Digitalwährung aus moralischer Sicht: „Der Bitcoin ist unfair“

Digitalwährung aus moralischer Sicht: „Der Bitcoin ist unfair“

, aktualisiert 10. August 2017, 16:20 Uhr
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Die Nutzung der Kryptowährungen wirft nicht nur ökonomische, sondern auch ethische Fragen auf.

von Julia RotenbergerQuelle:Handelsblatt Online

Sollten wir Algorithmen statt Zentralbanken vertrauen? Der Philosoph Mark Coeckelbergh geht der Frage nach, wie die Blockchain die Finanzwelt verändert. Warum Technik nicht alles ist, erklärt er im Handelsblatt-Gespräch.

Haben Maschinen Rechte? Was bedeutet Geld in Zeiten der Blockchain? Kann Technologie romantisch sein? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der belgische Philosoph Mark Coeckelbergh. Für ihn sind Kryptowährungen nicht bloß Zahlungsmittel. Sie formen auch die Art, wie Menschen miteinander in Beziehung treten. In seinem Buch „Money Machines“ geht Coeckelbergh der Frage nach, wie neue Technologien die Finanzwelt verändern. Mit dem Handelsblatt sprach er über das Problem der Fairness im Bitcoin-Netzwerk, übermäßiges Vertrauen in die Technik und darüber, warum die Blockchain ein Demokratie-Problem hat.

Herr Coeckelbergh, immer mehr Menschen begeistern sich für Bitcoin und andere Kryptowährungen als Zahlungsmittel und als Geldanlage. Sind die Krypto-Taler auch ethisch besser als Euro und Greenback?
Das kommt drauf an. Der Dollar und der Euro unterliegen der Kontrolle von Zentralbanken und Regierungen und sind damit Risiken ausgesetzt, die von diesen Institutionen ausgehen – Bitcoin so gut wie nicht. Die Blockchain-Technologie ist also gut für die Leute, die sich nicht länger auf etablierte Autoritäten verlassen wollen. Sie bietet die Chance, Finanznetzwerke weniger hierarchisch zu gestalten…

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...zum Beispiel, indem man die Blockchain dazu nutzt, lokale Kryptowährungen zu etablieren und so die regionale Wirtschaft zu unterstützen.
Ja, zum Beispiel. Anstatt einer Bank oder der Zentralbank vertrauen die Nutzer der Kryptowährungen einander und auf die Technologie, auf der das Netzwerk basiert. Viele glauben an die Utopie, bei der Finanzgeschäfte allein auf Peer-to-Peer-Basis möglich sind. Und solche Netzwerke sind ja eine gute Idee. Aber es gibt auch Probleme.

Welche denn?
Beim Bitcoin ist das etwa die Fairness. Das Bitcoin-Netzwerk ist so konzipiert, dass es im Laufe der Zeit immer schwieriger wird, neue Bitcoins zu erschaffen. Das gibt all den Nutzern, die von Anfang an dabei waren, einen Vorteil gegenüber jenen, die erst später die Technologie für sich entdeckt haben. Es ist vor allem dazu gedacht, Inflation zu vermeiden. Aber man kann sich schon fragen, wie gerecht so ein Design ist. Außerdem schaffen Kryptowährungen wie Bitcoin moralische Distanz.

Was ist mit dieser Distanz gemeint und wie entsteht sie?
Kryptowährungen ermöglichen es uns, im globalen Raum Finanzgeschäfte miteinander zu tätigen. Wer sie benutzt, kann über Staatsgrenzen hinweg handeln. Der Preis dafür ist, dass der Handel weniger persönlich wird.

Aber ist das nicht auch dann der Fall, wenn man mit Scheinen an der Kasse bezahlt? Die Kassiererin interessiert sich ja nicht unbedingt für den Lebenslauf ihrer Kunden.
Es stimmt schon: Geld an sich schafft Distanz zwischen den Menschen, die damit bezahlen. Im Unterschied zum Tauschhandel, wie er früher in kleinen Gemeinschaften praktiziert wurde, ermöglicht Geld uns, zu bezahlen ohne einander zu kennen. Aber Kryptowährungen und andere Finanztechnologien – zum Beispiel der Hochfrequenzhandel an den Börsen – vergrößern diese Distanz noch weiter. Es wird immer schwieriger, zu sagen, wo in dieser virtuellen Welt überhaupt reale Werte geschaffen werden. An den Börsen bestimmen schon jetzt oft die Algorithmen, was, wann und zu welchem Preis gekauft wird. Die Menschen haben in dieser Hinsicht immer weniger zu sagen.

Und wo genau findet sich diese Distanz in der Blockchain-Technonogie?
Die Blockchain kann als ein System der Buchführung begriffen werden. Einerseits verbindet diese Technologie die Menschen, die miteinander Handel treiben, aber diese Verbindung ist abstrakt, von Algorithmen bestimmt. Und die Distanz zwischen diesen Geschäften und ihren Auswirkungen in der realen Welt ist groß.

