Exklusiver Vorabdruck: Der Dalai Lama redet Managern ins Gewissen

Exklusiver Vorabdruck: Der Dalai Lama redet Managern ins Gewissen

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Bundeskanzlerin Angela Merkel empfängt den Dalai Lama im Bundeskanzleramt in Berlin

Die WirtschaftsWoche druckt weltexklusiv Auszüge aus dem ersten Management-Buch des Dalai Lama: „Führen, gestalten, bewegen“. Wer ist dieser Mann, der China in Atem hält und die Welt in seinen Bann schlägt? Chefreporter Dieter Schnaas über Tenzin Gyatso, den 14. Dalai Lama, sein Religionsverständnis, seine Tibet-Politik – und über die Missverständnisse, die den fairen Blick auf den Gottkönig des tibetischen Buddhismus vernebeln.

Bevor man viele Worte über Tenzin Gyatso, den 14. Dalai Lama, verliert, sollte man wissen, dass er weniger ist, was er ist, vielmehr das, was er nicht ist. Seine spirituelle Kraft entfaltet er als handlungsreisende Lehr- und Leerstelle für westliche Hilfe-Halt-und-Sinn-Sucher. Seine politische Macht bezieht er aus weltweiter Sympathie für seine politische Ohnmacht. Und seine religiöse Bedeutung verdankt er als Wiedergänger seiner 13 Vorfahren und Emanation von Avalokiteshvara, dem Erleuchtungswesen des Mitgefühls, der Befragung des tibetischen Staatsorakels. Viel schlechter könnten die Voraussetzungen für eine geglückte Selbstfindung also nicht sein: Als Wiedergeborener kann der Dalai Lama nicht „Ich“ sagen. Als buddhistischer Mönch ist er gehalten, sein „Ich“ in Nichts aufzulösen. Als Exilant hat sein „Ich“ kein realpolitisches Gewicht. Und als Projektionsfläche zersplittert sein „Ich“ millionenfach in das, was andere in ihm sehen wollen.

Nehmen wir dennoch für einen Moment an, der Dalai Lama besäße, von Mensch zu Mensch gewissermaßen, eine Art Selbstverhältnis: Wie oft wohl mag er sich in den vergangenen Jahren gefragt haben, welchen Sinn das alles mache, welche Bilanz zu ziehen sei? Er ist jetzt 72 Jahre alt und scheinbar immer noch der, den alle zu kennen glauben: der schalkhafte Mönch mit dem kehligen Kichern, der weinroten Kutte, der altmodischen Goldrandbrille und den vier Impfnarben auf dem Oberarm. Aber ist er das wirklich?

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Seit fast fünf Jahrzehnten lebt der Dalai Lama nun in Dharamsala im indischen Exil; seine Heimat, Tibet, wird er sehr wahrscheinlich nicht mehr wiedersehen. Fünf Jahrzehnte, das ist eine lange Zeit: Die Realität löst sich zusehends von der Erinnerung, die sich im Erinnern idealisiert – und ihrerseits von der Realität entfernt. Das „wahre“ Tibet gibt es deshalb mindestens zweimal: für die sechs Millionen Bewohner als geografisch fassbare, tagespolitisch fühlbare Wirklichkeit, als „Tibetische Autonome Region“ (TAR) der Volksrepublik China; für die Exiltibeter und den Rest der Welt als Kennwort für Spiritualität, Naturmystik und Friedensliebe, als überzeitlichen Sehnsuchtsort, in dem sich religiöse Traditionen, nationale Mythen und alle denkbaren Träume von einem fernen Hochland im Himalaya bündeln.

In der Tiefebene der Realpolitik sind die beiden Realitäten manchmal nicht zur Deckung zu bringen; der Dalai Lama hat es in den vergangenen Jahren leidvoll erfahren. Vom Wunschtraum eines unabhängigen Tibet hat er sich längst gelöst, weil er weiß, dass ihm dafür die diplomatische Unterstützung fehlt und die territoriale Integrität Chinas nicht zur Disposition steht. Das politische Tauschgeschäft mit den Demokratien des Westens besteht darin, dass der Dalai Lama den dortigen Politikern als humanistische Zierde, symbolisches Menschenrecht und sympathische Provokationsgelegenheit dient – und im Gegenzug Aufmerksamkeit erhält.

