Mehr fühlen, weniger denken

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Brioni-Chef Umberto Angeloni über maßgeschneiderte Wellness. Auszüge aus seinem neuen Buch 

„Das neue Ideal ist der Homo sentiens. Der Mensch, der fühlt und nicht nur denkt.“ Zu diesem Schluss kommt Umberto Angeloni, 51, nachdem er lange nachgedacht und monatelang in aller Welt gereist ist, um das Universum der Wellness und der Spas zu erkunden. Eigentlich ist Angeloni Manager, Chef des italienischen Luxusunternehmens Brioni. Einen Namen hat sich das einflussreiche Multitalent aber auch als Bonvivant, Philosoph und Tastemaker gemacht, unter anderem durch hoch gelobte Geschmacksfibeln wie etwa „Single Malt Whisky. An Italian Passion“. Jetzt erscheint sein neues Buch: „Seducing the Senses“, aus dem Fivetonine exklusiv Passagen vorabdruckt. Darin plädiert der stilsichere Italiener („Wir verkaufen keine Kleidung, sondern Vergnügen und Einfühlungsvermögen.“) für eine „neue Währung des Denkens“ – mehr Gefühl! –, für mehr Genuss und Sinnlichkeit durch maßgeschneiderte Wellness. 

„Der Westen verlangt zur Erreichung des gewünschten Resultats Aktivität und körperliche Anstrengung bis an den Rand der Quälerei. Geht es um psychische Inhalte, versucht man, sie von jeder Körperlichkeit zu lösen. Man strebt für ein optimales Ergebnis demnach die Trennung von Körper und Geist an. Im Fernen Osten dagegen will man das Wohlbefinden ‚empfangen‘, indem man für die Entspannung des Körpers sorgt (wenn auch nur, um seine Sensibilität zu erhöhen). Die aktiven Phasen dienen lediglich der Vorbereitung, damit man ihr Gegenstück, die sinnliche Phase, besser genießen kann. Alles Streben richtet sich auf die vollkommene Harmonie von Körper und Geist, durch die allein höchster Genuss überhaupt erst möglich wird. 

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Dass im Hinblick auf Genuss und Vergnügen so grundverschiedene Auffassungen bestehen können – was Jane Austen einmal mit den Worten zusammenfasste: ‚One half of the world cannot understand the pleasures of the other!‘ (‚Die eine Hälfte der Menschheit hat für das Vergnügen der anderen Hälfte kein Verständnis‘) –, mutet recht sonderbar an, denn schließlich ist die Voluptas, die Lust in ihrer eleganten, feinsinnigen lateinischen Form, seit jeher ein starker Antrieb für das Handeln des Menschen. Zu allen Zeiten und an allen Orten hat man nach ihr gestrebt. Sie war ebenso ein Mittel der Erkenntnis von Mensch und Natur wie eine Quelle des Glücks. 

Doch wie die Dinge auch liegen mögen: Um wirklich genießen zu können, brauchen wir einen unabhängigen, wachen Geist, der frei von Komplexen und Tabus ist. Der Genuss wird größer, wenn wir ihn mit anderen Menschen teilen, und subtiler durch zusätzliche Erfahrungen. 

Die unmittelbarste Quelle der Lust liegt in unserem Körper. Ihr natürlicher Lauf beginnt bei der direkten Anregung unserer Sinne und führt zu höchstem Sinnengenuss, dem Ziel jedes Hedonisten. Es lässt sich daher leicht ermessen, wie abträglich es ist, die Sinnlichkeit künstlich aus den Wellness-Programmen herauszuhalten und darauf zu verzichten, sie in den Gesamtkontext eines ‚umfassenden Wohlbefindens‘ zu stellen, wo das Körperliche gleichberechtigt neben allen anderen Faktoren existieren kann. 

Die Ausklammerung der Sinnlichkeit wird in der modernen westlichen Welt im Namen eines falsch verstandenen moralischen Fortschritts betrieben. Dem liegt die Vorstellung zu Grunde, die Evolution des Menschen vollziehe sich vorrangig auf der analytisch-rationalen Ebene des Homo sapiens und nicht auf der emotional-körperlichen des Homo sentiens. Die emotional-körperliche Seite der menschlichen Natur wurde jahrhundertelang unterdrückt, weil man sie als Hindernis oder doch zumindest als irrelevant für die Entwicklung der Zivilisation erachtete. 

