Bitcoin-Alternative: Chaos im Wunderland

Bitcoin-Alternative: Chaos im Wunderland

, aktualisiert 01. August 2016, 12:04 Uhr
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Der Ethereum-Gründer wehrt sich gegen Kritiker.

von Frank WiebeQuelle:Handelsblatt Online

Bei Ethereum, dem wichtigsten Konkurrenz-Projekt zu Bitcoins, kommt es zur Sektenbildung. Auf einmal existieren dort zwei Blockchains nebeneinander. Der Vorgang wirft ein Schlaglicht auf die Tücken der neuen, hoch gelobten Technik.

New YorkAnfang Mai war noch alles in Ordnung. Als sich die bunte Welt der Blockchain-Anhänger im Marriott Marquis am Times Square traf, gab es einen heimlichen Star – einen schlaksigen jungen Mann, der im weißen T-Shirt durch die Hallen schlenderte und auf Fragen mit schnell herunter geratterten Schachtelsätzen antwortete. Sein Name: Vitalik Buterin, Alter 22 Jahre, geboren in Moskau, aufgewachsen in Toronto, mit seiner Stiftung Ethereum zu Hause im Schweizer Kanton Zug.

Ethereum – schon der Name klingt esoterisch. Und das Konzept, das ein Kumpel von Buterin den Besuchern mit russischem Akzent erklärte, schien eine Art Wunderwerk zu sein. So wunderbar, dass sich Banker und Berater darauf stürzten. Accenture schloss bei der Gelegenheit eine Partnerschaft mit Ethereum.

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Aber jetzt ist alles anders. Nach einem finsteren Hacker-Angriff auf Ethereum brach Buterin ein Tabu und ließ das System zum Teil neu programmieren, um den Angriff sozusagen ungeschehen zu machen. Einige seiner konsequentesten Fans sahen das nicht ein und verfolgen seither unter dem Namen Ethereum Classic das alte Programm weiter.

Jetzt gibt es zwei parallele Blockchains in Buterins Reich. Und das droht das Vertrauen in die gesamte Blockchain-Technik, die durch die Bitcoins bekannt wurde, zu untergraben. Denn die Idee hinter dieser Technik ist, eine dezentrale Buchhaltung zu schaffen, die nie mehr nachträglich geändert werden kann und unabhängig von einer zentralen Instanz und damit frei von menschlichen Streitigkeiten klar und objektiv existiert. Doch mit der Sektenbildung von Ethereum ist dieser Grundsatz nun in Frage gestellt.

Die Blockchain wurde zunächst als Basis der Bitcoins geschaffen, also als alternatives Bezahlsystem. Es handelt sich um eine Software, bei der jeder, der sich an das System andockt, automatisch identische Informationen bekommt. Jede Zahlung ist in dieser elektronischen Buchhaltung vermerkt und kann nachträglich nicht geändert werden. Um das System zu sprengen, müssten sich Hacker mit einer extrem hohen Rechnerkapazität zusammentun und damit die Kapazität der ehrlichen Teilnehmer in die Knie zwingen – was als sehr unwahrscheinlich gilt.

Aufbauend auf der Blockchain-Technik werden aber inzwischen von neuen Fin-Tech-Unternehmen, alten Beraterfirmen, EDV-Riesen wie IBM und Banken in Kooperation neue Anwendungen erprobt. Wertpapiergeschäfte etwa sind ein viel versprechender Bereich für die elektronische Buchhaltung, die keine zentrale Instanz benötigt.


Zweitgrößte virtuelle Währung nach Bitcoin

Buterin hat das Konzept noch weiter entwickelt. In seinem Reich gibt es ebenfalls eine virtuelle Währung, Ether genannt, sie ist nach Bitcoins die weltweit zweitgrößte. Außerdem ist es bei Ethereum für Anwender besonders leicht, sogenannte Smart Contracts einzubauen, geschäftliche Vereinbarungen, die automatisch abwickelt werden. So könnte zum Beispiel ein Container, wenn er sein Ziel erreicht, automatisch die Bezahlung seiner Fracht veranlassen.

