Dax-Umfrage: „Die Gefahr für deutsche Anleger steigt“

Dax-Umfrage: „Die Gefahr für deutsche Anleger steigt“

, aktualisiert 02. Mai 2017, 12:50 Uhr
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Kaufbereitschaft unter deutschen Anlegern ist derzeit kaum vorhanden, zeigt die Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment.

von Jürgen RöderQuelle:Handelsblatt Online

Die Dax-Rally wird von internationalen Investoren getrieben. Sie nutzen das im Vergleich zu den USA niedrigere Bewertungsniveau. Die Anleger hierzulande warten auf günstigere Kaufchancen. Doch wird es die noch geben?

DüsseldorfDie Wähler in Frankreich haben vor zehn Tagen den Sozialliberalen Emmanuel Macron und die rechtsextreme Kandidatin Marine le Pen in die Präsidentschafts-Stichwahl geschickt. In der Stichwahl geben Experten Le Pen wenige Chancen, gegen Macron zu bestehen. Aus Sicht der Finanzmarktteilnehmer ist die „Gefahr“ einer extrem rechten Regierung mit einem möglichen Abschied vom Euro und damit von der Euro-Zone vom Tisch. Das deutsche Börsenbarometer war als Folge am vergangenen Montag um 2,9 Prozent auf 12.438 Punkte gesprungen und hatte ein neues Allzeithoch erreicht.

Diese Rally wird nach Ansicht des Börsenexperten Stephan Heibel nicht von deutschen Anlegern getrieben. „Internationale Anleger haben ihre Furcht vor politischen Rückschlägen abgeworfen und nutzen das im Vergleich zu den USA günstige Bewertungsniveau vieler Dax-Unternehmen, während deutsche Anleger Gewinne mitnehmen und sich auf einen Rückschlag vorbereiten“, meint er.

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Basis für seine Markteinschätzungen ist die wöchentliche Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment unter mehr als 2400 Anlegern. Die Ergebnisse bewertet der Inhaber des Analysehauses AnimusX anschließend. Seine Prognosen zur Dax-Entwicklung bieten Orientierung für die Geldanlage.

Seine aktuelle Argumentation: Kaufbereitschaft sei unter deutschen Anlegern kaum vorhanden, die Investitionsquote ebenfalls gering. „Die Gefahr für deutsche Anleger steigt, die Rally zu verpassen, sollte der Leitindex weiter ansteigen“, erläutert der Sentiment-Experte. Schließlich sei laut der aktuellen Umfrage die Erwartungshaltung überaus pessimistisch – Anleger halten sich zurück.

„Dieses Stimmungsmuster haben wir in den vergangenen Wochen bereits mehrfach gesehen“, erinnert Heibel. Kursanstiege im Dax werden seit Wochen für Gewinnmitnahmen genutzt, man freue sich über die erzielten Kursgewinne. Doch genug ist genug, denken sich die Anleger immer wieder, und warten nun auf günstigere Kaufgelegenheiten.

Doch die Rechnung könnte nicht aufgehen. Die hohe Absicherung bei gleichzeitig niedriger Investitionsquote offenbart das Risiko. „Hier werden keine Absicherungspositionen eingegangen, denn was soll noch abgesichert werden, wenn die wesentlichen Positionen schon verkauft wurden?“, fragt Heibel rhetorisch. Denn wenn Anleger nach einen Allzeithoch Gewinne mitnehmen: Welche Positionen werden dann noch abgesichert?

„Nein, diese vermeintlichen Absicherungspositionen sind in Wirklichkeit Spekulationen auf fallende Kurse“, so der Animusx-Inhaber. Doch genau das könnte zum Problem für die Bären werden, die auf fallende Kurse setzen. Denn sollten die Kurse wider Erwarten nicht abbröckeln, sondern weiter ansteigen, dann geraten sie in Zugzwang: Deckungskäufe müssen getätigt werden und würden eine Dax-Rally weiter anheizen.


Stimmung ist von Euphorie weit entfernt

Für Heibel ist es nur zu verständlich, nach den erzielten Kursgewinnen einige Gewinne zu realisieren. „Doch sogleich auf fallende Kurse zu spekulieren, das halte ich für gefährlich“. Ein Kursanstieg im Dax könnte dadurch schneller vonstattengehen, als viele Privatanleger in der Lage sind, ihre Short-Spekulationen aufzulösen und Aktien zu kaufen.

Mit dieser Ansicht steht der Sentiment-Experte nicht alleine da. „Insgesamt sprechen die Fakten für einen weiteren Aufschwung“, meint beispielsweise Nermin Aliti, Investment Manager der Laureus Privat Finanz, Tochter der Genossenschaftsbank Sparda-West. Dass der Dax und andere Leitindizes Rekordstände verbuchen, müsse per se kein Verkaufsargument sein.