Seinen Landsleuten ruft er zu, sich den politischen Fakten zu fügen, sich mit chinesischen Zuzüglern zu messen, gewaltlos und strebsam zu sein. Gegen die wirtschaftliche Erschließung seiner Heimat hat er nichts einzuwenden, schon gar nichts gegen die zivilisatorischen Vorzüge des Wohlstands. Der Dalai Lama weiß, dass ein „freies“ Tibet vor allem eines wäre: verdammt zur Armut. Und natürlich weiß er auch, dass seine Aufrufe zu Geduld und Duldsamkeit in den Ohren derer, die in Tibet täglich schikaniert, unter Druck gesetzt und verfolgt werden, wie Hohn klingen müssen. Seit fünf, sechs Jahren macht der Dalai Lama sich Gedanken um sein Vermächtnis, denkt über seinen Rückzug nach, sein Erbe. Er lässt die Frage offen, ob sein Nachfolger – seine Wiedergeburt – in Tibet gefunden, ja ob es überhaupt einen 15. Dalai Lama geben wird, weil er Religion und Politik voneinander trennen, seine Exilregierung demokratisch modernisieren will – und weil er fürchtet, die Chinesen könnten einen Gegenkandidaten küren und sich dabei religiöser Rituale bedienen. Bereits mehrfach hat er angekündigt, sich ins Kloster zurückziehen zu wollen. Er weiß, dass er für China eine Reizfigur ist, er möchte einer Lösung der Tibet-Frage nicht im Weg stehen – und ganz gewiss ist er auch das heitere Berufungsraten leid, zu dem Buddhismus-Sprinter sich weltweit um ihn versammeln, auf Jahrmärkten der guten Gesinnung mit ihren Gebetsmühlen, Schellen, Räucherstäbchen und sinnsprüchlichen Trostpflästerchen. Natürlich, er hat die Tibet-Frage auf diese Weise von einer lokalen Affäre zu einer weltweiten Angelegenheit aufgewertet – und doch: Hat er sich selbst und sein Volk nicht am Ende in eine Sackgasse geführt?

Wer als 14. Gottkönig zwei Drittel seines Lebens in der Verbannung verbringt, schärft unvermeidlich seinen Blick für die kulturelle Selbstverständigung seines Volkes – und setzt sich damit in der Heimat fast zwangsläufig dem Vorwurf aus, vor allem bei der nachwachsenden Generation, er sei vorrangig an der Erhaltung religiöser Rituale interessiert – und nicht an der Lösung grundsatzpolitischer Fragen. Vielleicht liegt hierin die Tragik des Dalai Lama: Offenbar fühlt sich eine perspektivlose, sozial abgehängte tibetische Jugend in Lhasa und Shigatse an seinen religiösen Identitätsentwurf nicht mehr gebunden, misstraut dem lamaistischen Buddhismus als primärer Sinngebungsinstanz – und zerreißt das Tibet-Bild vom friedlichen Shangri-La, das der Dalai Lama als Wanderprediger der Gewaltlosigkeit in der Welt herumgereicht hat. Steht der Dalai Lama nach sechs erfolglosen Verhandlungsrunden mit Peking seit 2001 einer politischen Lösung der Tibet-Frage im Weg? Schwer zu sagen. Fest steht, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis das „Dach der Welt“ als imaginierter Zufluchtsort zivilisationsmüder Zeitgenossen an Anziehungskraft verlieren wird: Ohne den Dalai Lama wird Tibet nicht mehr nach Sehnsucht klingen. Und Lhasa wird sich plötzlich auf Gaza reimen.