Ein ganz wichtiges Element in Buterins Wunderland sind zudem sogenannte DAOs, oder Distributed Autonomous Organisations. Dabei handelt es sich um virtuelle Unternehmen. Wer dort einzahlt, bekommt entsprechend seiner Summe Stimmrechte. Die DAO sammelt also Geld ein und die Investoren legen anschließend fest, in welche Projekte es investiert werden soll – ohne Vorstand oder Hauptversammlung. Alles läuft technisiert ab – als perfekte Symbiose von Demokratie, Kapitalismus, Anarchismus und Technik-Gläubigkeit.

Buterin startete nach Darstellung des Fachmediums Coindesk im Mai die erste DAO und sammelte 150 Millionen Dollar ein – ein beachtlicher Betrag angesichts der Tatsache, dass ja zunächst noch niemand weiß, wie das Geld eigentlich investiert werden soll. Doch diese virtuelle Gesellschaft wurde gehackt und Werte von rund 60 Millionen Dollar wurden gestohlen. Was tun?

Die Mehrheit der Ethereum-Community stimmte ab und kam zu dem Ergebnis, der Code sollte nachträglich so geändert werden, dass die Investoren ihr Geld zurückbekommen. Das ist geschehen. Weil aber ein paar Fundamentalisten ihr eigenes Ding machen, gibt es ab dem letzten Juli-Wochenende nun zwei Ethereum Blockchains: ETH steht für Buterins revidierte Fassung, ETC für die Sektierer.

„Wir glauben an die originale Version von Ethereum als einen Welt-Computer, denn man nicht abschalten kann, wo irreversible Verträge geschlossen werden“, heißt auf der Webseite von Ethereum Classic, wo sich die Sektierer finden.

Die Absurdität des Vorgangs zeigt sich darin, dass es jetzt auch zwei verschiedene Währungen gibt. Wer bisher zum Beispiel zehn Ether besaß, dem gehören jetzt zehn ETH (Ether revidiert) und zehn ETC (Ether klassisch). Zum Teil werden auch schon beide Währungen gegeneinander gehandelt.


Buterin gibt sich entspannt

Buterin gibt sich dennoch ganz entspannt. Das Problem sei eben in der Anfangsphase einer ganz neuen Technik aufgetreten, meint er, und rechtfertigt damit den Einsatz der „hard fork“, also von roher Gewalt, um die Geschichte neu zu schreiben und den Hacker-Angriff buchstäblich ungeschehen zu machen.

In seinem Blog schreibt er, er habe nie etwas gegen Alternativen zu seiner alternativen Währung gehabt und gibt sogar praktische Tipps, wie Klassik-Fans technisch am besten vorgehen sollten. Die Beratungsgesellschaft KPMG wiegelt ebenfalls ab. Nach ihrer Darstellung sollten Kunden, die eine private Blockchain aufbauen wollen, sich nicht abschrecken lassen.

Private Blockchains sind nur einem bestimmten Kreis von Teilnehmern zugänglich, also nicht mit den offenen Blockchains zu verwechseln, wo jeder mitmachen kann. Möglicherweise wird der Zerfall von Ethereum-Wunderland in zwei Reiche dazu beitragen, dass sich Banken und andere Anwender auf diese private Form der Anwendung konzentrieren, die ohnehin schon mehr und mehr Anhänger gewinnt.

Aber die wirklich harten Blockchain- und Bitcoin-Fans setzen bis heute auf eine offene Lösung. Sie möchten ja gerade verhindern, dass die großen Banken mit privaten Technik-Lösungen am Ende wieder unter sich bleiben. Es gab daher nie Versuche, die Geschichte neu zu schreiben, wenn Bitcoins gestohlen wurden oder als die Bitcoin-Börse Mt. Gox spektakulär zusammenbrach. Wer Verluste hatte, hatte eben Verluste.

Ein Grund, dass es bei Ethereum anders läuft, ist wahrscheinlich, dass es hier mit Vitalik Buterin einen bekannten Gründer und damit eine eindeutige Führungsfigur gibt, während der Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto immer noch unbekannt ist. Im Mai behauptete zwar ein australischer Geschäftsmann, Nakamoto zu sein, damit stieß er aber auf Skepsis, unter anderem auch bei Buterin.

Quelle:  Handelsblatt Online
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