Einfühlungsvermögen in der Chefetage: Empathie wird überschätzt

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von Daniel Rettig

Psychologen und Organisationsforscher warnen vor übertriebenem Einfühlungsvermögen. Und auch Manager stellen fest: Zu viel Empathie stresst, hemmt, lähmt. Eine Vorschau auf die neue Titelgeschichte der WirtschaftsWoche.

„Manchmal muss man unpopuläre Entscheidungen treffen“, sagt Vera Gäde-Butzlaff, Chefin des Berliner Energieversorgers Gasag. „Auch wenn sie Härten für Einzelne enthalten, sind sie doch nötig für die Zukunft des Unternehmens.“

Ist Gäde-Butzlaff einfach nur besonders herzlos? Mitnichten. Tatsächlich warnen Forscher inzwischen vor zu viel Empathie auf der Chefetage. Und auch Manager müssen feststellen: Ja, wer andere führt, darf selbst kein gefühlskalter Soziopath sein – aber ein harmoniesüchtiger Gefühlsmensch ist auch kein guter Chef.

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„Empathie ist eine lobenswerte Eigenschaft“, sagt zum Beispiel Myriam Bechtoldt, Psychologieprofessorin an der Frankfurt School of Finance & Management, „aber zu empathisch dürfen Führungskräfte auch nicht sein.“

Darauf deuten nicht nur neue Studien von Psychologen, Neurowissenschaftlern und Managementforschern hin. Wer sich mit Menschen in verantwortungsvollen Positionen unterhält, der kommt vor allem zu einem Schluss: Empathie wird überschätzt. Sie lähmt, stresst und hemmt. Wenn man sie zu wörtlich nimmt, macht sie uns vielleicht zu guten Menschen, aber nicht zu besseren Angestellten. Und erst recht nicht zu vorbildlichen Führungskräften. Sicher, ein gefühlskalter Vorgesetzter wirkt verstörend und erreicht seine Mitarbeiter nicht – doch ein Übermaß an emotionaler Zugewandtheit eben auch. Entscheidend ist wie so oft die richtige Dosis.

Wer die Nöte seiner Angestellten zu nah an sich heranlässt, kann selbst in Bedrängnis geraten. Es ist ein bisschen so wie bei einem Strafverteidiger. Auch der muss den feinen Grat finden zwischen nüchterner Parteinahme und dem respektvollen Umgang mit der Gegenseite. Hinzu kommt: In die Gefühlszustände anderer einzutauchen, ist ein Kraftakt, der buchstäblich an die Nieren geht.

Zu diesem Ergebnis kam kürzlich auch Myriam Bechtoldt. In einer Studie zeigte sie 166 Studenten Fotos verschiedener Gesichter. Die Probanden sollten auf den Fotos Emotionen wie Angst oder Ekel erkennen. Danach mussten sie eine Rede vor einer zwölfköpfigen Jury halten und über persönliche Stärken und Schwächen sprechen. Vorher und nachher maß Bechtoldt den Cortisol-Wert im Speichel der Freiwilligen, um ihr Stresslevel zu bestimmen.

Chefs müssen nicht geliebt werden

Das Ergebnis: Wer sich im ersten Teil des Experiments als besonders mitfühlend erwiesen hatte, war während des fiktiven Bewerbungsgesprächs deutlich gestresster und brauchte länger, um sich wieder zu erholen. Offenbar ließen die besonders mitfühlenden Teilnehmer die Laune des Gegenübers besonders stark an sich heran – und das beeinflusste ihre eigene Gefühlswelt.

Stress steckt an. Selbst wenn wir ihn nur bei anderen beobachten. Das lässt sich verhindern – durch den gesunden Mittelweg zwischen Fühlen und Führen. Es ist Zeit für eine neue Nüchternheit im Büro. Der Chef wird nicht dafür bezahlt, geliebt zu werden.

Die neue Ausgabe der WirtschaftsWoche beschäftigt sich in der Titelgeschichte mit dem Mythos Empathie. Lesen Sie, warum die Kunst, auf seine Mitarbeiter einzugehen, jahrelang als Heiliger Gral des Managements gehandelt wurde – und warum Experten das inzwischen für einen Irrweg halten.

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