Mini-Apartments in Hongkong: Wohnen auf 15 Quadratmetern

Mini-Apartments in Hongkong: Wohnen auf 15 Quadratmetern

, aktualisiert 25. Juni 2017, 15:21 Uhr
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Donny Chand wohnt in einer gehobenen Apartment-Anlage in Hongkong, doch er versucht so wenig Zeit wie möglich in seiner Wohnung zu verbringen – sie misst gerade mal 18 Quadratmeter.

Quelle:Handelsblatt Online

In Hongkong verschärft sich die Wohnungsnot. Mini-Apartments mit den Ausmaßen einer Gefängniszelle haben Hochkonjunktur – zu exorbitanten Preisen. Mieter schlagen die Zeit tot, um nicht nach Hause zurückzukehren.

HongkongMarmor im Foyer, geschwungene Balkone, edles Dekor: Auf den ersten Blick würden viele junge Angestellte Donny Chan um seine Adresse in einer gehobenen Apartment-Anlage in Hongkong beneiden. Doch der 39-Jährige verbringt so wenig Zeit wie möglich in seiner Wohnung im 19. Stock des Wohnturmes „High One“, denn sie misst gerade mal 18 Quadratmeter. „Immer wenn ich in das Apartment zurückkomme, fühle ich mich wie eine Katze in einer Kiste“, sagt Chan, der bei einem Medizingerätehersteller fürs Design verantwortlich ist.

Sein Studio mit den Ausmaßen einer Gefängniszelle liegt im Trend: Hongkongs Bauträger planen auf immer engerem Raum und offerieren jüngeren Käufern mittlerer Einkommensklassen hochwertig ausgestattete Mini-Apartments zu spektakulären Preisen. Die „Einheiten in Mückengröße“ oder „gnat flats“, wie sie auf Chinesisch heißen, sorgen für Spott im Internet und werfen ein Schlaglicht auf den überhitzten Immobilienmarkt und die wachsende Ungleichheit in der asiatischen Finanzmetropole.

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Hongkong gilt in vielen Rankings als teuerster Immobilienmarkt weltweit. Privater Wohnraum war schon immer begehrt, und Hunderttausende Flüchtlinge vom chinesischen Festland verschärften über Jahrzehnte die Wohnungsnot. Der Boom bei Mikro-Apartments zeigt Parallelen zur Entwicklung in den USA und anderen Industriestaaten, wo winzige Wohnungen ebenfalls im Trend liegen. In Hongkong leben jedoch nur wenige freiwillig auf engstem Raum. Chan zog im vergangenen Jahr in das Mini-Studio, nachdem er sich von seiner Frau getrennt hatte. Dafür zahlt er umgerechnet 1165 Euro Miete monatlich – ein Drittel seines Monatsgehalts.

Zuvor besichtigte er in drei Wochen 20 Wohnungen, doch alle waren teurer, in schlechterem Zustand oder weiter entfernt von seinem Arbeitsplatz. Nun spielt er nach der Arbeit Basketball oder Badminton, geht ins Kino, in Karaoke-Bars oder trifft Freunde und Verwandte, um nicht in seine vollgestellte, klaustrophobische Wohnung zurückzukehren. „Ich laufe in Shopping-Malls herum, bis sie schließen.“

Zu Beginn der Entwicklung wurden Mikro-Apartments zum Großteil von Investoren aufgekauft, die sie für überdurchschnittliche Erlöse vermieteten. Dann unterband der Staat solcherlei Spekulationen, und inzwischen werden die Mini-Einheiten vor allem von Wohnungssuchenden nachgefragt, wie Ingred Cheh, Forschungsleiterin bei Jones Lang Lasalle, sagt.


Umzug in das Mikro-Apartment

Trotz allem könne man die jungen Käufer, die sich die Apartments leisten können, wegen der extravaganten Preise noch als privilegiert bezeichnen, sagt der Wohnungsmarkt-Experte Edward Yiu. Überweisungsbelegen zufolge erwarb Chans Vermieter die Wohnung in Parkplatzgröße vom Bauträger Henderson Land 2015 für umgerechnet knapp 448 000 Euro. Der Bauträger MT Sisters verkaufte 2016 Wohneinheiten mit 15,4 Quadratmetern für bis zu 448 000 Euro. Laut Plänen sparte das Bauunternehmen den Platz für separate Duschkabinen und integrierte sie in die Toiletten, was normalerweise nur in älteren Gebäuden üblich ist.

Dass die Apartmentgröße schrumpft, zeigen auch die Statistiken. 2016 wurden 206 Wohnungen mit einer Fläche von unter 20 Quadratmeter gebaut, 2015 waren es 79 und 2012 keine einzige. In diesem Jahr werden 30 Prozent der 17 122 neuen Apartments kleiner als 40 Quadratmeter sein, 2018 soll diese Quote auf 43 Prozent steigen. Die meisten Einwohner Hongkongs leben auf einem Bruchteil des Platzes anderer Industriestaaten, wo die durchschnittliche Wohnfläche 40 bis 50 Quadratmeter pro Person erreicht. In den Städten des chinesischen Festlands sind es 30 Quadratmeter, in den zahlreichen Sozialwohnungskomplexen in Hongkong hat ein Bewohner durchschnittlich nicht einmal 13 Quadratmeter.

Beim Umzug in das Mikro-Apartment trennte sich Chan von rund 40 Prozent seiner Habseligkeiten, Anzüge, Basketballschuhe, Comics, Modellautos - weil sie nicht in seine neue Bleibe passten. Den Rest lagert er bei seinen Eltern oder in Kisten unter seiner Matratze. Er hat einen schmalen Schrank, ein Mini-Sofa und einen winzigen Couchtisch, aber keinen Platz für einen Fernseher.

Partys kommen nicht in Frage, Platz ist höchstens für ein oder zwei Besucher. Die winzige offene Küche hat eine platzsparende Spüle, die zur Arbeitsplatte umgebaut werden kann. In seinem kleinen Kühlschrank stehen sechs Dosen Limonade - kochen würde er nie, sagt Chan: „Wenn man kocht, bleibt der Geruch tagelang im Raum.“ Kaufen wolle er eine solche Mini-Wohnung nicht, betont er. Die Anzahlung für ein größeres Apartment würde jedoch bedeuten, „dass ich sparen müsste, bis ich sterbe“.

Wenn sein Mietvertrag ausläuft, will der 39-Jährige in einen ländlicheren Vorort ziehen, wo er mehr Platz hätte, aber auch einen längeren Weg zur Arbeit. Obwohl er von seiner Ex-Frau inzwischen das Geld für die Hälfte des gemeinsamen Hauses erhalten hat, macht sich Chan wenig Hoffnung, nochmal eine Immobilie zu kaufen. „Ich finde keinen Zugang zum Immobilienmarkt“, sagt er. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie junge Leute sich unter solchen Umständen ein eigenes Zuhause leisten können.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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