Kapitalmärkte: Die Steuerrevolution des Donald Trump

Kapitalmärkte: Die Steuerrevolution des Donald Trump

, aktualisiert 29. Dezember 2016, 12:10 Uhr
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Der designierte US-Präsident hat eine Senkung der Unternehmensteuern versprochen. Ökonomen und Investoren fangen an, sich über die konkreten Auswirkungen den Kopf zu zerbrechen.

von Frank WiebeQuelle:Handelsblatt Online

Trumps Pläne zur Entlastung der Unternehmen dürften weitreichende Folgen für die Kapitalmärkte haben. Das neue Steuersystem wirkt auf den ersten Blick ziemlich verrückt, da es ungewohnt ist.

New YorkWas sich seit dem 8. November am Kapitalmarkt abspielt, ist eine große Wette auf den Erfolg der Wirtschaftspolitik von Donald Trump. Dabei gibt es eine Menge offener Fragen. Etwa, ob die Banken tatsächlich so stark von teuren Auflagen befreit werden, wie ihre Aktionäre hoffen. Oder, ob Trump mit seiner Handelspolitik eine weltweite Welle von lähmendem Protektionismus einleitet.

Besonders spannend ist aber die Frage, was in der Unternehmensbesteuerung passieren wird. Trump hat eine Senkung der Steuersätze versprochen, aber das ist nur eine recht konventionelle Idee. Die Republikaner im Parlament haben schon im Sommer ein Konzept vorgestellt, das einer Revolution des gesamten Systems gleichkäme, aber im Wahlkampf zunächst wenig Beachtung fand. Weil es zugleich einen Schutz Amerikas gegen Billigprodukte verspricht, passt es sehr gut in Trumps Weltbild.

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Kein Wunder, dass Ökonomen und Investoren anfangen, sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Noch ist vieles unklar, aber eines zeichnet sich deutlich ab: Wird das Konzept umgesetzt, dann dürfte es der Inflation und dem Dollar Auftrieb geben. Dabei ist beides bis zu einem gewissen Grad austauschbar: Ein sehr starker Dollar könnte die Inflation im Zaum halten.

„Die wichtigste Sache, über die niemand spricht“

Nach einer Studie von Morgan Stanley würde die US-Währung um zehn bis 15 Prozent steigen, was weltweit Auswirkungen auf die Kapitalmärkte hätte. Der viel gelesene Blog Zerohedge spricht daher von „der wichtigsten Sache, über die niemand spricht“. Die Deutsche Bank sieht „die größte Veränderung der amerikanischen Steuerpolitik“ in einer Generation voraus.

Nach dem neuen Konzept würde, grob gesprochen, statt dem Gewinn mit 35 Prozent der Kapitalfluss (Cash-flow) der Unternehmen mit 20 Prozent besteuert. Die Unternehmen könnten ihre Abschreibungen und ihre Zinsen nicht mehr als Ausgaben geltend machen. Allein das hätte schon weitreichende Auswirkungen, weil Firmen mit hohen steuerlichen Verlustvorträgen diese nicht mehr gut verwerten könnten.

Noch spannender ist aber eine andere Regelung. Exporte werden steuerbefreit, Importe können steuerlich nicht mehr als Ausgaben geltend gemacht werden. Importe werden so de facto mit einer Abgabe von 20 Prozent belegt, also entsprechend teurer. Exporte werden nach Schätzung von Zerohedge um rund zwölf Prozent billiger.

Dabei geht der Blog von einer durchschnittlichen Gewinnmarge der Unternehmen von 33 Prozent und dem bisherigen Steuersatz von 35 Prozent aus: 35 Prozent von 33 Prozent ergibt knapp zwölf Prozent. Zerohedge schätzt, dass der Effekt auf den Außenhandel einer Abwertung des Dollars um 15 Prozent entsprechen würde, Morgan Stanley geht sogar von 25 Prozent aus. Die Frage ist, wie viel davon durch einen steigenden Dollarkurs gleich wieder neutralisiert wird.

Wird das Konzept auf Widerstand der WTO stoßen?

Zunächst bedeutet die Regelung also eine Förderung der Exporte und eine Bestrafung der Importe im Vergleich zum heutigen Steuersystem. Im Vergleich zu anderen Ländern lässt sich festhalten: US-Unternehmen müssen in ihre Exportpreise keine Steuern mehr einkalkulieren. Bei den Importen gilt: Sie werden mit 20 Prozent besteuert. Wird die Ware stattdessen im Inland produziert, fallen zwar auch 20 Prozent an, aber wohl abzüglich einiger Ausgaben, vor allem der Löhne. Außerdem müssen die Importeure zusätzlich wahrscheinlich Steuern im eigenen Land zahlen.

