Experimente in Indien: Was modernes Management bringt

Experimente in Indien: Was modernes Management bringt

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Ohne Kennzahlen und Charts kein modernes Management.

Quelle:Handelsblatt Online

In einem einzigartigen Experiment mit indischen Webereien zeigen US-Forscher: Westliche Methoden bringen eine deutlich höhere Produktivität. Auch deutsche Unternehmen können von den Erkenntnissen der Wissenschaftler viel lernen - auch hier sind viele Betriebe schlecht gemanagt.

Am Anfang waren die Unternehmer hochgradig skeptisch. Laufende Qualitätskontrollen? "Brauchen wir nicht, unsere Qualität ist doch gut."

Die Maschinen warten, bevor sie kaputtgehen? "Das kostet doch nur Geld, die Anlagen müssen laufen."

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Eine Datenbank mit dem aktuellen Lagerbestand? "Zu aufwendig, wir haben auch so den Überblick."

Es war ein hartes Stück Arbeit, das die Unternehmensberater von Accenture im Sommer 2008 übernommen hatten: 17 mittelständischen Textilfabriken in Indien wollten sie moderne Managementprinzipien nahebringen - angefangen bei simplen Erkenntnissen wie der, dass in der Produktionshalle keine Müllberge herumliegen sollten. Studie kostete 1,3 Millionen Dollar.

Die Berater waren unterwegs im Dienste der Wissenschaft. Ihre Arbeit bildet den Kern einer einzigartigen Feldstudie der US-Universität Stanford und der Weltbank. Dabei ging es um eine einfache Frage: Was bringt gutes Management? Ökonomen beobachten schon länger, dass Unternehmen mit hoher Produktivität meist auch den Grundprinzipien des modernen Managements folgen.

Ursache-Wirkungs-Kette zwischen gutem Management und größerem Geschäftserfolg?

Nick Bloom (Stanford University) und John van Reenen, Professor an der London School of Economics, haben gemeinsam mit der Unternehmensberatung McKinsey ein Verfahren entwickelt, mit dem man Management-Praktiken messen kann. Danach haben die Forscher 4 000 Manager in zwölf Länden interviewt. Dabei zeigte sich: Zwischen dem Indikator für die Qualität der Unternehmensführung und Kennziffern für die Produktivität der Unternehmen zeigt sich ein sehr enger Zusammenhang.

Solche Firmen planen ihre Produktion zum Beispiel im Voraus, haben eine genaue Übersicht über ihre Lagerbestände und geben dem Personal klare Arbeitsaufträge. Wenn Probleme in der Produktion auftreten, suchen sie nach der grundsätzlichen Ursache und versuchen nicht nur, die Symptome zu beseitigen.

Aber gibt es wirklich eine Ursache-Wirkungs-Kette zwischen gutem Management und größerem Geschäftserfolg? Darüber konnten Forscher bislang nur spekulieren.

Im August 2008 startete ein fünfköpfiges Forscherteam um Nick Bloom daher ein mehrjähriges Experiment in Indien. Zufällig ausgewählten Textilfabriken im Bundesstaat Maharashtra bezahlten die Wissenschaftler professionelle Unternehmensberater - und analysierten parallel die Performance der Firmen. Die Kosten für dieses Mammutprojekt summieren sich auf 1,3 Millionen US-Dollar. Ihre Ergebnisse präsentieren die Forscher in einer Studie mit dem Titel "Does Management Matter? Evidence from India". Die Webereien, die an dem Experiment teilnahmen, hatten im Schnitt 270 Mitarbeiter und machten 7,5 Millionen US-Dollar Jahresumsatz. D

Vier Monate lang versuchten die Accenture-Berater, den Unternehmen Grundideen des modernen Managements zu vermitteln. In den ersten vier Wochen nahmen sie die Produktionsabläufe in den Unternehmen unter die Lupe und erarbeiteten Verbesserungsvorschläge. In den folgenden drei Monaten versuchten die Berater, diese Ideen dann umzusetzen.

