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  4. Cannabis auf Rezept: Cannabis-Import boomt – eine heikle Folge der Teillegalisierung

Die Folgen der Cannabis-Teillegalisierung zeigen sich mittlerweile in Export- und Medizinstatistiken. Foto: IMAGO/YAY Images

Rausch auf RezeptPlus 460 Prozent – was hinter dem Cannabis-Importboom steckt

Plötzlich werden viele junge Männer zu Schmerzpatienten. Und bestellen online Cannabis – problemlos per Privatrezept. Über eine heikle Folge der Teillegalisierung.Cordula Tutt 18.07.2025 - 13:00 Uhr

Der Import von Cannabis nach Deutschland boomt. Offiziell werden die Cannabisblüten aus dem Anbau in Kanada, Portugal, Dänemark oder Nordmazedonien für medizinische Zwecke eingeführt. Doch aus Sicht von Experten steckt etwas anderes dahinter. Seit der Teillegalisierung der Droge ist es wesentlich einfacher geworden, per Privatrezept im Internet an die Ware zu gelangen.

Die Folge: ein steiler Anstieg beim Import. Seit der Freigabe des Stoffes durch den vorigen Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) am 1. April 2024 haben sich die offiziell gemeldeten Einfuhren mehr als vervierfacht. Nach Zahlen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), die der WirtschaftsWoche vorliegen, wurden im ersten Quartal 2025 mehr als 37 Tonnen Cannabisblüten für medizinische Zwecke importiert. Im ersten Quartal 2024 waren es noch rund acht Tonnen. In den folgenden Quartalen kletterte die Einfuhr erst auf knapp 12 Tonnen, dann auf knapp 21 Tonnen, schließlich im vierten Quartal 2024 auf gut 32 Tonnen. Am Ende des ersten Jahres steht ein Plus von über 460 Prozent.

Insgesamt importierte Deutschland 2024 knapp 73 Tonnen medizinisches Cannabis, im gesamten Jahr 2023 waren es noch 32 Tonnen. Geht man davon aus, dass eine medizinische Dosis Cannabis ein Gramm wiegt, kamen also allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres 37 Millionen Dosen ins Land. Schwer vorstellbar, dass es für Menschen mit chronischen Schmerzen oder anderen klar umrissenen Indikationen eine derart große Menge braucht. Die hierzulande angebaute Menge Medizincannabis liegt seit Jahren konstant bei etwa zwei Tonnen.

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Cannabis kein Betäubungsmittel mehr

Lauterbach hatte die Droge neu eingestuft, sie gilt seither nicht mehr als Betäubungsmittel. Das erleichtert auch die Rezeptvergabe für Menschen mit chronischen Schmerzen, die schon seit einigen Jahren den Stoff auf Rezept bekommen können, und den Versand im Internet deutlich.

Gesunde, die den Rausch suchen, dürfen eigentlich nur über die neuen „Hanfclubs“ oder „Anbauvereine“ selbstgezogenen Stoff als Mitglieder beziehen. Ein anderer Weg ist, einzelne Pflanzen zu Hause zu ziehen. Diese Beschaffung scheint allerdings mühsam, die Qualität der Ware auf dem Schwarzmarkt andererseits ist ungewiss.

Doch es hat sich ein scheunengroßes Schlupfloch aufgetan: Cannabis übers Internet und per Privatrezept für Selbstzahler. Experten warnen, mit Schmerzbehandlung und anderen medizinischen Therapien habe der Boom an Privatrezepten online nichts zu tun. Online-Portale werben offensiv mit Tipps um „Cannabis-Patienten“.

Schmerzpatienten machen deshalb inzwischen wohl nur noch einen Bruchteil der Nachfrage an medizinischem Cannabis aus. 2024 seien die zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung abgerechneten Verordnungen nur um neun Prozent gestiegen, heißt es im Bundesgesundheitsministerium. Ministerin Nina Warken (CDU) sagt: „Für mich steckt ganz klar Missbrauch hinter den Zahlen. Cannabis ist eine Rauschdroge und kann insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene gefährden.“ Sie bringt derzeit einen Gesetzentwurf ein, der die leicht zugänglichen Online-Verschreibungen einschränken soll.

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Privatrezepte für jüngere Männer

Auch der Chef des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes sieht dringenden Handlungsbedarf. Es werde so viel Cannabis importiert, weil die Zahl der Privatrezepte über Online-Plattformen und angeschlossene Online-Apotheken so stark zugenommen habe, sagt der Bundesvorsitzende der Hausärzte, Markus Beier. „Das ist Missbrauch und hat mit medizinischer Behandlung nichts zu tun.“

Die Zahlen, die nach Auswertung der Verschreibungen bereits vorlägen, zeigten ein eindeutiges Bild: „Vor allem jüngere Männer bekommen die Privatrezepte. Schmerzpatienten, für die eine Verschreibung sinnvoll sein kann, sind dagegen meist älter.“

Die Hausärzte unterstützen eine Verschärfung der Rechtslage. Ministerin Warken plant, Verschreibungen von Cannabisblüten nur noch nach persönlichem Kontakt mit einem Arzt oder einer Ärztin in der Praxis oder bei Hausbesuchen zu ermöglichen. Aus einem Referentenentwurf für ein Gesetz geht hervor, dass ein Cannabis-Rezept nach der Beantwortung einzelner Fragen im Internet oder nach einer Videosprechstunde nicht mehr möglich ist. Medizinisches Cannabis soll auch nicht mehr per Versand, sondern nur noch in Apotheken vor Ort erhältlich sein.

Hausarzt Beier kritisiert den Rausch per Onlinerezept für Selbstzahler: „Das ist ein Geschäftsmodell, das beendet werden muss.“ Über Onlineportale fülle man einen Fragebogen aus und bekomme über die angeschlossene Internetapotheke das Cannabis in der Ausführung, in der man es gerne hätte.

Psychische Probleme wegen der Droge nehmen zu

Auch die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) macht auf Folgen der teilweisen Legalisierung der Droge Cannabis aufmerksam. Immer mehr Menschen – vor allem junge – seien wegen psychischer Probleme nach dem Konsum in ärztlicher Behandlung. Das hat eine Erhebung der KKH in Hannover ergeben. Eine aktuelle Hochrechnung zeige: 2024 wurden rund 250.500 Menschen aufgrund von psychischen Störungen nach dem Cannabis-Konsum und wegen anderer einhergehender gesundheitlicher Probleme ärztlich behandelt. Das sei im Vergleich zu 2023 ein Plus von 14,5 Prozent.

„Damit haben die Diagnosen 2024 nicht nur den Höchststand der vergangenen zehn Jahre erreicht, sondern sind seit Langem auch am deutlichsten innerhalb eines Jahres gestiegen“, teilt die KKH mit. Therapiert werden mussten der KKH zufolge vor allem 25- bis 29-Jährige.

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