Das System wirkt auf den ersten Blick ziemlich verrückt, da es ungewohnt ist. Es hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Mehrwertsteuer in Europa, die ja auch an der Grenze bei Ausfuhren erstattet und bei Einfuhren erhoben wird.

Weil es aber keine Mehrwertsteuer ist, bleibt die Frage offen, ob die Welthandelsorganisation (WTO) das Konzept akzeptieren würde. Denn die WTO erlaubt derartige Steuerkorrekturen an der Grenze eigentlich nur bei Verbrauchssteuern, nicht aber bei Unternehmenssteuern. Die zweite Frage ist, wie sehr Trump sich für die Meinung der WTO interessiert.

Die Idee ist auf den ersten Blick verwirrend, und selbst die Experten tun sich schwer, sie zu erklären und die Konsequenzen abzuschätzen. Dahinter steckt aber eine durchaus intelligente Idee. Es geht darum, tatsächlich nur noch zu besteuern, was im Inland passiert, und das Geschehen im Ausland auszublenden. Das würde den Anreiz nehmen, möglichst viel Gewinn in Steueroasen zu erwirtschaften.

Das Ende des Steuerwettbewerbs?

Würden sich andere Länder dem Prinzip anschließen, was nicht abzusehen ist, dann gäbe es keinen Steuerwettbewerb mehr. Jedes Land würde die Unternehmen nach eigenem Geschmack im eigenen Land besteuern, und zwar alle Beteiligten, auch die ausländischen Hersteller der Importware. Der für die Staaten ruinöse Wettbewerb, sich mit niedrigen Sätzen gegenseitig Unternehmen abzuwerben, wäre gestoppt.


Ein steigender Dollar spricht für Anlagen in den USA

Damit ist die Geschichte aber noch lange nicht zu Ende. Einmal würde die Belastung der Importe zu einem Preisanstieg in den USA führen. Zerohedge schätzt den Schub bei den Verbraucherpreisen auf durchschnittlich fünf Prozent. Zusätzlich gehen die Experten von einem Anstieg des Dollarkurses aus. Die einfachste Erklärung dafür lautet: Wenn das Ausland weniger in die USA exportiert und mehr von dort importiert, dann bekommt es weniger Dollar und braucht gleichzeitig mehr davon. Mehr Nachfrage nach Dollar sollte den Kurs nach oben treiben.

Die Tax Foundation in Washington zitiert ökonomische Modelle, nach denen der Dollaranstieg so stark wäre, dass er den eigentlich angestrebten Effekt, inländische Produzenten auf Kosten der ausländischen zu fördern, nach einiger Zeit wieder neutralisiert. Nach Meinung der Stiftung gibt es daher durch das Konzept keinen positiven Effekt für die amerikanischen Produzenten, sie spricht hier von einem Missverständnis.

Steigender Dollar spricht für US-Anlagen

Aber in dem Punkt gehen die Meinungen auseinander. Auf kurze Sicht gesehen stellt sich die schwer zu beantwortende Frage, wie stark die jeweiligen Kunden auf die Preisveränderungen reagieren. Würden im Extremfall die Amerikaner dieselben Warenmengen importieren wie bisher und die Ausländer dieselben Mengen an US-Ware kaufen, dann würden in Dollar gerechnet die Importe sogar steigen und Exporte sinken. Das wäre allerdings ein Extremfall, der sicher nicht eintritt.

Nach Meinung vom Morgan Stanley wird der Dollar um zehn bis 15 Prozent steigen und damit einen Teil der Förderung für amerikanische Unternehmen wieder zunichtemachen – aber nur einen Teil. Es bliebe bei dem Konzept also selbst unter Einrechnung aller Zweiteffekte wahrscheinlich genug übrig, um es attraktiv für die US-Unternehmen erscheinen zu lassen.

Bisher sind weder die politischen Chancen des Konzepts noch die ökonomischen Folgen klar abzusehen. Aber es passt so gut in Trumps Weltsicht, dass es im kommenden Jahr auf den Tisch kommen dürfte. Und dann werden die Experten sich überschlagen mit Schätzungen, wie es sich auf die Inflation, den Dollarkurs und die US-Unternehmen auswirkt. Für Anleger in Europa ist dabei zunächst klar: Ein steigender Dollar spricht für Anlagen in den USA.

Amerikanische Exporteure könnten von dem Konzept ebenso profitieren wie heimische Unternehmen mit hohem Konkurrenzdruck von außen. Viele US-Konzerne, die zwar wenig ins Ausland exportieren, aber dort Gewinn machen, wären dagegen möglicherweise negativ betroffen, weil der Kurswert dieser Gewinne sinkt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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