Was die Textilunternehmer, die an dem Projekt teilnahmen, nicht wussten, war: Die Wissenschaftler hatten die Firmen in zwei Gruppen eingeteilt. Bei einem Teil der Unternehmen beschränkten sich die Berater nur auf die einmonatige Analyse-phase - bei der Umsetzung ließen sie sie allein. Diese Fabriken, die nach dem Zufallsprinzip ausgewählt waren, dienten als Kontrollgruppe.

Die US-Forscher hatten einen Katalog von 38 verschiedenen grundlegende Managementpraktiken entwickelt, die in der Betriebswirtschaftslehre als zentral gelten. Vor dem Besuch der Unternehmensberater hatten die Unternehmen im Schnitt nur knapp ein Viertel dieser Prinzipien umgesetzt.

"Es war zum Beispiel an der Tagesordnung, dass ein defekter Webstuhl wochenlang den gleichen Fehler produzierte, den Leute zwei Stockwerke tiefer dann per Hand ausbessern mussten", erzählt Stanford-Forscher Bloom. Nach der viermonatigen Beratung war das Vergangenheit - die Firmen beachteten danach rund zwei Drittel der Managementgrundprinzipien.

"Der Widerstand war immens", erzählt Bloom. Anfangs hätten sich die Fabrikanten nur auf kleine Pilotprojekte eingelassen, "mit wenigen Maschinen in einer Ecke der Fabrik." Erst wenn sich dabei Erfolg zeigte, führten sie die Ideen flächendeckend ein. Die Unternehmen in der Kontrollgruppe, die bei der Umsetzung auf sich selbst gestellt waren, realisierten auch nur einen Bruchteil der Vorschläge.

Die modernen Managementprinzipien beflügelten die Performance der Unternehmen massiv, stellten die Forscher fest. Die Qualität der Produktion stieg in wenigen Wochen gewaltig - Produktionsfehler wurden schon ab der fünften Projektwoche deutlich seltener. Auch bei den Lagerbeständen zeigten sich deutliche Effekte: Die Firmen konnten im Schnitt ihre Garnbestände um mehr als 16 Prozent reduzieren. Unter dem Strich stieg die Produktivität der Firmen innerhalb eines Jahres um elf Prozent. Aber wie lässt sich erklären, dass schlecht geführte Firmen nicht auf Dauer vom Markt verschwinden? Eigentlich müssten sie von besser gemanagten Konkurrenten verdrängt werden, die günstiger produzieren und schneller wachsen. Doch die Firmen, die am Experiment teilnahmen, waren im Schnitt seit gut 20 Jahren im Geschäft.

Die Forscher führen zwei Argumente dafür an. Erstens sei die indische Textilindustrie vor ausländischem Wettbewerb durch Handelsbarrieren geschützt. Zweitens sei dem Wachstum einheimischer Konkurrenz enge Grenzen gesetzt - in Führungspositionen würden die Unternehmer nur Familienmitglieder berufen. Außenstehenden trauen sie schlicht nicht über den Weg.

Ein Grund dafür sei das marode indische Rechtssystem - kriminelles Führungspersonal könne man nur schwer belangen oder kündigen, so Bloom. "Die wichtigste Botschaft an die Politik ist, die rechtsstaatlichen Institutionen zu stärken, damit sich die Firmen trauen, professionelle Manager von außen einzustellen."

Die Ergebnisse sind längst nicht nur für Unternehmer interessant - sie haben enorme volkswirtschaftliche Relevanz. Auch in Industrieländern gibt es viele schlecht geführte Unternehmen. "Jede fünfte deutsche Firma ist so schlecht geführt wie eine indische Durchschnittsfirma", sagt Bloom.

Besseres Management würde der Volkswirtschaft einen enormen Produktivitätsschub bringen - und so unseren Lebensstandard beflügeln.

Quelle:  Handelsblatt Online
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