Warum ist das so problematisch?
Weil es immer schwieriger wird für den Einzelnen, Verantwortung für sein Handeln innerhalb dieser internetbasierten Netzwerke zu übernehmen. Bitcoin zum Beispiel ermöglicht seinen Nutzern ein hohes Maß an Anonymität. Und da stellt sich schon die Frage, ob man unter solche Bedingungen für das, was innerhalb des Netzwerks passiert, überhaupt Verantwortung übernehmen kann. Man muss hier einem Algorithmus vertrauen. Aber wenn etwas schief geht, wenn es einen Crash gibt, wer trägt dann die Verantwortung?


„Menschen wird ein Teil ihrer Selbstbestimmung genommen“

Sind konventionelle Finanzsysteme, bei denen die Banken als Mittler zwischen ihren Nutzern auftreten, in dieser Hinsicht besser?
Etablierte Finanzinstitutionen können immerhin im Falle vom Marktversagen regulierend eingreifen. Es gibt Gesetze und Regeln sowie die Finanzmarktaufsicht. Wenn es aber einen Bitcoin-Crash gibt, ist nicht klar, wer die Verantwortung für den entstandenen Schaden übernimmt – wenn es denn überhaupt möglich ist, regulierend einzugreifen.

Was ist denn mit den Leuten, die die Codes für Bitcoin, Ether und Co. schreiben? Besitzen sie nicht auch Autorität und müssen sich den Nutzern und Gesellschaft gegenüber verantworten?
Die Entwickler erschaffen nur den Code für die Kryptowährung und geben ihn an die Nutzer weiter. Das ist nicht das Gleiche wie die Autorität einer Bank. Dennoch haben auch sie Verantwortung und sollten dazu angehalten werden, Finanztechnologien so zu entwickeln, dass sie gesellschaftlichen Nutzen stiften. Das kann dadurch geschehen, dass ethische Aspekte in der Ausbildung von IT-Fachleuten berücksichtigt werden. Und auch die Firmen, die Geld in die Entwicklung dieser Technologien stecken, sollten Verantwortung für ihre Innovationen übernehmen.

Das hört sich nach ziemlich viel Kontrolle an.
Ich bin ebenfalls der Meinung, dass zu viel Kontrolle nicht gut ist. Aber wenn wir die Entwickler ganz sich selbst überlassen und nur der Technik zu sehr vertrauen, ist auch nicht die Lösung. So wird die Kluft zwischen den Entwicklern der Technologien und allen anderen immer größer – und das schafft auf Dauer ein Problem für unsere Demokratie.

Was hat denn die Demokratie mit Kryptowährungen zu tun?
Viele Menschen können mit Finanztechnologien wie Blockchain, auf der Bitcoin und andere Kryptowährungen basieren, wenig anfangen. Sie bleiben für sie abstrakt, obwohl sie durchaus reale Konsequenzen für ihr Leben haben können. Diese Menschen haben immer weniger Möglichkeiten, Einfluss auf diese Technologien zu nehmen. Dadurch wird ihnen ein Teil ihrer Selbstbestimmung als Bürger genommen – und das ist undemokratisch.

In Ihren Arbeiten beschäftigen Sie sich auch mit der Rolle des Vertrauens bei den neuen Finanztechnologien. Wie verändern die neuen Formen von Geld unser Verständnis von Vertrauen?
Dass wir im Zusammenhang Maschinen und Algorithmen überhaupt von Vertrauen sprechen, ist ungewöhnlich. Früher sprachen wir immer nur von „reliability“ – also von Verlässlichkeit. Dass wir heute das Wort Vertrauen in diesem Zusammenhang benutzen, ist darauf zurückzuführen, dass Maschinen immer eigenständiger handeln können und zumindest in diesem Punkt Menschen immer ähnlicher werden.

Hört sich unheimlich an. Verlieren wir etwa die Kontrolle?
Ach was, die Menschen sind noch immer Teil des Systems. Aber wir müssen bedenken: Je mehr wir gerade im Finanzsektor optimieren und je mehr Distanz entsteht, umso weniger selbstbestimmt können wir handeln. Die Folgen von Innovationen sind nicht immer vorhersehbar. Was ist zum Beispiel, wenn Algorithmen dazu beitragen können, eine neue Finanzkrise auszulösen? Wenn wir uns nicht kritisch mit der Thematik auseinandersetzen, nehmen wir womöglich große Risiken auf uns.

Die Serie

Banken zittern, Spekulanten jubeln: Aber was steckt wirklich hinter Bitcoin, Ethereum und Co.? In einer Serie behandeln wir die Welt der Digitalwährungen. Bisher erschienen:

Quelle:  Handelsblatt Online
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