Archiv: Natur statt Nadel

Ein beherzter Unternehmer setzt den Botox-Hype in eine viel versprechende kosmetische Formel um. 

Ein glatter Sensationserfolg auf dem Kosmetikmarkt. Der amerikanische Businesstraum lebt – und es geht ihm blendend. 

Ein triumphierendes Zucken im Mundwinkel kann sich Scott Gurfein, studierter Soziologe, Mitbegründer und CEO von Freeze 24/7, ob solcher Lobeshymnen in seiner Heimat immer noch nicht verkneifen. Warum auch? In der hart umkämpften Kosmetikbranche, wo Riesen wie L’Oréal, Estée Lauder und LVMH hart um jeden Zentimeter unseres Teints kämpfen (24 Milliarden Dollar Jahresumsatz bringt allein die Gesichtspflege), gelang dem Junggesellen aus New York City innerhalb von wenigen Monaten ein beispielloser Coup. 

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Mit wenig mehr als einer interessanten Formel, die ihm ein Chemiker zum Testen anvertraut hatte, startete Gurfein sein Geschäft. „Ich war fasziniert vom technischen und medizinischen Hintergrund der so genannten Cosmoceuticals. Aber, was den Produkten fehlte, war der natürliche Aspekt, der Charme, der Spaß, den Kosmetik vermitteln kann.“ 

Die Formel hielt, was der Chemiker dem Geschäftsmann versprochen hatte. Freeze ging 2003 in die Produktion und stand wenig später im Fenster eines einzigen Kaufhauses – dem von Henri Bendel auf der Fifth Avenue. „Nicht ein Cent ging in die Werbung, wir hatten einfach keinen mehr“, sagt der Unternehmer, „wir mussten abwarten, bis wieder Geld floss.“ Bald strömte es nur so. 

Innerhalb weniger Monate avancierte „Freeze“ zu New Yorks „hottest stuff in town“: Dreimal war Bendel ausverkauft; allein mit den 30-ml-Töpfchen machte er eine Million Dollar Umsatz. Was Bendel konnte, wollte auch Saks. Und was Saks hat, kaufen Celebrities. Und was die haben, das wollen alle. Ein fantastischer Schneeballeffekt und ein Hype, der den Umsatz der Neugründung in drei Jahren auf 30 Millionen Dollar katapultierte. Fürs laufende Jahr – Freeze ist inzwischen auch in Europa angekommen – wird sogar das Doppelte prognostiziert. 

Warum dieser Kaufrausch? Was lässt Penélope Cruz, Renée Zellweger, Halle Berry, Jennifer Aniston und Calvin Klein den Termin für die Botox-Spritze verschieben und lieber zum froschgrünen Kunststofftiegel greifen? Was kann das Sensationsprodukt wirklich? Der Name lässt auf die Wirkung schließen: Die etwas zähe Creme, die gezielt nur auf Falten getupft wird (darüber passt jede Tagescreme) kühlt die Haut. Sekunden später tritt ein leicht taubes Gefühl auf. Der „Wow“-Effekt kommt beim Blick in den Spiegel: Mimikfalten scheinen augenblicklich geglättet. Ein optischer Trick, der nach zwei Stunden verschwindet? „Nein“, schwört Gurfein, und es sind tatsächlich keine so genannten Filler, also keine optischen Weichzeichner, keine Silikone im Produkt. 

Das offene Geheimnis der Formel ist vielmehr GABA. Das steht für Gamma-Aminobutyric-Acid, Aminobuttersäure, ein natürliches Muskelrelaxans, das auch in unserem Körper vorkommt. GABA ist der wichtigste inhibitorische, also hemmende Neurotransmitter im Zentralnervensystem. Ein biochemischer Stoff, der die Information zwischen Nervenzellen weitergibt. GABA ist für die Blockade eines Rezeptors verantwortlich. 

Das synthetisch nachgebaute GABA (hier zu Lande ist die Verbindung aus der Nahrungsmittelergänzung bekannt) bleibt auf der Haut-oberfläche liegen. Lediglich seine Signale sollen von zwei anderen pflanzlichen Substanzen, die in die Haut gelangen, aufgenommen und an die Muskeln weitergeleitet werden – mit dem Effekt, dass Letztere sich entspannen. Nebenwirkungen sind nicht beabsichtigt, aber auch nicht unangenehm: Grobe Poren, Aknenar-ben, Dehnungsstreifen und Rötungen mildert das Produkt gleich mit. 

Nach Herstellerangaben soll die Wirkung der Substanz 24 Stunden anhalten und sich bei regelmäßiger Anwendung intensivieren. Langzeitstudien gibt es dazu allerdings nicht. Scott Gurfein vertraut auf die positiven Erfahrungen der Verbraucher mit seinem Produkt – auch in Deutschland: „Deutsche Verbraucher sind sehr gewissenhaft, ernst und genau. Wir wollten uns erst ganz sicher sein, ehe wir auf den deutschen Markt gingen.“ 

Dass er ihn erobern kann, davon ist der ehemalige Marketing- und Mediastratege überzeugt. „Ich habe noch viele Formeln mit Überraschungspotenzial in der Schublade“, verspricht der Chef, „bis 2009 reichen die auf jeden Fall!“ 

Susanne Opalka 

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