US-Wahl und die Börse: Crash-Gefahr Trump, Rally-Garantie Clinton?

US-Wahl und die Börse: Crash-Gefahr Trump, Rally-Garantie Clinton?

, aktualisiert 19. Oktober 2016, 08:56 Uhr
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Wer macht das Rennen ums Weiße Haus. Aktuell liegt die Demokratin vorne.

von Jessica SchwarzerQuelle:Handelsblatt Online

Die US-Präsidentschaftswahlen treiben auch Investoren um. Eigentlich besagt eine alte Börsenweisheit, dass politische Börsen kurze Beine haben. Doch ist das noch immer so – oder drohen heftige Schwankungen?

DüsseldorfEs ist das Ereignis in diesem Herbst, auch für Börsianer: Die Amerikaner wählen am 8. November ihren neuen Präsidenten oder ihre Präsidentin. Auch wenn die Demokratin Hillary Clinton in fast allen Umfragen vor dem Republikaner Donald Trump liegt, ist der Wahlausgang keinesfalls gewiss. Kein Wunder, dass auch die Investoren gebannt Richtung Washington D.C. schauen. Vor allem wenn der Immobilienmogul das Rennen macht, rechnen Experten mit einigen Turbulenzen an der Wall Street.

Doch eigentlich sind Wahlen für die Märkte eher nebensächliche Ereignisse, die die Kurse nur kurzfristig bewegen. Nicht umsonst lautet eine alte Börsenweisheit: „Politische Börsen haben kurze Beine.“ Götz Albert, Head of Portfolio Management Small & Mid Caps von Lupus Alpha, ist überzeugt, dass die Börsenweisheit auch heute noch stimmt. „Politische Entscheidungen allein machen noch keinen Börsentrend. Die US-Wahl macht da keine Ausnahme“, sagt er. „Egal wer gewinnt, für die Märkte wird das im schlimmsten Falle nur ein kurzer Aufreger sein.“

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Auch Niels Nauhauser ist überzeugt, dass der Einfluss der Politik auf die Börsen bei den meisten politischen Ereignissen überschaubar und nur von kurzer Dauer ist. „Massiv und dauerhaft kann der Einfluss allerdings bei schlimmen politischen Krisen werden, bei Kriegen oder bei politischen Umwälzungen“, sagt der Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Wenn ein Staat etwa private Firmen verstaatlicht, dann wird die Börse in diesem Land im wahrsten Sinne des Wortes politisch, aber ob dies nur von kurzer Dauer sein wird, ist eine andere Frage.“ Ob der Wahlausgang in den USA in diese Kategorien fällt, „kann ich unmöglich vorhersagen – alles ist möglich“.

Spurlos vorbei gehen wird das Wahlergebnis an den Märkten sicher nicht. „Sollte Trump das Rennen machen, wird es einige volatile Tage geben. Mehr aber auch nicht“, so Albert. „Und sollte er es tatsächlich schaffen, sich das erste Mal vernünftig zu äußern, könnte es sogar eine Beruhigung an den Märkten geben. Falls er Hillary Clinton tatsächlich gleich ins Gefängnis bringt, ist dagegen ein Kursrutsch sicher.“ Ein Sieg von Hillary Clinton sei hingegen bereits eingepreist, der Markt setzte auf ihren Sieg.

Ein überraschender Wahlsieg Trumps könnte den Aktienmarkt deshalb auf breiter Front belasten, meint Till Christian Budelmann, US-Aktienexperte im Berenberg Investment Committee und Fondsmanager. Kommt es allerdings zum derzeit wahrscheinlichsten Wahlergebnis, dürften sich Anleger über eine Jahresendrally freuen und der Bullenmarkt an der Wall Street sollte sich im kommenden Jahr fortsetzen. Dazu sollte weniger die Notenbankpolitik, sondern vielmehr die für 2017 erwartete Rückkehr des Gewinnwachstums bei den Unternehmen beitragen. Chancen bieten – dank der Stabilisierung des Ölpreises – vor allem Energietitel.


US-Präsidenten haben keinen entscheidenden Einfluss auf die Börse

Normalerweise glaubt Budelmann an den Spruch von den politischen Börsen. Der Berenberg-Experte geht jedoch davon aus, dass es diesmal anders ist. Die Wahlen in den USA könnten einen stärkeren Einfluss auf die Aktienmärkte haben. „Zwar blicken die Medien vor allem auf die beiden Kandidaten“, sagt Budelmann. „Wir halten die Wahl des Abgeordnetenhauses aber für viel entscheidender.“ Drei Szenarien seien denkbar. Seiner Ansicht nach ist das beste und zugleich auch das wahrscheinlichste Szenario für die Märkte ein Wahlsieg der Demokratin Clinton, während die Republikaner die Mehrheit im Abgeordnetenhaus verteidigen. Dann könnte das System der ‚Checks and Balances‘ funktionieren.

