Grundeinkommen: Warum Menschen trotz finanzieller Sicherheit weiterarbeiten

Grundeinkommen: Warum Menschen trotz finanzieller Sicherheit weiterarbeiten

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Auch wenn das bedingungslose Grundeinkommen eingeführt wird, wollen viele Schweizer weiter arbeiten gehen.

von Kerstin Dämon

Am Sonntag dürfen die Schweizer über die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens abstimmen. Viele Eidgenossen sagen aber schon im Vorfeld: ich werde trotzdem weiter arbeiten. Wieso eigentlich?

Für die Finnen wird es ein großes, sozialpolitisches Experiment, in der Schweiz ist es am Sonntag Gegenstand einer Volksabstimmung: das bedingungslose Grundeinkommen. Jeder Bürger - vom Bettler bis zum Top-Manager, ob mit oder ohne Job bekommt monatlich Geld vom Staat. In Finnland hält man 800 Euro für angemessen, in der Schweiz fordert die Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen 2500 Franken, also gut 2260 Euro - schließlich sind dort die Lebenshaltungskosten höher.

Der finnische Ministerpräsident Juha Sipilä und die Schweizer Volksinitiative erwarten sich dadurch vor allem vier Dinge:

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  1. Rückgang der Armut
  2. größere Attraktivität von geringfügigen Beschäftigungen
  3. steigenden Konsum
  4. den Wegfall des Verwaltungsapparats rund um die Empfänger von Sozialleistungen

Diese Wünsche könnten sich auch tatsächlich erfüllen. Nur neue Jobs schafft das bedingungslose Grundeinkommen sicher nicht, wie Alexander Spermann vom Institut der Zukunft für Arbeit (IZA) gegenüber WirtschaftsWoche sagte. Dennoch hält Spermann es für sinnvoll, dass Finnland das Experiment startet.

"Wir wissen viel zu wenig darüber, wie sich Menschen verhalten, wenn sie ein Grundeinkommen bekommen. Stellen Sie die Arbeit ein oder bekommen sie einen zusätzlichen Arbeitsanreiz? Über diese Fragen wird hitzig debattiert, aber uns fehlen empirische Erkenntnisse."

Schweizer wollen weiterarbeiten

Offenbar kommt eine erste Antwort auf die Frage nun aus der Schweiz. Die Initiatoren der Volksabstimmung haben bereits Anfang des Jahres das Meinungsforschungsinstitut Demoscope beauftragt, die Schweizer zu fragen: Würden Sie für 2500 Franken zu Hause bleiben? Nur zwei Prozent der Erwerbstätigen sagten: "Ja, bestimmt". 21 Prozent sagte, sie wollten "eher nicht" auf ihren Job verzichten und 69 Prozent waren ganz sicher, auch mit Grundsicherung weiter arbeiten zu gehen.

In wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Studien wird davon ausgegangen, dass diese Entscheidung auch von der Höhe des Grundeinkommens abhängt. In Finnland sei der Anreiz, zu Hause zu bleiben, eher gering, weil die geplanten 800 Euro in etwa der Arbeitslosenhilfe entsprechen. Und auch in der Schweiz garantieren 2500 Franken zwar das Über-, aber kein sorgenfreies Luxusleben.

Wissenswertes über Finnland

  • Wenig Finnen, viel Land

    Finnland ist zwar nur wenig kleiner als Deutschland, dafür hat das Land im Norden lediglich 5,4 Millionen Einwohner. Die Mehrheit davon wohnt im Süden des Landes und im Großraum Helsinki. Etwa 40 Prozent der Bevölkerung leben in Südfinnland, das entspricht einer Dichte von 62,6 Einwohnern pro Quadratkilometer. Im Norden des Landes, in Lappland, sind es nur 1,9 Einwohner je Quadratkilometer.

  • Geteilte Nationalhymnen

    Die finnische Nationalhymne wird in mehrfacher Hinsicht geteilt: Zum einen benutzt Estland die gleiche Melodie (komponiert von Fredrik Pacius) als Nationalhymne, zum andern existiert die finnische Hymne in zwei Sprachen. Ein Großteil der Bevölkerung singt die Maamme (finnisch), während ein kleiner Teil Vårt land (schwedisch) singt. Die autonome Provinz Åland hat ihre ganz eigene Nationalhymne, das Ålänningens sång.

  • Zweisprachiges Schulsystem

    Wegen der schwedischen Minderheit müssen alle Gemeinden, in denen Finnisch und Schwedisch sprechende Menschen leben, Unterricht in beiden Sprachen anbieten. Die Schulpflicht gilt in Finnland wie auch in Deutschland bis zum 16. Lebensjahr. Neun Jahre lang gehen die Finnen in die peruskoulu, eine Art gemeinsame Grundschule.

