die Kandidatin der SPD, Frauke Brosius-Gersdorf, hätte nicht mit ausreichend Stimmen aus der Unionsfraktion rechnen können. Im Vorfeld war die Juristin wegen ihrer Haltung zu Abtreibungen öffentlich kritisiert worden, am Tag der Wahl folgten dann auch noch Plagiatsvorwürfe in Bezug auf ihre Doktorarbeit. Am Dienstag trat Brosius-Gersdorf in der TV-Talkshow „Markus Lanz“ auf, um zu den Vorwürfen gegen sie Stellung zu beziehen.
Das können Sie daraus lernen
1. Klären Sie: Woher kommt der Angriff – und wen soll die Verteidigung erreichen?
Wie man auf Vorwürfe reagieren sollte, hängt immer davon ab, wie diese vorgetragen werden – und für wie belastbar der Betroffene diese hält. Die Rhetoriktrainerin Hilge Kohler, die auch Führungskräfte coacht, erlebt häufig, dass Vorwürfe aus der Mitarbeiterschaft nicht völlig überraschend auftauchen. „Dann sollte sich der Betroffene fragen, welche Signale er überhört hat, und den Vorwurf eher als Einladung verstehen, mit seinen Mitarbeitern darüber zu sprechen.“ Völlig anders liege der Fall, wenn die Attacken in aller Öffentlichkeit ablaufen. „Dann ist das ein Angriff auf meine Person“, sagt Kohler.
„Unhaltbare persönliche Vorwürfe und Falschinformationen sollten schnellstmöglich adressiert werden, denn in den sozialen Netzwerken passiert Meinungsbildung in Echtzeit“, betont Birand Bingül, Geschäftsführer der Kommunikationsagentur Fischerappelt, die auch Unternehmen in Krisenfällen berät. Der Kanal für diese Ansprache muss sorgfältig gewählt werden. Zum einen komme es darauf an, welche Form der Kommunikation der Angegriffene selbst gut beherrsche, zum anderen darauf, wen die Verteidigung erreichen soll. „Einen internen Skandal wird man eher früher als später in einer Form von Townhall besprechen“, sagt Bingül. Die externe Krisenkommunikation laufe meistens schriftlich.
Sollten schnell möglichst viele Menschen adressiert werden, seien soziale Netzwerke oder auch Nachrichtenagenturen der beste Kanal. „Viele Führungskräfte machen den Fehler, ihre Botschaft dort zu platzieren, wo der Angriff stattgefunden hat“, sagt Trainerin Kohler. „Wählen Sie stattdessen besser Ihre eigene Bühne.“ Im Fall von Frauke Brosius-Gersdorf: Lanz statt Facebook.
2. Bereiten Sie kritische Situationen gut vor
Wer erst im Ernstfall darüber nachdenkt, wie er agiert, wenn Vorwürfe auf ihn einprasseln, hat es meist schwer. Ab einer bestimmten Hierarchieebene sei es unerlässlich, „rhetorische Fertigkeiten als Führungsfähigkeiten wahrzunehmen und diese zu schulen“, betont Kohler. Je sicherer sich jemand in einer kritischen Situation fühle, desto lockerer und damit glaubwürdiger wirke er.
Außerdem helfe es, schon im Vorfeld ein „Frühwarnsystem“ einzurichten und damit kritische Themen zu scannen, sagt Experte Bingül. „Ein professionelles Kommunikationsteam um eine Wissenschaftlerin unter zunehmendem Beschuss, die für ein Amt kandidiert, sollte einen Plagiatsvorwurf antizipieren“, zeigt er sich überzeugt.
3. Fakten ja, aber nicht nur
Natürlich ist es gut, die Fakten rund um die Kritik zu kennen, aber es ist auch Vorsicht geboten: Krisenkommunikationsexperte Bingül etwa gibt zu bedenken, dass es gerade in Situationen, in denen der Angegriffene noch keinen Überblick über die Lage hat oder die Kommunikationsstrategie der Gegenseite nicht vollständig begreift, nicht besonders schlau ist, Fakten zu publizieren. „Zahlen sind oft heikel, weil sie sich im Zuge der Aufarbeitung ändern können“, sagt er. Dann stehe man später als Lügner da. Besser sei es in einem solchen Fall, den laufenden Prozess zu beschreiben: „Wir hören die Kritik. Wir gehen dem zügig wie sorgfältig nach und werden dazu Stellung nehmen.“ Gerade in Unternehmen bestehe häufig Verständnis dafür, dass etwa der CEO nicht immer jedes Detail kennen könne.
Kohler sieht hinter der rein faktenbasierten Kommunikation noch ein weiteres Problem: „Glaubwürdig wirkt derjenige, der sich als Mensch zeigt und nicht als Faktenmaschine.“ Es sei durchaus erlaubt, anzusprechen, dass man sich in einer stressigen Situation befinde und die Vorwürfe einen träfen.
4. Schaffen Sie eine eigene Erzählung
Wichtig ist auch, die Deutungshoheit über das Thema der Vorwürfe zurückzuerlangen. „Es sollte auf keinen Fall zu einem Vorwurfs-Ping-Pong kommen“, sagt Kohler. Stattdessen empfiehlt die Rhetorikexpertin, das Gesagte zwar aufzunehmen, aber in den eigenen Kontext zu setzen.
Greife etwa ein Betriebsrat die aus seiner Sicht zu teure Übernahme einer Firma in der Betriebsversammlung auf, könne der Geschäftsführer auf ein anderes Terrain wechseln. Etwa: „Ob der Preis gerechtfertigt ist, das sehen Sie anders als ich, aber das ist nicht der entscheidende Punkt.“ Und dann solle er die Bühne nutzen, um noch mal zu erklären, wohin dieser Zukauf strategisch führen soll. Das wirkt souveräner und konstruktiver, als in Abwehrhaltung zu verharren.