Mythos oder Wahrheit: Wette auf Trump – ein riskanter Poker

Mythos oder Wahrheit: Wette auf Trump – ein riskanter Poker

, aktualisiert 21. Februar 2017, 13:44 Uhr
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An der Börse wird mitunter mächtig gezockt, aber deshalb ist sie noch längst kein Spielcasino.

von Jessica SchwarzerQuelle:Handelsblatt Online

Mit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten zündete an der Wall Street ein Kursfeuerwerk. Sind solche Vorschusslorbeeren auf Trumps Politik berechtigt? Oder beweist die Rally, dass die Börse doch nur ein Casino ist?

DüsseldorfDie Wall Street jagt von Rekord zu Rekord. Seit Donald Trump Anfang November zum 45. Präsidenten der USA gewählt wurde, scheinen Dow Jones, S&P 500 und Nasdaq nur eine Richtung zu kennen: nach oben. Der Immobilienmilliardär hat viel versprochen, aber bisher wenig geliefert. Trotzdem feiern die Märkte die „Trumponomics“, also seine Pläne für Konjunkturprogramme sowie die Abgaben zu senken und das Steuersystem zu vereinfachen. Es sind Ankündigungen, teils recht unkonkret noch dazu, die für die Partystimmung an den Märkten sorgen. Steht die Rally also auf tönernen Füßen? Ist die Wall Street zu weit gelaufen? Ist das nur noch wilde Spekulation, sogar Zockerei?

Ob es Trump gelingen wird, „America great again“ zu machen, sei dahingestellt. „American stocks rich again“ ist ihm schon gelungen. Angesichts hoher Erwartungen baut sich allerdings Enttäuschungspotenzial auf, warnen Experten wie Markus Reinwand von der Helaba.

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Geht die Wette auf Trump auf, werden all jene jubeln oder sich doch zumindest über ihren Mut und ihre Gewinne freuen, die in den vergangenen Monaten Aktien geordert haben. Liefert Trump allerdings nicht, und die Wette auf sein Konjunkturprogramm geht nicht auf, dann werden all jene, denen die jüngste Rally nicht geheuer war, ein altes Vorurteil bemühen: Die Börse ist ein Spielcasino.

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank, mag diesen Vergleich ganz und gar nicht. „Ja, an der Börse wird spekuliert“, sagt er. Aber: „Die Vorstellungen, dass einige an der Börse mit dem heißen Tipp schnell reich werden und im Nullsummenspiel anderen dafür das Geld aus der Tasche ziehen, ist eine Verunglimpfung der Aktienmärkte.“ Es gebe schließlich auch Sportrennfahrer, ohne dass jeder Autofahrer deswegen im Formel-1-Wagen unterwegs sei. „Aktien bedeuten die Beteiligung von Sparern am unternehmerischen Kapital der Volkswirtschaft“, stellt Kater klar.

Da die Wirtschaft vielen Unsicherheiten und Schwankungen unterlegen sei, würden auch Aktienkurse schwanken, ohne dass sie über viele Jahre hinweg ihre Ertragskraft verlieren würden. „Wichtig ist, dass man die Eigenschaften der Aktienmärkte kennt und sich darauf einstellt“, mahnt der Chefvolkswirt. Das bedeute zunächst, nur langfristige Gelder einzusetzen, breit zu streuen und dann weitgehend unabhängig von Schwankungen investiert zu bleibt.


Experten sind skeptisch

Für einige Unsicherheiten und Schwankungen könnte der neue US-Präsident durchaus sorgen. Sollte Trump nicht oder nur teilweise liefern, wäre das eine schlechte Nachricht für die Märkte – Kursrücksetzer inklusive. Schließlich würde die Wette auf die „Trumponomics“ nicht aufgehen. Und das ist gar nicht so unwahrscheinlich, wenn man Experten fragt. „Wie auch wir, gehen die meisten Ökonomen und Marktteilnehmer jedoch davon aus, dass Trump nicht alle im Wahlkampf versprochenen Maßnahmen umsetzen kann“, schreibt Christoph Kutt von der DZ Bank in einer Analyse.

Und Witold Bahrke, Macro Strategist bei Nordea Asset Management, warnt, dass die Märkte die widersprüchlichen Elemente der „Trumponomics“ weitgehend ignoriert hätten und sowohl höheres Wachstum als auch mehr Protektionismus und eine restriktivere Geldpolitik erwarten würden. „Sollte sich herausstellen, dass die Reflation doch nur ein schöner Traum war und dass die negativen Faktoren die positiven weitgehend neutralisieren, steigt vermutlich die Nachfrage nach als sicher geltenden Anleihen“, sagt Bahrke. Für Aktien wäre das Gift.

