Brent geht zur Neige: Größtes Nordsee-Ölfeld vor dem Aus

Brent geht zur Neige: Größtes Nordsee-Ölfeld vor dem Aus

, aktualisiert 22. Januar 2016, 11:45 Uhr
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Hoch wie der Eiffelturm ragen die riesigen Förderplattformen des Brent-Ölfeldes aus dem Meer.

Quelle:Handelsblatt Online

Das berühmteste Ölfeld der Nordsee steht vor dem Ende. Brent ist ausgefördert, drei von vier Förderplattformen sind schon stillgelegt. Doch was wird aus den gigantischen Stahl- und Betonkonstruktionen unter Wasser?

AberdeenStarker Wind, hoher Seegang und kaltes Wasser – das ist der Alltag auf halbem Wege zwischen den Shetland-Inseln und Norwegen. Hier liegt das Öl- und Gasfeld Brent, benannt nach dem englischen Namen der Ringelgans. Es ist nicht nur eines der größten und ältesten Ölfelder der Nordsee, sondern auch das bekannteste: Brent gab dem Nordseeöl seinen Handelsnamen. Und der Konflikt um den Speichertank Brent Spar hielt vor mehr als 20 Jahren die Welt in Atem.

Nun geht es mit Brent zu Ende. Nach 40 Jahren und umgerechnet mehr als drei Milliarden Barrel Öl und Gas ist Schluss. Das Feld ist leergefördert.

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Shell teilt sich Investitionen und Erträge aus dem Brent-Feld mit ExxonMobil; rund 70 Prozent gehen an den britischen Staat. Vier riesige Förderplattformen mit den Namen Alpha, Bravo, Charlie und Delta stehen in der Nordsee. Jede von ihnen ist 300 Meter hoch, wie der Eiffelturm. Nur Brent Charlie fördert noch Gas, die anderen Plattformen sind schon außer Betrieb. Doch was tun damit?

Die Shell-Experten haben sich den Kopf zerbrochen über andere Nutzungen, angefangen von Windkraftanlagen oder CO2-Speichern bis hin zu Gefängnissen oder Offshore-Casinos. Vergeblich. „Wir werden modernstes technisches Know-how brauchen und mehr als zehn Jahre Zeit“, sagt Thomas Müller von der deutschen Shell-Organisation, der mit dem Projekt vertraut ist.

Kein Einzelfall

Brent ist kein Einzelfall. Die Öl- und Gasförderung in der Nordsee läuft in den kommenden Jahrzehnten aus. Auf britischer Seite müssen rund 470 Installationen abgebaut und entsorgt werden. Bei den meisten davon gibt es kaum Probleme.

Nach der gescheiterten Versenkung des schwimmenden Öltanks Brent Spar im Jahr 1995 beschlossen die europäischen Küstenstaaten ein generelles Verbot. Seitdem müssen Offshore-Anlagen an Land entsorgt werden, abgesehen von einzelnen Ausnahmen. Spätestens seit 1999 sind alle Anlagen so konstruiert, dass sie vollständig zurückgebaut werden können. An die 60 Installationen wurden schon abgebaut und recycelt.

Brent ist ein Sonderfall. Als die Plattformen in den 1970er Jahren während der Ölkrisen gebaut wurden, dachte niemand an den späteren Rückbau. Drei der vier Brent-Förderplattformen stehen auf Stahlbetonbeinen, an deren Fuß sich in 140 Metern Wassertiefe nochmals insgesamt 64 Betonzellen befinden. Diese Zellen sind 60 Meter hoch, die Wände einen Meter dick, und sie wurden als Tanks genutzt.

Heute enthalten sie ölig-sandige Schlämme, die sich verfestigt haben. Allein die Betonstrukturen jeder Plattform sind 300.000 Tonnen schwer. Zusätzlich liegen am Meeresgrund 100 Kilometer Pipelines sowie Aushub aus 140 Bohrlöchern und 400 weiteren Bohrungen. Die Bohrlöcher werden verfüllt und verschlossen.


Kein Konflikt mit Umweltschützern

Die sichtbaren Aufbauten der Plattformen mit der Fördertechnik, Betriebs- und Wohnräumen sowie dem Hubschrauber-Landeplatz müssen an Land entsorgt werden. Im Sommer wird bei der Plattform Brent Delta ein riesiges Spezialschiff vorfahren, die „Pioneering Spirit“ der Entsorgungsfirma Allseas. Sie nimmt die über 24.000 Tonnen schweren Aufbauten in einem Stück auf und bringt sie an Land, wo sie fast vollständig recycelt werden.

Die „Pioneering Spirit“ ist mit 382 Metern fast so lang wie die größten Containerschiffe und Teil einer Industrie, die sich auf den Rückbau der Ölförderanlagen spezialisiert. Großbritannien hofft darauf, Spezialkompetenzen in diesem Bereich aufzubauen und später weltweit vermarkten zu können. Allein die Gesamtkosten für den Abbau der Anlagen in der britischen Nordsee werden auf rund 52 Milliarden Euro geschätzt.

Seit Jahren läuft ein Beratungs- und Konsultationsprozess zwischen der Industrie, den Behörden, der Wissenschaft und weiteren Interessengruppen mit mehreren hundert Teilnehmern. Es geht darum, wie die bestmögliche Entsorgung der Brent-Anlagen aussieht, welche Vor- und Nachteile verschiedene Lösungen haben können. Letztlich entscheiden muss das britische Ministerium für Energie und Klimawandel (DECC).

Soll versucht werden, die alten Betonpfeiler irgendwie aus dem Meer zu entfernen? Was passiert mit den Pipelines? Fünf Kriterien sollen gleichgewichtig in die Entscheidung einfließen: Sicherheit der Menschen, Auswirkungen auf die Umwelt, technische Umsetzbarkeit, soziale Folgen und Wirtschaftlichkeit.

Auch Greenpeace, der Widersacher von Shell bei der geplanten Versenkung der Brent Spar, ist an dem Beratungsprozess beteiligt. „Ich habe ein ganz gutes Gefühl“, sagt Christian Bussau, der schon bei der Besetzung 1995 dabei war. „Shell hat aus Brent Spar viel gelernt.“ Eine Wiederauflage des alten Konflikts ist unwahrscheinlich.

„Alles, was sich technisch aus dem Meer entfernen lässt, soll entfernt werden“, sagt Bussau. Das heißt umgekehrt: Wenn eine Bergung keinen Sinn ergibt und mehr Schaden als Nutzen anrichtet, dann ist auch Greenpeace damit einverstanden, wenn Reste der Brent-Förderanlagen für immer im Meer bleiben.

Quellle:  Handelsblatt Online
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