Depot Contest: Europäische Aktien steigen, die Euphorie sinkt

Depot Contest: Europäische Aktien steigen, die Euphorie sinkt

, aktualisiert 13. März 2017, 11:54 Uhr
Quelle:Handelsblatt Online

Viele europäische Aktien profitieren gerade von steigenden Gewinnen der Unternehmen. Von einer Kursrallye wie in den USA sind die Märkte aber noch weit entfernt – die politischen Unwägbarkeiten verhindern ein Überhitzen.

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Straßenarbeiten in Nordfrankreich: Der Veolia-Konzern ist bei Anlageprofis beliebt.

KölnDer politischen Unsicherheit zum Trotz läuft es für europäische Aktien derzeit rund. Anfang März stieg der Leitindex Euro Stoxx 50 auf mehr als 3.400 Punkte und erreichte damit ein neues Zwölf-Monats-Hoch. Auch Nebenwerte zeigten einen deutlichen Aufwärtstrend, der marktbreite Index Stoxx Europe 600 konnte in den vergangenen zwölf Monaten um rund zehn Prozent zulegen, davon mehr als drei Prozent allein im laufenden Jahr.

„Europäische Aktien sind in diesem Jahr schon gut gelaufen“, sagt Thomas Retzlaff, Anlageprofi bei Hallertauer Vermögensmanagement. „Die Papiere hatten Nachholbedarf, daher kommt diese Entwicklung nicht überraschend.“ Retzlaffs Portfolio liegt beim diesjährigen Depot-Contest der DAB Bank, der die Entwicklung ausgewählter Depots vergleicht, derzeit weit vorn in der aktienlastigen Kategorie „Chance“. Europäische Aktien zählen seit Beginn des Jahres zu den wichtigsten Renditebringern in seinem Depot.

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Das könnte vorerst so bleiben, denn viele europäische Aktien sind trotz der Kursanstiege noch moderat bewertet. An den Märkten werden Aktien aus dem Leitindex MSCI Europe derzeit mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15 gehandelt, der Abschlag gegenüber globalen Aktien liegt bei acht Prozent, verglichen mit den USA sogar bei 15 Prozent, haben die Analysten der Fondsgesellschaft Alliance Bernstein berechnet.

Der Grund: Das mögliche Erstarken der europafeindlichen Rechtspopulisten bei den anstehenden Wahlen in den Niederlanden und vor allem in Frankreich lässt Anleger eben doch nicht ganz kalt. Europa befindet sich deshalb derzeit in einem Spannungsfeld aus politischer Unruhe und Unternehmen, die gute Geschäfte machen und entsprechend positive Zahlen liefern.

„Der niedrige Eurokurs hilft exportlastigen Unternehmen, die hohe Konsumbereitschaft den übrigen Firmen“, sagt Retzlaff. Die Folge: Die Gewinne steigen, die Stimmung ist unterm Strich dennoch weniger euphorisch als etwa in den USA, wo einigen Anlegern die Stimmung derzeit schon zu gut ist. Vermögensverwalter Retzlaff zum Beispiel hält in seinem Musterdepot derzeit nur eine geringe Aktienquote und konzentriert sich auf Europa: „Wir sind aktuell insgesamt nur mit rund einem Drittel investiert, und das fast ausschließlich in europäischen Werten“, sagt Retzlaff.

Spanien und Frankreich zählen derzeit zu seinen Favoriten in Europa. „Spanien ist günstig bewertet und hat viele Hausaufgaben gemacht, die der Markt noch nicht honoriert hat“, sagt Retzlaff. „In Frankreich könnten viele der dort vertretenen internationalen Konzerne von einer wirtschaftsfreundlicheren Politik nach der Wahl profitieren, wenn nicht Marine Le Pen gewinnt.“ Zu den dortigen Favoriten zählen für den Vermögensverwalter der Entsorgungskonzern Veolia und der Baukonzern Vinci. „Wir schauen weniger auf die Länder als auf die jeweiligen Unternehmen“, sagt Retzlaff.


Nebenwerte entwickeln sich stark.

Zudem haben Vermögensverwalter Werte aus der zweiten Reihe im Blick. „Europäische Small-Cap-Fonds haben sich in diesem Jahr gut entwickelt“, sagt Gottfried Urban, Chef der Bayerischen Vermögen (BV). Der Vermögensverwalter liegt im DAB-Contest in der Kategorie „Chance“ derzeit ebenfalls gut im Rennen. Er hat die Hälfte seines Europa-Aktien-Engagements in kleine und mittelgroße Unternehmen investiert. Zu den stärksten Renditebringern in Urbans Muster-Depot zählt der Fonds Echiquier Entrepreneurs, der in Unternehmen mit geringer Marktkapitalisierung von 50 bis 700 Millionen Euro investiert und seit Jahresbeginn rund acht Prozent im Plus liegt.

Auch Hallertauer-Verwalter Retzlaff hat Nebenwerte verstärkt in den Blick genommen: „Wir bevorzugen in Deutschland Nebenwerte, die wir gut kennen und die eine gute Story haben.“ Größter Renditebringer in Retzlaffs Muster-Depot ist derzeit das Münchener Biotechnologieunternehmen Morphosys. In den vergangenen Jahren hat das Unternehmen eine Berg- und Talfahrt hingelegt, seit einige Monaten überwiegen die Kursgewinne. Retzlaff liegt seit seinem Einstieg Mitte Januar mit satten 25 Prozent im Plus. Weiterer Favorit ist derzeit Wirecard. Das deutsche Unternehmen ist auf Zahlungsabwicklungssysteme für den Internethandel spezialisiert.

Wirecard ist bereits mehrmals mit Gerüchten um Kursmanipulationen und Bilanzierungstricks in die Schlagzeilen geraten, die jedoch bislang nicht belegt wurden. Seit zwei Jahren bewegt sich der Kurs mit starken zwischenzeitlichen Ausschlägen seitwärts. Im gleichen Zeitraum steigerte Wirecard allerdings Umsatz und Gewinn, beides soll auch im laufenden Jahr weiter steigen. Für Retzlaff überwiegen diese fundamentalen Daten: „Wirecard profitiert ungemein vom boomenden Online-Geschäft.“ Weiterer Renditebringer in seinem Depot war zuletzt die Beteiligungsgesellschaft Mutares. Nach einem Kursanstieg von mehr als 30 Prozent innerhalb von weniger als zwei Monaten hat Retzlaff zuletzt Kasse gemacht.

Trotz aller Zuversicht dürften die politischen Risiken auf den europäischen Aktienmärkten in den kommenden Wochen und Monaten weiter spürbar sein. Je nach Ausgang der Wahlen in den Niederlanden und in Frankreich könnten wieder EU-Ausstiegsszenarien einzelner Länder die Runde machen, zudem könnte der von US-Präsident Trump initiierte neue Protektionismus exportierenden Unternehmen aus Europa das Leben in Zukunft schwer machen.

Vorerst bleiben die Profis aber zuversichtlich, vor allem so lange die Europäische Zentralbank (EZB) die Märkte weiter mit billigem Geld stützt und keine Zinswende kommt: „Die EZB ist der Chef im Ring“, sagt BV-Verwalter Urban. „Ich erwarte keine Rücknahme der Anleihekäufe über das bereits angekündigte Maß hinaus.“ Die Unterstützung für die Aktienmärkte bleibt also vorerst weiter bestehen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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