Chefsache: Gefühlte Armut

Chefsache: Gefühlte Armut

Roland Tichy über die Suche nach Armut in Deutschland.

Gefühlte Armut

Ich bin einer von denen, die in Talkshows über soziale Fragen diskutieren. Mittlerweile kenne ich das Ritual. Die erste Frage lautet meist, ob ich mich von 4,25 Euro am Tag ernähren könnte – dem Essenstagessatz für einen Langzeitarbeitslosen. Ich traue mich nie zu antworten: „So viel gebe ich schon für meinen Cappuccino aus.“

Die Wahrheit klänge zynisch. Also falle ich in das Gejammer ein und werde dafür mit Beifall vom Publikum belohnt, das im Berliner Studio meist aus leicht alkoholisierten Hartz-IV-Empfängern oder mauligen Ost-Rentnern besteht.

Anzeige

Dann folgt der zweite Akt des TV-Dramas in Gestalt einer älteren, meist übergewichtigen Dame aus Brandenburg oder Berlin-Marzahn, seit 15 Jahren arbeitslos, geschieden/allein und von 347 Euro im Monat lebend. Während sie das sagt, richtet der/die Moderatorin Zeigefinger und Vorwurfsblick auf mich. Dann gibt es kein Halten mehr: Auch hartgesottene Neoliberale plädieren jetzt für die Erhöhung der Regelsätze, des Kindergelds, des Arbeitslosengeldes, der Rente oder was auch gerade immer auf der Tagesordnung der Betroffenheitsjournalisten und Politpopulisten steht.

Die politisch-publizistische Klasse in Deutschland überbietet sich derzeit in der Suche nach Armen in Deutschland. Ist wirklich alles so schrecklich, so arm?

Auf der Suche nach der Armut gerät aus dem Blick: Armut wird in Deutschland als Prozentsatz des Durchschnittseinkommens gemessen. Wenn, sagen wir: Herr Ackermann eine Million mehr verdient, produziert dies neue Statistik-Armut. Denn jeder verdiente Euro erhöht das Durchschnittseinkommen; und je höher die Messlatte gelegt wird, umso mehr Arme gibt es. Umgekehrt: Verliert ein Top-Verdiener seine Boni, sinkt die Statistik-Armut mit dem sinkenden Durchschnitt. Damit sind wir in der perversen Situation, dass die Armut statistisch schrumpft, wenn wir alle ärmer werden. Leider führt diese statistische Illusion nicht dazu, dass irgendjemand mehr zum Beißen hätte – im Gegenteil.

Ja, es gibt arme Rentner. Aber die heutige Rentnergeneration ist viel besser gestellt als es die heutige Beitragszahlergeneration im Alter sein wird. Und? Sollen die Ausgebeuteten von heute und Armen von morgen trotzdem noch höhere Beiträge zahlen? Das gilt auch für die schwierige wirtschaftliche Lage von Alleinerziehenden. Heute wird schnell geschieden – und weil oft genug das Einkommen für zwei Familien nicht reicht, soll die Konsequenzen wiederum der Steuerzahler finanzieren.

Sind die Sozialleistungen wirklich zu knapp? Gemessen an den Nettolöhnen derjenigen, die arbeiten, sind an die 2000 Euro per Hartz IV für eine vierköpfige Familie ziemlich viel Geld. Das muss man erst mal verdienen!

Laut Statistik haben auch viele berufstätige Familien nicht mehr als vier Euro pro Kopf für die tägliche Ernährung zur Verfügung. Aber wenn Berlins mutiger Finanzsenator Thilo Sarrazin dies vorrechnet, wird er als zynisch beschimpft – Fakten und Empirie stören die Betroffenheit. Daran wird deutlich: Bei sämtlichen Armutsdiskussionen fehlt die Bezugsgröße.

Wer hätte etwas dagegen, dass Arme mehr erhalten? Kinderarmut ist grauenhaft. Großzügigkeit ist eine Tugend.

Aber Bezugsgröße müssen diejenigen sein, die durch ihre Arbeit und Steuern die Sozialleistungen finanzieren. Gemessen an ihren verfügbaren Einkommen sind unsere Sozialleistungen nicht zu niedrig – sondern zu hoch. Und zuletzt: Wenn man den Kreis der vermeintlich Bedürftigen Talkshow-gerecht ausweitet, fehlen am Ende die Mittel für diejenigen, die unsere Hilfe wirklich brauchen, Kinder zum Beispiel.

Aber unter dem Druck des öffentlich-rechtlichen Betroffenheitsjournalismus fallen alle Schranken. Armut wird zum medialen Nouveau-Chic. Tatsächlich Unterprivilegierte und die Steuer- und Beitragszahler, die das alles finanzieren müssen, werden dagegen nicht eingeladen.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%