  • Lebensmittelmonopol

    In Finnland haben drei Konzerne die Macht über den Lebensmittel- und Getränkemarkt: S-Markt, K-Markt und Suomen Lähikauppa halten gemeinsam fast 90 Prozent. Ausländische Konzerne und Ketten haben es wegen des geringen Marktvolumens eher schwer. Bäckerei- oder Fleischerketten gibt es in Finnland kaum.

  • Finnische Exportschlager

    Die Finnen verkaufen seit jeher Holz und Papier. In den Siebzigerjahren machten diese Industriezweige über die Hälfte des finnischen Exportes aus. Dann kamen Nokia und Co. und Finnland wandelte sich von einer Agrar- zu einer Dienstleistungsgesellschaft. Doch auch heute noch stellen die finnischen Wälder den wichtigsten Rohstoff des Landes dar.

    Dennoch sind mittlerweile Maschinen der finnische Exportschlager (8,4 Milliarden Euro in 2010). Sie machen 16 Prozent des Exports aus. Gefolgt von Papier und Pappe mit 14 Prozent (7,3 Milliarden Euro im Jahr 2010). Außerdem ist Heavy Metal in Finnland ausgesprochen populär. Die Finnen versorgen Europas und Amerikas Metal-Fans mit Rock- und Metalbands wie Children of Bodom, Nightwish oder dem Eurovision Song Contest-Gewinner Lordi.

  • Berühmte Finnen

    Namhafte Finnen sind die Regisseure Aki und Mika Kaurismäki, die Komponisten Jean Sibelius und Levi Madetoja, sowie die Rennfahrer Mika Häkkinen und Kimi Räikkönen. Der reichste Finne ist laut aktueller Forbes-Liste übrigens Antti Herlin, der es dank seiner Maschinenbau- und Servicefirma KONE Corporation auf ein Vermögen von rund zwei Milliarden Dollar gebracht hat.

  • Kuriose finnische Sportarten

    Der gemeine Finne betätigt sich gern sportlich, zum Teil auch in kuriosen Disziplinen. Großer Beliebtheit erfreut sich in Finnland beispielsweise das Frauentragen. Die "Wife Carrying World Championship Games" finden in Sonkajärvi in Ostfinnland seit 1992 statt. Genauso beliebt sind Melkschemel- oder Handy-Weitwurf, Mückenklatschen und Beeren pflücken als Teamsport. Seit 2011 finden übrigens auch Weltmeisterschaften im Schlammfußball in Finnland statt.

  • Finnen und der Schnaps

    Alkohol ist in Finnland verhältnismäßig teuer, auch wenn 2004 die Alkoholsteuer um 33 Prozent gesenkt worden ist. Auch der Verkauf ist streng reglementiert: Getränke mit mehr als 4,7 Prozent Alkoholgehalt dürfen nur in staatlichen Monopolgeschäften, den Alkoshops, verkauft werden. Wer in der Kneipe eine Flasche Bier bestellt, muss 18 Jahre alt sein und mit fünf Euro pro Flasche rechnen. Vom Trinken scheint das die Finnen aber nicht abzuhalten. Im Jahr 2005 war Alkohol die häufigste Todesursache unter Finnen im arbeitsfähigen Alter.

Dieser Erklärungsansatz klammert allerdings einen Aspekt aus: den Stellenwert von Arbeit. Auch wer genug Geld hat und nie wieder arbeiten muss, geht in der Regel irgendeiner Beschäftigung nach - und sei es einmal die Woche als ehrenamtlicher Helfer im Tierheim.

Denn Arbeit hat auch über den rein monetären Aspekt hinaus Bedeutung für das eigene Leben. Wir definieren uns über das, was wir tun. Auf die Frage nach dem Namen folgt in jeder Smalltalk-Runde unweigerlich die Frage: "Und, was machen Sie beruflich?" Nicht umsonst fallen viele Menschen mit dem Ruhestand oder bei Jobverlust auf einmal in ein Loch: Von heute auf morgen werden sie nicht mehr gebraucht, fühlen sich überflüssig.

Natürlich macht nicht jeder Job glücklich und in den wenigsten Berufen kann man sich tatsächlich selbstverwirklichen. Aber auf der Couch liegen und Geld zählen macht eben auf Dauer auch nicht glücklich - nicht einmal bei richtig großen Summen. Das zeigt unter anderem eine Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2013: Demnach würde nur jeder dritte Mann und jede vierte Frau nach einem Lottogewinn in Höhe von zehn Millionen Euro ganz zuhause bleiben und nie mehr arbeiten.

Die gleiche Erfahrung machen auch die Lotterien und Glücksspielanbieter mit Lottomillionären: Zwar wechseln 33 Prozent der befragten Männer und 25 Prozent der Frauen den Arbeitgeber, den Job ganz an den Nagel hängen aber die wenigsten. Arbeitspsychologen sind entsprechend vom hohen Stellenwert des Berufes überzeugt - wenn auch das Gehalt stimmt. Wer von seiner Arbeit nicht leben kann, ist auf Dauer auch im schönsten Beruf nicht glücklich.

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