Finanzmärkte: Vermögensverwalter pfeifen auf Börsenweisheit

Finanzmärkte: Vermögensverwalter pfeifen auf Börsenweisheit

, aktualisiert 28. Mai 2017, 10:55 Uhr
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Die Meinungen zu Börsenweisheiten sind umstritten.

von André Schmidt-CarréQuelle:Handelsblatt Online

Antizykliker verfahren nach dem Motto „Sell on good news“. Vermögensverwalter halten davon allerdings nicht viel und kaufen weiter zu. Die Rekordjagd bei Dax und Co. lässt sie kalt – sie halten nichts von Börsenregeln.

FrankfurtDax und Dow Jones eilen von Rekord zu Rekord, viele Anleger fragen sich, wie lange das noch gut geht. Vor allem Antizykliker und Anhänger der Börsenweisheit „Sell on good news“ bekommen zusehends nervöses Augenzucken beim Blick auf die Kursverläufe. Vermögensverwalter können das nicht nachvollziehen: „Ich halte nichts von dieser Börsenregel“, sagt Nadine Heemann von der gleichnamigen Vermögensverwaltung aus Berlin. Heemann nimmt am Börsencontest des Onlinebrokers DAB BNP Paribas teil, über den das Handelsblatt als Medienpartner berichtet. Mit ihrem Musterdepot in der Kategorie „Ausgeglichene Anlage“ ist die Vermögensverwalterin nach wie vor fast voll investiert.

„Unsere Erfahrung der vergangenen drei Jahrzehnte hat uns gelehrt, dass die Wahl der richtigen Strategie und Titel langfristig erfolgsversprechender ist als kurzfristig orientierte Timingmodelle“, sagt Heemann. Ihre Aktienquote im Musterdepot liegt nahe der maximal erlaubten 50 Prozent. Daran wird sich auch nichts ändern, solange die Zentralbanken ihre lockere Geldpolitik beibehalten. „So lange die Zinsen auf aktuell niedrigen Niveaus liegen, bevorzugen wir Aktien“, sagt die Vermögensverwalterin.

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Mit der Haltung ist Heeman nicht allein. Die meisten Vermögensverwalter des Contest sind derzeit weit offensiv investiert. Vor allem das billige Geld der Zentralbanken überzeugt die Profis davon, dass es mit den Kursen zumindest vorerst weiter bergauf geht. „Der positive Aktientrend wird sich fortsetzten, dank optimaler Bedingungen durch ein gemäßigtes weltweites Wachstum und fehlender Anlagealternativen für die massiv vorhandene Liquidität“, sagt Ardo Spelter von der Vermögensverwaltung ICFB.

Auch er ist mit seinem Musterdepot nahezu voll investiert und hält viele IT-Titel wie Google, Apple und Microsoft im Depot. Zuletzt hat Spelter Aktien des Turnaroundkandidaten Aixtron gekauft. Für den Vermögensverwalter allesamt Investments, bei denen er die Gewinne weiter laufen lassen will: „Leichte Korrekturen wie infolge der Diskussion um die Absetzung von Präsident Trump sollten als Kaufgelegenheit genutzt werden, da sich der positive Gewinn- und Wachstumstrend fortsetzt“, sagt Spelter.

Erst wenn dieser Trend in Gefahr ist, würde der Vermögensverwalter die Aktienquote merklich senken. Das wäre zum Beispiel beim Einbrechen der Auftragseingänge der Fall, oder negativen Szenarien wie einem tatsächlich aufkommenden Protektionismus, der Staatspleite eines Landes wie Italien sowie einer erneuten internationalen Finanzkrise durch Bankenpleiten.


Zuschauen oder Einsteigen?

Für Anleger, die bislang nicht oder wenig investiert sind, lautet die Gretchenfrage derzeit: Zuschauen oder doch noch einsteigen? Marc Cavatoni von der Vermögensverwaltung Nowinta hat eine klare Antwort: „Liquidität Zug um Zug abbauen, ähnlich wie bei einem Sparplan.“ In seinem Musterdepot hat Cavatoni seit Beginn des Jahres nicht auf einen Schlag investiert, sondern baut es schrittweise auf. Derzeit liegt die Liquidität daher immer noch bei rund 67 Prozent.

„Mit unserem Musterdepot versuchen wir Anlegern eine Idee dafür zu geben, wie man einen Schritt Richtung Kapitalmärkte wagen kann, ohne sofort alles zu riskieren“, sagt Cavatoni. „Aufgrund der niedrigen Zinsen kommen auch Kunden zu uns, die nicht die Erfahrung mit den Aktien- und Kapitalmärkten haben wie langjährige Bestandskunden. Es wäre falsch, diese von jetzt auf gleich ins kalte Wasser springen zu lassen, in der Hoffnung, dass die Kurse schon weiter steigen. Kommt dann nämlich doch ein Rückgang, sind diese Kunden auch schnell wieder weg und trauen sich nie mehr an Aktien heran.“

Und das wäre schließlich der größte Fehler, zumal auch Cavatoni weiterhin mit einem positiven Börsenumfeld rechnet: „Wir sehen aktuell wenig Übereinstimmung mit früheren Krisen. Die Bewertungen sind bei Aktien zwar nicht mehr billig und teilweise auch schon etwas teurer als im langfristigen Durchschnitt. Aber man darf nicht vergessen, dass es in diesem langfristigen Durchschnitt auch noch alternative Anlageklassen wie Renten gab, die eine Verzinsung versprachen“, sagt Cavatoni. „Das ist aktuell nicht der Fall.“

Zudem sieht auch er die expansive Geldpolitik der Zentralbanken als wichtigen Faktor, der die Wirtschaft bei externen Schocks weiter stützen sollte. „Man sieht aktuell, dass sich die Wirtschaftsdaten sehr gut entwickeln und wir weit entfernt sind von einer Rezession“, sagt der Vermögensverwalter.

Cavatoni wird seine Strategie des schrittweisen Einstiegs den Rekordständen an den Börsen zum Trotz in den kommenden Wochen und Monaten beibehalten. Bei massiven Rückschlägen will er verstärkt zukaufen – also eher „Buy on bad news“ als „Sell on good news“.

„Wenn der Aktienmarkt global gesehen um mehr als acht Prozent fällt, würden wir die Aktienquote antizyklisch erhöhen und dann beim Erreichen der alten Hochs auch wieder abbauen“, sagt Cavatoni. „Diese Strategie hat uns in den vergangenen Jahren regelmäßig Mehrrendite beschert.“ Investitionschancen sieht er bei Aktien und Anleihen derzeit noch genügend: „Wir vermeiden Staatsanleihen mit langer Duration und hohem Zinsänderungsrisiko, investieren lieber in Unternehmens- und Schwellenländeranleihen“, sagt Cavatoni. „Auf der Aktienseite sehen wir vor allem im Euroraum und in Asien noch Spielraum.“ Vermögensverwalterin Heemann sieht das ähnlich. Neben Schwellenländer-Aktienfonds und Technologie-Titeln legt sie das stärkste Gewicht in ihrem Depot derzeit auf europäische Aktienfonds.

Quelle:  Handelsblatt Online
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