Zur aktuellen Umfrage: Es ist kein Wunder, dass die Stimmung der Umfrageteilnehmer nach dem Wochenplus in Höhe von 2,9 Prozent deutlich angesprungen ist. 27 Prozent (plus 18 Prozentpunkte gegenüber der Vorwoche) sehen in der aktuellen Dax-Bewegung einen Aufwärtsimpuls. Weitere 40 Prozent (plus 24 Prozentpunkte) betrachten das neue Allzeithoch als Top-Bildung. Gut jeder Vierte (minus 26 Prozentpunkte) sieht den Dax nach dem Aufwärtssprung in einer Seitwärtsbewegung. Mit einem Wert von 2,3 Prozent haben die Umfrageteilnehmer zwar gute Laune, sind jedoch noch weit entfernt von Euphorie.

Euphorie gilt als Kontraindikator und damit als ein Indiz für bald fallende Kurse, weil bei einer solchen Stimmung die meisten Anleger investiert sind und Anschlusskäufe ausfallen.

Mit steigenden Kursen steigt in der Regel auch die Selbstzufriedenheit von Anlegern. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer (52 Prozent, plus sieben Prozentpunkte) geben an, den Dax-Kurssprung so zum größten Teil erwartet zu haben, jeder Fünfte (plus zehn Prozentpunkte) will sogar darauf spekuliert haben. Kaum erfüllt sehen ihre Erwartungen hingegen noch 18 Prozent (minus 15 Prozentpunkte) und jeder Zehnte (minus zwei Prozentpunkte) wurde auf dem falschen Fuß erwischt.

Die Skepsis unter den Anlegern ist weiterhin sehr ausgeprägt. Nur noch 18 Prozent (minus ein Prozentpunkt) gehen für den Dax von einem Aufwärtsimpuls in drei Monaten aus, 11 Prozent (plus fünf Prozentpunkte) hingegen erwarten eine Topbildung. Für eine Seitwärtsbewegung bereiten sich nur noch 31 Prozent (minus zwei Prozentpunkte) vor, unverändert 35 Prozent hingegen fürchten einen Abwärtsimpuls. „Der extreme Pessimismus, den wir seit Februar bei unseren Umfrageteilnehmern messen, bleibt bestehen“, fasst Heibel zusammen.

Entsprechend wollen nur noch 17 Prozent (minus drei Prozentpunkte) in den kommenden zwei Wochen Aktien zukaufen, während 22 Prozent (plus vier Prozentpunkte) Aktien verkaufen möchten. Mit 60 Prozent (minus ein Prozentpunkt) warten die meisten jedoch vorerst mit einer Entscheidung ab.


Neutrale Stimmung in den USA

Privatanleger an der Börse Stuttgart haben die Allzeithochs im deutschen Leitindex genutzt, um sich stärker gegen vermeintlich anstehende Kursverluste abzusichern. Das Euwax-Sentiment, das auf realen Trades mit Hebelprodukten auf den Dax basiert, zeigt eine starke Absicherung der Privatanleger an. Profis, die sich über die Frankfurter Terminbörse Eurex absichern, sind hingegen neutral positioniert. Das Put/Call-Ratio, das Verhältnis zwischen Put- und Call-Optionen, notiert mit 1,4 genau auf dem Durchschnitt der vergangenen Monate.

In den USA zeigt der auf technischen Marktdaten basierende „Angst-und-Gier-Index“ des S&P 500 mit 49 Prozent eine neutrale Stimmung an. Institutionelle Anleger verfügen über eine Investitionsquote von 89,7 Prozent, was einem deutlichen Anstieg im Vergleich zur Vorwoche mit 70,8 Prozent entspricht. Der Bulle/Bär-Index der Privatanleger in den USA hat sich auf 6,3 Prozent erhöht, noch in der Vorwoche war die Stimmung unter den Privatanlegern in den USA negativ.

Auch für Joachim Goldberg, der für die Frankfurter Börse eine Sentiment-Umfrage erhebt, halten viele Anleger hierzulande den Dax offenbar für überbewertet und sind daher nicht bereit, die derzeitigen Preise zu bezahlen. Allerdings sei vorstellbar, dass diese Akteure im Falle eines Rücksetzers – drei bis vier Prozent unter dem aktuellen Kurs der Umfrage von 12.460 Punkte gerechnet – für frische Nachfrage sorgen.

Die Handelsblatt-Umfrage startet jeden Freitag und endet am Sonntag. Die Auswertung lesen Sie tags darauf auf Handelsblatt Online. Einfacher haben es Leser, die sich für eine kostenlose Erinnerungsmail eintragen. Sie erhalten automatisch eine Mail mit der Bitte, an der Umfrage teilzunehmen, und eine, wenn die Experten-Auswertung auf Handelsblatt Online zu lesen ist

Quelle:  Handelsblatt Online
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