Alltag eines Psychotherapeuten: Wenn uns das Pflichtbewusstsein den Schlaf raubt

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Schlafstörungen quälen Millionen Deutsche. Oft ist die Arbeit schuld.

Kolumne

Schlafstörungen und Burnout gehören quasi fest zusammen, wie Psychotherapeut Geritt Müller häufig erlebt. Seine Diagnose: Stress, Druck und Pflichtbewusstsein rauben uns den Schlaf. Was er seinen Patienten rät.

Kürzlich behandelte ich einen Patienten, der seit über 20 Jahren in einem Chemieunternehmen gearbeitet hatte und nun über anhaltende Erschöpfung und verminderte Leistungsfähigkeit klagte. Seine Arbeit musste er in einem äußerst anstrengenden Schichtsystem absolvieren: Immer im Wechsel musste er zwölf Stunden arbeiten, bevor er 24 Stunden frei hatte. Dieses Schichtsystem mit stetigen Wechseln zwischen Tag- und Nachtarbeit ist schon für junge Menschen herausfordernd und verlangt mit wachsendem Alter immer mehr Ressourcen ab, zumal man heutzutage davon ausgeht, dass der Mensch ohnehin nicht länger als sechs Stunden pro Tag produktiv arbeiten kann.

Druck, Stress, wenig Schlaf

Da einige seiner Kollegen länger ausfielen, war zu der üblichen Arbeit noch einiges hinzugekommen, was meinen Patienten, der zu übermäßiger Angepasstheit und Pflichtbewusstsein neigte, immer mehr an den Rand seiner Kräfte brachte. Besonders der fehlende Schlaf machte ihm zu schaffen: In früheren Zeiten, wo er seitens der Vorgesetzten weniger Druck verspürt hatte, hatte er die unterschiedlichen Tagesstrukturen noch verkraftet, doch nun fühlte er sich, als lebe er dauerhaft im Jetlag.

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Schlafstörungen gehören zu den wichtigsten Symptomen psychischer Erkrankungen, die fast alle depressiven Patienten, insbesondere solche mit Burn-Out-ähnlichen Zuständen, berichten.

Schlafschwierigkeiten führen schnell zu einem Teufelskreis, vor dem einige Menschen panische Angst entwickeln: Wer wenig schläft, ist am nächsten Tag übermüdet, kann deshalb weniger Leistung bringen, was zu Fehlern, Überstunden oder im schlimmsten Fall auf Dauer zu Abmahnungen oder der Kündigung führen kann.

Schlafstörungen: Zu wenig Prävention und medizinische Versorgung

  • Schlafstörungen

    Nur schlecht geschlafen oder schon eine Schlafstörung? Der Übergang ist fließend. Anhaltende Schlafprobleme sollten medizinisch behandelt werden.
    Der Mensch „verschläft“ durchschnittlich etwa ein Drittel seines Lebens. Doch dieses eine Drittel ist überlebensnotwendig, ist wesentlich für die biologische und psychische Regeneration. Mangelt es daran, können erhebliche gesundheitliche Beschwerden folgen.

    Quelle: dpa

  • Was ist gesunder Schlaf?

    Nach einer Expertenempfehlung sollte man bis ans Ende seines Lebens 7,5 Stunden pro Tag schlafen. Das sei gesunder Schlaf.

  • Was ist nur schlecht geschlafen, was schon eine Schlafstörung?

    Gelegentliche nächtliche Schwierigkeiten beim Ein- oder Durchschlafen dürften noch kein Schlafproblem sein. Bestehen sie aber drei Mal in der Woche mehr als drei Monate lang, spricht man von Ein- beziehungsweise Durchschlafstörungen. Gehen sie mit Tagesmüdigkeit und sozialen und beruflichen Beeinträchtigungen einher, wird von einer „schweren Schlafstörung“ (Insomnie) gesprochen.

  • Wie weit sind Schlafstörungen verbreitet?

    Nach dem Gesundheitsreport 2017 der DAK-Gesundheit sagen 80 Prozent der befragten Erwerbstätigen, sie hätten hie und da „Schlafprobleme“. Das seien 66 Prozent mehr als 2009. Unter „schweren Schlafstörungen“ leide jeder zehnte, ein Anstieg von 60 Prozent in den vergangenen sieben Jahren. Selbst er habe einen solchen Anstieg nicht erwartet, sagt der Schlafexperte von der Berliner Charité, Ingo Fietze.

  • Was kann zu Schlafstörungen führen, wohin können sie führen?