Wie sich Trumps protektionistische Ambitionen auswirken, ist schwer vorherzusagen. „Sollte Trump bei seiner harten Linie bleiben, würde die US-zentrische Handelspolitik nur geringe bis gar keine internationalen Wachstumseffekte erlauben, und die Welt bliebe weitgehend außen vor“, prognostiziert der Nordea-Experte.

Die Zeit wird zeigen, ob Trump seine Versprechen wahr macht und welche Auswirkungen seine Maßnahmen auf die Wirtschaft und die Börse haben werden. Vorschusslorbeeren sind reichlich verteilt. „Angesichts stattlicher Bewertungsniveaus ist jetzt allerdings eine deutliche Verbesserung der Unternehmensergebnisse gefragt, sonst drohen Rückschläge“, warnt Helaba-Experte Reinwand. „Die US-Aktienindizes eilen von einem Rekord zum nächsten. Die Stimmung der Anleger bewegt sich auf Spitzenniveaus und der Optimismus der Unternehmen hat in jüngsten Umfragen langjährige Hochs erreicht.“

Aber sind das schon Anzeichen einer akuten Überhitzung oder eröffnen sich nun bislang unterschätzte Wachstumsperspektiven? Was treibt derzeit US-Aktien zu immer neuen Höhen? Reinwand ist skeptisch. Auch weil in der aktuellen US-Zwischenberichtssaison nur rund zwei Drittel der Unternehmen positiv überraschen konnten. „Das ist lediglich Durchschnitt“, sagt er. „Und obwohl die konjunkturellen Stimmungsindikatoren abheben, überwiegen bei den Gewinnschätzungen für die kommenden zwölf Monate derzeit sogar die negativen Revisionen.“ Bei aller Zuversicht scheine eine gesunde Portion Skepsis angebracht.  „Angesichts hoher Erwartungen baut sich unseres Erachtens beachtliches Enttäuschungspotenzial auf“, sagt er.


Die Börse ist berechenbarer als das Casino

Zocken sich die Anleger als gerade um Kopf und Kragen? Fakt ist: Die Märkte sind weit voraus gelaufen. Aber solche Phase, solche Spekulationen gab und gibt es immer wieder – mal sind es ganze Märkte, mal einzelne Unternehmen. Die Börse deshalb aber generell als Spielcasino zu bezeichnen geht zu weit. Oder um es mit Andreas Beck, Chef des Instituts für Vermögensaufbau, zu sagen: „Die Börse kann wie ein Spielcasino oder ganz anders genutzt werden. Ein Spielcasino kann man nur wie ein Spielcasino nutzen.“

Das sieht Ralf Zimmermann vom Bankhaus Lampe im Grunde auch so: „Die Börse ist auch ein Spielcasino, aber nicht nur.“ Es gebe sicher genügend Spekulanten, aber eben auch viele langfristig orientierte Anleger. „Es stimmt, an der Börse werden Zukunftserwartungen, Ängste und Hoffnungen gehandelt. Unterschiedliche Anleger tummeln sich dort. Aber im fundamentalen Kern geht es um reale Werte.“

Zimmermann nennt ein Beispiel: Apple, eines der weltweit erfolgreichsten Unternehmen, hat seit 2010 den Gewinn mehr als verdreifacht, weil es Produkte angeboten hat, für die viele bereit waren, Schlange zu stehen und Premiumpreise zu zahlen. „Entsprechend ist auch der Aktienkurs deutlich gestiegen – mit Spielcasino hat das nichts zu tun“, sagt er. „Und man darf davon ausgehen, dass sich regelmäßig auch die künftigen Apples Kapital an den Börsen besorgen, um ihre Ideen für Wachstum zu finanzieren. Und die Anleger, die die erfolgreichen Unternehmen gefunden haben, wird es freuen.“

Auch im Falle der Trump-Rally werden Zukunftserwartungen, Ängste und Hoffnungen gehandelt. Aber noch immer geht es im Kern um reale Werte. Auch in diesem Fall gilt: Die Börse ist kein Spielcasino. Commerzbank-Chefanlagestratege Chris-Oliver Schickentanz fühlt sich an eine Aussage von Börsenaltmeister André Kostolany erinnert: An der Börse ist zwei plus zwei meist fünf minus eins. „Mittel- bis langfristig spielen fundamentale Faktoren eine wichtige Rolle für die Trends an den Börsen“, übersetzt Schickentanz. „Sie geben die Grundrichtung vor und machen die Börse damit berechenbarer als das Spielcasino. Kurzfristig wird dieser fundamentale Trend aber immer wieder durch spekulative Bewegungen relativiert.“

 

 

Quelle:  Handelsblatt Online
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