Freytags Frage: In welcher Welt leben Zentralbanker eigentlich?

kolumneFreytags Frage: In welcher Welt leben Zentralbanker eigentlich?

Kolumne von Andreas Freytag

Die Welt der Zentralbanker hat offenbar wenig mit den Bürgern gemein. So war die abgelaufene Woche erneut von gelpolitischen Glanzlichtern geprägt, die langfristig aber eher schaden als nutzen werden.

Am Montag hat Mario Draghi seine Geldpolitik vehement verteidigt und den Sparern, allen voran den deutschen Sparern die Schuld am Niedrigzins, den er als ein Symptom, aber nicht als die Ursache der gegenwärtigen Probleme für die Geldanlage sieht, zugewiesen. Am Mittwoch hat die Europäische Zentralbank (EZB) beschlossen, die 500-Euro-Scheine schrittweise aus dem Verkehr zu ziehen, um Kriminalitätsbekämpfung voranzutreiben.
Wie hängen diese Themen zusammen? Spielen sie eine Rolle zur Bewertung der Geldpolitik? Aus Sicht des Kolumnisten kann man zwar keinen logischen Zusammenhang dergestalt herstellen, dass die Rede am Montag die Entscheidung am Mittwoch vorbereitet hat, aber es zeigt sich schon, dass beides demselben letzten Zweck zu dienen hat, nämlich der Staatsfinanzierung durch die Notenpresse. Dies zugeben zu müssen, wäre natürlich eine intellektuelle, moralische und rechtliche Bankrotterklärung.
Deshalb müssen immer abenteuerliche Argumentationsketten aufgebaut und Maßnahmenpakete geschnürt werden. Beginnen wir mit den Sparern.

10 Fakten über den 500 Euro-Schein

  • 1. Nur 200 Euro-Schein ist seltener

    Ende des Jahres 2015 waren genau 613.559.542 500 Euro-Scheine im Umlauf. Dies entspricht einem Wert von 306.779.771.000 Euro. Laut EZB ist somit nur der 200 Euro-Schein noch seltener im Umlauf.

  • 2. Heimlich eingezogen

    Im März 2016 waren es nur noch 594.417.006 Scheine, fast 20 Millionen Scheine wurden bereits still und heimlich von der Zentralbank eingezogen. 

  • 3. Der Bin Laden unter den Scheinen

    In Spanien wird der 500er “Bin Laden” genannt: Alle wissen, dass der Schein existiert - aber fast niemand hat ihn je gesehen. 

  • 4. Kaum akzeptiert

    Der Hauptgrund für die Abschaffung des Scheins sind seine Nutzer. Besonders bei Geldwäsche oder im Drogenhandel ist der Fünfhunderter beliebt, denn es sind keine riesigen Geldkoffer von Nöten, um Gelder zu transferieren. Viele Geschäfte akzeptieren ihn nicht einmal.

  • 5. Billige Produktion

    Die Produktion eines Scheins mit dem Wert von 500 Euro kostet acht Cent.

  • 6. Keine Neuauflage

    Im Jahr 2002 wurde der Euro in Bargeldumlauf gebracht, seit 2013 werden nach und nach die Scheine durch neue, fälschungssichere Banknoten ersetzt. 50, 100, 200 und 500 sind von dieser Neuerung bis jetzt ausgenommen. Bei Letzterem erübrigt sich nun der Aufwand. 

  • 7. In der Hand der Kriminellen

    Im April 2010 stoppten englische Wechselstuben die Ausgabe von 500 Euro-Scheinen. 90 % aller 500er-Noten in England sollen sich im Besitz der organisierten Kriminalität befinden.

  • 8. Meiste Scheine in Spanien

    Die meisten 500 Euro-Scheine befinden sich in Spanien. Angeblich ein Viertel der Scheine im Umlauf soll in dem südeuropäischen Land zirkulieren - und das obwohl Spanien nur 9,264 % des BIP der Euro-Zone verantwortet. 

  • 9. Größter Schein

    Mit den Maßen 160 x 82 Millimeter ist er der größte Schein. Genau wie auf den anderen Euro-Noten ist auf ihm ein Architekturstil abgebildet und u.a. mit den Sicherheitsmerkmalen Wasserzeichen, Hologramm und Stichtiefdruck ausgestattet. Ein Schein wiegt 1,12 Gramm - würde man einen Koffer mit tausend Scheinen im Wert von einer halben Million Euro mit sich herumtragen, würde der Inhalt gerade mal etwas mehr als ein Kilo wiegen. 

  • 10. Teure Abschaffung

    Im günstigsten Fall wird die Abschaffung des Scheins rund eine halbe Milliarde Euro kosten. Den Hauptteil wird die Produktion neuer, kleinerer Scheine wie Hunderter und Zweihunderter ausmachen, um den Wert der Fünfhunderter zu decken. 

Der EZB-Präsident benutzt als Einstieg in seine Rede bei der Asiatischen Entwicklungsbank am 2. Mai, die mit „Addressing the causes of low interest rates“ überschrieben ist, das alte Argument der Sparschwemme. Dieses besagt, dass Ersparnisse weltweit wachsen – zum Teil wegen der Alterungsprozesse in den reichen Ländern -, denen nicht genügend lukrative Investitionsprojekte gegenüberstehen. Dies senke den langfristigen Realzins. Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss sei ein Spiegel dieser Entwicklung; in Deutschland müsste mehr investiert werden. In einem Nebensatz weist Herr Draghi auf die nötigen angebotspolitischen Reformen hin. So weit, so richtig.
Danach argumentiert Herr Draghi weiter damit, dass die Rolle der Geldpolitik darin bestehen muss, die Investitionsprojekte durch eine weitere Zinssenkung attraktiver zu machen. Weitere Zinssenkungen würden zugleich das Sparen verleiden und die Menschen zum Konsum bewegen. Weil sie soviel sparen und weil so wenig investiert würde, müsste die EZB also die Zinsen noch weiter senken. Den deutschen Sparern wird dann noch süffisant empfohlen, mehr Aktien und andere renditeträchtige Anlagen zu halten.

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Das ist natürlich nur soweit wirklich zu empfehlen, wie die anderen Projekte renditeträchtig sind. Das können oftmals Banken besser beurteilen als Individuen, weswegen ja Sparer ihr Geld zur Bank bringen. Wenn die Banken nicht genug Investitionsprojekte finden, dürfte die Verlagerung der Anlagen nicht durchgängig alle Sparer besserstellen. Sie steigern ihre Renditechancen, aber auch ihr Risiko.

Davon abgesehen enthält die Argumentation zwei schwere gedankliche Fehler. Erstens ist das gegenwärtige Problem geringer Investitionen gerade kein Nachfrageproblem, das mit expansiver Geldpolitik oder mit höherer Staatsverschuldung zu lösen ist. Es ist – und darauf verweist Draghi in seiner Rede – ein Struktur- oder Angebotsproblem. Viele Märkte, darunter die Arbeitsmärkte in der Eurozone sind überreguliert – oftmals zugunsten der etablierte Anbieter und Insider. Niedrigere Kapitalkosten lösen Angebotsprobleme dieser Art nicht. Anders ausgedrückt: Es ist ein mikroökonomisches, kein genuin makroökonomisches Problem. Denken in aggregierter Nachfrage hilft dabei nicht!

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