    Ständiger nächtlicher Lärm kann den Schlaf erheblich beeinträchtigen. Nach der dritten durchlittenen Nacht, sinkt die Leistungsfähigkeit im Job. Auch ein unregelmäßiger Lebensstil mit wenigen Schlaf- und Erholungsphasen - sei es bei der Arbeit, sei es in der Freizeit - kann letztlich zu Schlafstörungen führen.
    DAK-Chef Andreas Storm erläutert: „Im Job nehmen schwere körperliche Arbeiten seit Jahrzehnten ab, psychische Belastungen hingegen zu.“ Dabei lässt sich eine gewisse Wechselwirkung zwischen psychischen Problemen und Schlafstörungen feststellen. Schlafstörungen können zu Depressionen oder Angstzuständen führen - und umgekehrt. Und letztlich sind auch chronische körperliche Beschwerden wie Bluthochdruck oder Diabetes möglich.

  • Wie sieht die Versorgungssituation für solche Patienten aus?

    „Dramatisch schlecht“, sagt Fietze. Deutschland brauche eine neue Facharztgruppe, den niedergelassenen Schlafmediziner. „Es fehlt der primäre Ansprechpartner.“ Auch die Zahl der Schlafzentren sollte aufgestockt werden, zumal sich diese vor allem mit Atemstörungen beim Schlafen beschäftigen. Und es bedürfe mehr Aufklärung über Schlafprobleme und mehr Prävention in Schule und Beruf, sagt Fietze. 

  • Was kann ich bei Schlafstörungen tun?

    Bevor man zur Schlaftablette greift, sollte man über sein Schlafverhalten nachdenken, Stichwort: Schlafhygiene. Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin rät unter anderem: Jeden Tag um dieselbe Zeit aufstehen, nur Schlafen gehen, wenn man wirklich müde ist, regelmäßig Sport treiben, vor dem Zubettgehen keinen Kaffee, keinen Alkohol und keine Zigarette mehr und den Mittagsschlaf vermeiden.

  • Was ist mit Medikamenten?

    Jeder zweite Patient, der mit Schlafstörungen kämpft, besorgt sich Schlafmittel ohne Rezept, oft ohne fachmännische Beratung. Fietze beklagt, dass Apotheker zu wenig über die Mittel aufklären. Grundsätzlich könnten Schlaftabletten bei chronischen Schlafstörungen auch über einen längeren Zeitraum notwendig sein. Das sollte aber der Arzt entscheiden.

  • Was kostet die Gesellschaft das Problem Schlafstörungen?

    Schlechter Schlaf hat seinen volkswirtschaftlichen Preis. Laut RKI belaufen sich in Europa allein die Kosten durch Einschlafen am Steuer auf mehrere Milliarden Euro jährlich. Die reduzierte Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz lässt sich kaum beziffern. Doch Fehltage aufgrund von Schlafstörungen nehmen deutlich zu, wenn auch bisher auf niedrigem Niveau: Sie stiegen um rund 70 Prozent auf 3,86 Tage je 100 Versicherten.

Bei Schlafstörungen können Medikamente helfen, die in den Hormonhaushalt eingreifen, langfristig ist aber nur eine Veränderung der Lebensumstände oder Denkmuster wirksam und gesund. Oft hilft es zur Abwehr von Ängsten rund um das Schlafdefizit schon, wenn man sich ein paar grundlegende Dinge über den Schlaf vergegenwärtigt:

Menschen neigen beispielsweise generell dazu, ihre Schlafdauer und -tiefe zu unterschätzen, was man in Schlaflaboren immer wieder feststellt. Die oft als Schallgrenze für ein gesundes Leben genannten nötigen acht Stunden Schlaf sind eher ein Optimum als wirklich notwendig, viele Menschen kommen mit deutlich weniger Schlaf aus. Außerdem wird der Schlaf tendenziell im Alter leichter und weniger, ohne dass dies negative Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit hätte.

Arbeit und Smartphone halten uns wach

Dinge, die die Menschen heutzutage vermehrt vom Schlafen abhalten, sind beispielsweise aktive, das Gehirn stimulierende Tätigkeiten (z.B. arbeiten) bis kurz vor dem Schlafengehen, helle Displays von Smartphones, Computern oder Fernsehern, zu wenig körperliche Aktivität oder vermehrter Leistungsdruck und damit einhergehende Ängste.