Diese Kontrollfunktion des Abgeordnetenhauses wäre nicht mehr gegeben, wenn das zweite Szenario eintritt: Ein haushoher Sieg Clintons, der indirekt auch zur Machtübernahme der Demokraten im Senat und sogar im Abgeordnetenhaus führt. „Dann könnte sie ihre Politik nahezu unkontrolliert umsetzen“, so Budelmann. „Es würde wahrscheinlich höhere Steuern und mehr Regulierung geben.“

Für problematisch hält er auch das dritte Szenario: ein Wahlsieg Trumps und einen republikanischen Kongress. „Wenn Trump gewinnt, dürften die Aktienkurse aufgrund steigender Unsicherheit erst einmal auf breiter Front fallen“, so der Fondsmanager. „Wenn hingegen unser bevorzugtes Szenario eintritt, gäbe es wahrscheinlich Erleichterung am Markt und tendenziell Kursgewinne“. Auch ist er überzeugt, dass nicht nur der US-Markt vom Wahlausgang betroffen sein wird: „Ein Trump-Sieg könnte am Folgetag vielleicht sogar ein kurzfristiges Minus von fünf Prozent im US-Aktienindex S&P 500 auslösen. In Europa würden die Aktienmärkte dann aber wahrscheinlich sogar noch deutlicher fallen.“

Und wer ist auf Sicht mehrere Jahre besser für die Börse? Die Wall Street setzt aktuell auf die Demokratin Clinton. Die Parteizugehörigkeit des US-Präsidenten hat mittel- bis langfristig allerdings keinen entscheidenden Einfluss auf die Aktienrenditen. Das zeigt eine aktuelle Studie des Kölner Bankhauses Sal. Oppenheim, die die Ergebnisse sämtlicher US-Präsidentschaftswahlen seit dem Zweiten Weltkrieg und die Entwicklung des US-Aktienmarktes unter den verschiedenen Amtsinhabern analysiert. Die Ergebnisse der Analyse lassen außerdem an der Allgemeingültigkeit zweier populärer Börsenweisheiten zweifeln: Bereinigt um 2008, den Höhepunkt der Finanzmarktkrise, trifft es weder zu, dass Wahljahre keine Aktienjahre sind, noch dass die Kapitalmärkte von republikanischen Wahlsiegen profitieren.


Politik ist kein guter Ratgeber für Aktienanleger

„Wer über ein mittel- oder langfristiges Investment am US-Aktienmarkt nachdenkt, sollte seine Entscheidung nicht vom Ausgang der Präsidentschaftswahl abhängig machen“, sagt Philipp Finter, Leiter Research Investmentstrategie bei Sal. Oppenheim und Co-Autor der Studie. „Dafür spielen andere Faktoren für die Entwicklung der Aktienkurse eine zu dominante Rolle wie beispielsweise Finanzmarktschocks, Veränderungen bei Produktivität oder Rohstoffpreisen sowie das internationale Umfeld.“

Zwar waren unter demokratischen US-Präsidenten überdurchschnittliche Renditen zu verzeichnen und der S&P 500 kletterte im Jahresdurchschnitt um 10,7 Prozent. Zum Vergleich: Unter Republikanern stieg der breite Markt um lediglich 4,8 Prozent. „Das liegt aber nicht zuletzt am Pech der republikanischen Amtsinhaber, in deren Regierungszeit viele große Krisen fielen“, urteilt Finter.

Als Beispiele nennt er die erste Ölkrise unter den Präsidenten Nixon und Ford, das Platzen der Dot.com-Blase, die Anschläge vom 11. September 2001 sowie die Subprime-Finanzkrise (alles unter George W. Bush). Bereinige man die Betrachtung um Krisen-Zeiträume, verringere sich der Vorsprung unter Demokraten auf rund einen Prozentpunkt.

Demokratische Präsidenten profitierten häufig von einem vorteilhaften geldpolitischen und makroökonomischen Umfeld: Die Geldpolitik war tendenziell lockerer als unter republikanischer Präsidentschaft, die Inflation niedrig und Konjunkturbarometer wie der Stimmungsindikator ISM standen auf vergleichsweise hohen Niveaus. Ein demokratischer Präsident, Bill Clinton, profitierte zudem von der Blasenbildung rund um die New Economy mit durchschnittlichen Kursgewinnen von 19 Prozent im Jahr. „Das war schlichtweg Zufall“, urteilen die Studienautoren.

Doch wie sollten Investoren angesichts dieser Gemengelage positionieren? „Politik ist kein guter Ratgeber für Aktienanleger“, sagt Anlageexperte Albert. Sein Tipp: „Richten Sie Ihr Depot so aus, als gäbe es gar keine US-Wahl.“ Verbraucherschützer Nauhauser rät Anlegern, ihr Geld weltweit breit gestreut anzulegen. Das minimiere auch den Einfluss politischer Risiken auf ihr Vermögen. Sie könnten politischen Einflüssen daher relativ gelassen gegenüber stehen. Egal, wer die Wahl gewinnt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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