Drogenpolitik: Ein paar Klicks reichen bald nicht mehr, um an Cannabis zu kommen
Allzu schwierig war es in den vergangenen Monaten nicht, an Cannabis zu kommen. Zu medizinischen Zwecken, natürlich. Kurze Videoschalte mit einem Arzt, im Internet einen Fragebogen ausfüllen, ein paar Klicks – schon waren die Blüten da.
Künftig wird das wohl nicht mehr so einfach. Auf ihrer heutigen Kabinettssitzung hat die Bundesregierung – auf Initiative von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) – beschlossen, dass Cannabis nur noch nach einem persönlichen Arztbesuch verschrieben und nicht mehr versendet werden darf. Patientinnen und Patienten müssen sich demnach ihr Hanf wieder in der Apotheke abholen.
Seit 2017 darf Cannabis in Deutschland zu medizinischen Zwecken verschrieben werden; die Blüten helfen vielen Kranken vor allem gegen starke Schmerzen. Daraus ist in den vergangenen Jahren eine ganze Industrie entstanden – zahlreiche Start-ups, die sich auf Import, Anbau, Lagerung und Vertrieb von medizinischem Cannabis spezialisiert haben.
Dort ist die Aufregung nun groß. Finn Age Hänsel, Chef des Cannabisunternehmens Sanity, erklärte etwa dem „Handelsblatt“: „Wird der Entwurf in der jetzigen Form Gesetz, wird der Markt für Medizinalcannabis in Deutschland um die Hälfte einbrechen.“ Das würde „eine Wachstumsbranche mit Tausenden Arbeitsplätzen ausbremsen“. Niklas Kouparanis, der CEO von Bloomwell, einer großen Plattform für medizinisches Cannabis, geißelt die „Digitalisierungsfeindlichkeit“ des Bundesgesundheitsministeriums. Andere verweisen darauf, dass die geplante Regelung vor allem für Patienten in ländlichen Regionen ganz schlecht sei, weil sie nun wieder weite Wege in die Apotheke auf sich nehmen müssen.
Tatsächlich haben sich die Unternehmen die Verschärfung selbst zuzuschreiben. Denn der Grund für das nun von der schwarz-roten Ministerrunde auf den Weg gebrachte Gesetz ist verbreiteter Missbrauch. Heute sei es möglich, „mit wenigen Klicks Medizinalcannabis zu bekommen“, erklärte Ministerin Warken. So sei seit Inkrafttreten des entsprechenden Gesetzes im April 2024 „eine bedenkliche Fehlentwicklung“ zu beobachten: Im ersten Halbjahr 2025 nahmen die Importe laut der Regierung im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als 400 Prozent zu – von rund 19 auf rund 80 Tonnen. Auf einen erhöhten Bedarf bei Erkrankten sei dieser Anstieg nicht zurückzuführen.
Stattdessen haben die Digitalplattformen in den vergangenen Monaten reichlich für Cannabis getrommelt. Zuweilen mussten Interessierte nur im Netz einen Fragebogen ausfüllen („Haben Sie häufiger Kopfschmerzen?“), wobei auch noch farblich vorgegeben war, was angekreuzt werden sollte. „Da sind viele Plattformen sicher über das Ziel hinausgeschossen“, sagt der Anwalt Peter Homberg, der zahlreiche Cannabisunternehmen vertritt. Das alles war sicher nicht im Sinne des Heilmittelwerbegesetzes und des Bundesgesundheitsministeriums.
Etwas Hoffnung für die Cannabisunternehmen bleibt: Das Gesetz muss noch durch den Bundestag. Die Branche setzt nun darauf, dass es der SPD gelingt, die strengeren Vorgaben zurückzudrehen. Bloomwell-CEO erwartet nun – angeblich auch im Sinne von Patienten und Apotheken – von den Sozialdemokraten, dass sie „im parlamentarischen Verfahren standhaft bleiben und zu ihrem Wort stehen“. Seine Schlussfolgerung: „Ansonsten wird sich die SPD in Luft auflösen.“
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