Wichtig ist deshalb eine gute Schlafhygiene: so sollte das Bett außer zum Schlafen nur für einschlägige partnerschaftliche Aktivitäten genutzt werden. Diese Herangehensweise beinhaltet auch die Angewohnheit, aufzustehen wenn man nicht müde ist oder nicht schlafen kann und sich so lange mit etwas anderem zu beschäftigen, bis man wieder müde ist. Dem Gehirn wird so immer wieder eine Verbindung zwischen Bett und Schlafen eingetrichtert. Neben dem Bett sollte sich auf keinen Fall ein dauerhaft leuchtender Wecker befinden, mithilfe dessen man die schon verpasste oder noch verbleibende Zeit nachrechnen kann, denn das bringt das Gedankenkarussell rund um den angesprochenen Teufelskreis in Gang. Zum Ausgleich gegenüber dem stressigen Arbeitsalltag sind Entspannungsmethoden und Meditationen insbesondere vor dem Schlafengehen zusätzlich zu empfehlen.

So schlafen Sie besser ein und stehen morgens entspannter auf

  • Sport und Bewegung

    Auch wenn es schwer fallen mag: Wer sich vor dem Schlafen gehen an der frischen Luft bewegt, bekommt den Kopf frei und schläft besser ein und durch. Dafür reicht schon ein Spaziergang an der frischen Luft - es muss ja nicht gleich das Power-Workout-Programm sein.

  • Den Job Job sein lassen

    Guter Schlaf hat viel mit Abschalten zu tun. Also schalten Sie Diensthandy und E-Mails aus, sobald Sie nach Hause kommen und kümmern Sei sich um Ihre Lieben und sich - und nicht um den cholerischen Chef.

  • Zeit mit geliebten Menschen verbringen

    Apropos Ihre Lieben: Nachdem Sie die letzten acht bis zehn Stunden mit Kollegen und Chefs verbracht haben, die Sie sich nur indirekt aussuchen können, verbringen Sie abends Zeit mit Familie, Kindern, Freunden oder Ihrem Goldfisch. Hauptsache, es ist etwas Lebendiges, das Sie mögen. Das entspannt enorm und sorgt für einen anderen Blick auf den Tag. Zumindest, wenn Sie sich mit Menschen beschäftigen.

  • Tag Revue passieren lassen

    Manchen Menschen hilft es, vor dem Schlafen gehen zehn Minuten zu meditieren. Sollte Ihnen der Spiritismus abgehen, lassen Sie einfach den Tag noch einmal an Ihrem inneren Auge vorbei ziehen - und zwar nur die guten Dinge. Konzentrieren Sie sich auf das, was gut gelaufen ist.

  • Machen Sie eine to-do-Liste

    Bevor Sie sich ins Bett legen, tragen Sie kurz - schriftlich oder in Gedanken - zusammen, was Sie am nächsten Tag erwartet: Der Hund muss zum Tierarzt, Sie wollten Milch kaufen, den Müll runter tragen, die Präsentation fertig stellen und abends mit den Kollegen Fußball spielen. So klären sie Ihre Gedanken und schlafen besser ein.

  • Lesen Sie

    Statt zum Einschlafen Fern zu schauen oder sich auf dem Smartphone Youtube-Videos anzusehen, lesen Sie lieber ein Buch. Das ist gut für die grauen Zellen und müde macht es auch.

Meinem Patienten halfen bei der Wiederherstellung seines Schlafrhythmus wie zu erwarten am meisten die regelmäßigen Tagesabläufe ohne Nachtschichten. Nach etwa zwei Wochen im Klinikumfeld verspürte er eine deutliche Verbesserung des Schlafs, der bis zum Ende seiner Reha immer besser wurde. Für die Zeit nach dem Aufenthalt nahm er sich die Einhaltung der Schlafhygieneregeln und regelmäßige progressive Muskelentspannung vor. Nebenbei hatte ich mit ihm am seinerseits empfundenen Leistungsdruck gearbeitet. Nachdem er eigene Anteile erkannt hatte, wollte er mit einer weniger verbissenen und achtsameren Einstellung an den Arbeitsplatz zurückkehren. Für den Fall, dass diese Maßnahmen nicht ausreichen würden, schilderte er die Möglichkeit, gegen moderate finanzielle Einbußen in einen weniger anstrengenden Schichtrhythmus wechseln zu können. Seine Gesundheit bewertete er gegenüber dem hohem Ehrgeiz dann doch als wichtiger.

Geritt Müller heißt eigentlich anders. Er arbeitet als Psychotherapeut in einer Klinik im Sauerland. Um die Identität seiner Patienten zu schützen, und damit er freier schreiben kann, haben wir ihm einen anderen Namen gegeben.

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