Da halte ich es doch lieber mit Oscar Wilde, der seinen Lord Henry im ‚Bildnis des Dorian Gray‘ sagen lässt: ‚...nocivilized man ever regrets a pleasure, and no uncivilized man ever knows what pleasure is.“ (‚...ein zivilisierter Mensch bereut niemals einen Genuss, und ein unzivilisierter weiß überhaupt nicht, was Genuss ist.‘) Lord Henry,der sich ganz seinen geistigen und körperlichen Leidenschaften hingibt und gleichwohl stets in höchstem Maße Kultiviertheit und Vernunft walten lässt, verkörpert einen Typus, den ich an anderer Stelle als den perfekten Luxuriant (Genießer) bezeichnet habe. 

Wellness ist ein Weg zum Genuss. Mit dem Ziel, ein möglichst großes Gleichgewicht zwischen Körper und Seele zu erlangen, dieses klassische Ideal der Vollkommenheit, setzt sie eine unbefangene Sinnlichkeit voraus, die offen ist für die wertvollsten ethnisch-kulturellen Erfahrungen und für die größten wissenschaftlich-technischen Errungenschaften, die angewandt werden, um wieder eine harmonische Beziehung zwischen Mensch und Natur zu erreichen. Dabei ist die Wellness Teil einer ästhetischen Lebensphilosophie, in der vor allem Qualität und Stil im Mittelpunkt stehen. 

Die Angebote eines Spa können in dieser Hinsicht sehr vielfältig sein. Neben Bädern und Massagen bieten sich remise en forme, Sport, Schönheitspflege und Techniken zur Steigerung der geistigen Fähigkeiten und der Selbstbeherrschung an, die jedoch alle nur dann wirklich hilfreich sind, wenn sie in den Dienst des oben erwähnten Hedonismus gestellt werden. Was ist nun unter dem Begriff der ‚Sinnlichkeit‘ eigentlich zu verstehen? Für mich umfasst er die Gesamtheit der wichtigsten Wahrnehmungen des Menschen, die über die konventionellen ‚fünf Sinne‘ transportiert werden. 

Die Sinnlichkeit des Menschen ist in ihrer Vielfalt faszinierend und geheimnisvoll. Während wir mit den biochemischen Mechanismen unseres Geruchssinns ebenso vertraut sind wie mit denen von Gesichtssinn, Geschmack und Gehör, wissen wir über die Funktionsweise des wichtigsten unserer Sinne, nämlich des Tastsinns, bisher nur wenig und können über die Wechselbeziehung der Sinne mit unserer Psyche überhaupt nichts sagen. Die Erforschung dieses hochinteressanten Gebiets, dessen Grenzen noch gar nicht absehbar sind, hat sich die Psychosomatik zur Aufgabe gemacht. Sie geht weit über den Dualismus von Körper und Geist hinaus, der die moderne Wissenschaft lange Zeit vergiftete. 

Der Tastsinn gehört zum größten und vielseitigsten Sinnesorgan unseres Körpers, der Haut, über deren außergewöhnliche Fähigkeiten uns bis heute so gut wie nichts bekannt ist und die wir oftmals sträflich vernachlässigen. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Massage die Königin unter den Wellness-Behandlungen ist, wirkt sie doch direkt über die Haut und über ein so perfektes Medium wie die Hand, während sie Wohlbefinden, Entspannung und sogar heilende Wirkungen hervorruft. 

Spa-Bäder, die wie Pilze aus dem Boden schießen, unzählige Artikel und Kolumnen in Illustrierten und die explosionsartige Verbreitung von neuen Naturkosmetiklinien – all dies sind unleugbar Phänomene von beeindruckenden Ausmaßen, die sich quer durch die ganze Gesellschaft ziehen. Doch sie haben nach meinem Dafürhalten alles in allem nichts mit einer umfassenden Weiterentwicklung unseres Lebensstils zu tun, sondern gehören bestenfalls zu den flüchtigen ‚Modetrends‘, die sich bald auf bescheidenere Dimensionen reduzieren werden und früher oder später wieder vergehen. Bestimmte sittliche Schranken und kulturelle Gegebenheiten, doch vor allem die nur schwach ausgeprägte Bereitschaft der Menschen, ihre ureigenen sinnlichen Bedürfnisse zu analysieren, führen dazu, dass Wellness noch immer eher mit Körperpflege und Gesundheit als mit ganzheitlichem Vergnügen gleichgesetzt wird. 

Eine als Lifestyle verstandene Wellness dagegen, die auch ästhetisierende, raffiniertere und freiere Komponenten enthält, wird wohl stets das Privileg einer Elite bleiben, die heute übrigens nicht mehr nur europäisch, sondern international ist.“ 

Umberto Angeloni. „Seducing the Senses – Spa Visions of a Bon Vivant“. Brioni Books, New York 

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