Für Tibet und die Tibeter liegt darin eine Chance – und letztlich auch für den Dalai Lama: Eine Repolitisierung und Historisierung der Tibet-Frage ist so überfällig wie eine faire Bewertung des Gottkönigs. Noch immer vernebeln drei Missverständnisse den Blick. Das erste betrifft die Geschichte Tibets, die gerne halluziniert wird als Geschichte eines friedlichen Reichs der Klöster und Mönche, mit Sanftmut gelenkt von gutmütigen Herrschern, jeder im Reinen mit sich und der Natur. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Tibet bietet über die Jahrhunderte, wie jeder andere Landstrich auch, viel Shakespeare-Stoff; es wurde intrigiert und hintergangen, korrumpiert und ausgebeutet, gemeuchelt und gemordet in einem klerikal-feudalistischen Reich, in dem man bis ins 20. Jahrhundert hinein am Strafvollzug des Prangers, Augenausstechens und Gliederabtrennens festhielt.

Das zweite Missverständnis betrifft die angebliche Einzigartigkeit des tibetischen Schicksals unter chinesischer Fremdherrschaft. Mit dem Ende der Idealisierung des „verbotenen Landes“ würde Tibet seiner Opferrolle enthoben – und im Kontext allgemeiner chinesischer Menschenrechtsverletzungen, nicht mehr als deren Kristallisationspunkt wahrgenommen. Die Vergleichbarkeit würde nichts relativieren, im Gegenteil, sie würde den Blick öffnen und schärfen für die Schattenseiten chinesischer KP-Politik: Die Kulturrevolution in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts richtete sich eben nicht nur gegen tibetische Klöster, sondern auch gegen die Chinesen selbst. Die Fortschrittswalze der Han-Chinesen hat in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur zwei Drittel der Altstadt in Lhasa planiert, sondern auch die in Peking, Shanghai und Kashgar. Von der Einschränkung elementarer Grundrechte, der Religions- und Meinungsfreiheit, sind nicht nur die Tibeter betroffen, sondern auch die muslimischen Uiguren, die Mitglieder der Falun-Gong-Sekte – und jeder Internet-Nutzer.

Das dritte Missverständnis schließlich betrifft den Dalai Lama selbst – und ereilt ihn beinahe wöchentlich: Er inszeniere den Buddhismus als Ausverkauf differenzierter Sichtweisen, als anstrengungslosen Patchwork-Glauben für wohlstandsmatte Zeitgenossen. Dagegen ist dreierlei einzuwenden.

Erstens: Der Dalai Lama mag sich an der Seite von Brad Pitt und Sharon Stone oft über die Grenzen der Selbstverleugnung hinaus inszenieren; dass er den Buddhismus verkaufe wie ein Vorwerk-Vertreter, ist ein Vorwurf, den nur feuilletonistische Selbstbefriediger vorbringen können. Tatsache ist: Der Dalai Lama wirbt nicht für seine Religion, wirbt nicht mal um Verständnis. Noch jede seiner Unterweisungen hat er mit dem Hinweis eingeleitet, es sei besser, eigenen Religionen zu folgen, als blind begeistert den Buddhismus zu bestürmen.

Zweitens: Die weisheitlich-gleichnishafte Redundanz, die der Dalai Lama in seinen Fibeln und Wortwechseln verbreitet, unterschreitet im Lebenshilfegeschäft nicht das branchenübliche Maß.

Und drittens: Es ist dem Buddhismus nicht vorzuwerfen, dass er ohne Schuld und Sühne auskommt – und „Gott“ gleichsam ins „Ich“ verlegt. Der Dalai Lama hat nie Zweifel daran gelassen, dass der Buddhismus keine schnelle Verabredung fernöstlicher Mystik mit abendländischer Rationalität, im Gegenteil: dass er in seinem Kern eine mühsam-meditative Geistesschulung für eine Elite ist. Der Buddhismus verlangt starke Menschen, die das Paradoxon auflösen müssen, sich in ihrer Nichtigkeit wichtig zu nehmen – ohne Gnade, Glück, Erlösung zu erhoffen. Er überlässt die Menschen sich selbst, ihren Begierden, ihrem Streben hin – zum Nichts.

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