Mikrofinanz-Fonds: Mit Entwicklungshilfe verdienen

Mikrofinanz-Fonds: Mit Entwicklungshilfe verdienen

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Nobelpreisträger Muhammad Yunus: Pionier auf dem Gebiet der Mikrofinanz-Fonds

Mikrofinanz-Fonds bündeln Kleinstkredite aus der Dritten Welt. Anleger leisten Entwicklungshilfe und können daran auch noch verdienen.

Die Dritte Welt ist in New York angekommen: Künftig bietet die Grameen Bank aus Bangladesch armen Amerikanern Mikrokredite an. Das von Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus vor 30 Jahren gegründete Institut hat eine Filiale im New Yorker Stadtteil Queens eröffnet. Grameen bedient Immigranten, für die es durch die US-Hypothekenkrise noch schwerer geworden ist, einen Kredit zu bekommen oder auch nur ein Konto zu eröffnen. Klassischen Banken gelten die Einwanderer als nicht kreditwürdig – ebenso wie Millionen Arme in Aserbaidschan, Indien oder Ruanda.

Mikrofinanz-Banken wollen mit vielen kleinen Krediten möglichst viele Menschen erreichen. Kreditsicherheiten sind nicht üblich, die Kreditnehmer sollen sich eine wirtschaftliche Existenz aufbauen und sich aus Armut und Abhängigkeit befreien.

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Finanziert wird das Modell aus Dritte-Welt-Ersparnissen, von staatlichen Entwicklungsbanken wie der deutschen KfW und – über Investmentfonds – neuerdings auch von privaten Anlegern. Der besondere Charme dieser Investments liegt in ihrem geringen Risiko: Weil die Kredite an Millionen Kunden ausgegeben werden - – die Grameen Bank etwa hat 6,2 Millionen Kreditkunden – sind Risiken perfekt gestreut. Finanzkrisen im klassischen Bankensektor oder Konjunkturdellen auch großer Volkswirtschaften lassen Mikrofinanz-Fonds kalt.

Nobelpreisträger Yunus erklärt die Mikrofinanz-Story gern am Beispiel von Sufiya Begum: Die Frau aus Bangladesch flocht jahrelang Hocker aus Bambus. Trotz übler Plackerei verdiente sie kein Geld, denn immer wieder musste sie, um das Material zu bezahlen, einen Kredit beim örtlichen Geldverleiher aufnehmen. Der verlangte zehn Prozent Zinsen pro Woche und setzte durch, dass die Frau ihm die Hocker zu einem Spottpreis liefern musste. Erst mit einem Mikrokredit über umgerechnet weniger als 100 Euro konnte Begum sich von dem Wucherer frei machen.

Erfolgsgeschichten wie diese gibt es millionenfach. Die meisten schrieben Frauen, an die etwa 70 Prozent der Mikrokredite gehen. Sie zahlen zuverlässiger zurück und zeigen im täglichen Überlebenskampf mehr Biss als Männer. „Frauen geben ihren Verdienst seltener als Männer für Konsumgüter wie Fernseher aus und bezahlen damit lieber die medizinische Versorgung und Ausbildung ihrer Kinder“, heißt es in einer Studie von Women’s World Banking, einem Netzwerk von Mikrofinanz-Banken aus 30 Ländern.

Weltweit haben rund 1500 Mikrofinanz-Institute an Handwerker, Schneiderinnen oder Bauern 25 Milliarden Dollar verliehen. Vier Milliarden Dollar kommen von privaten Investoren. 2015 sollen es, so eine Studie der Deutschen Bank, 20 Milliarden sein. Die Pensionskasse des niederländischen Gesundheitswesens etwa will bis zum Jahr 2010 rund 200 Millionen Euro in Mikrofinanz-Anlagen investieren. Der auf Mikrofinanz spezialisierte Vermögensverwalter Responsability aus Zürich sammelt derzeit zehn Millionen Euro Anlegergeld » pro Monat ein. Deutsche Anleger können zurzeit in eine Handvoll Luxemburger Investmentfonds investieren.

Mit den Praktiken des modernen Finanzgeschäfts hat Mikrofinanz wenig gemein. Fondsmanager können Gelder nicht in Sekunden nach Togo oder Tansania überweisen. Verträge werden per Kurier verschickt und in Tresoren gelagert. An die Stelle einer Überweisung tritt mitunter der altmodische Wechselverkehr. „5000 Dollar anzulegen dauert da schon mal drei Wochen“, sagt Klaus Tischhauser, der die Responsability-Fonds betreut. Die Banker ziehen von Dorf zu Dorf und palavern mit Kreditnehmern über Geschäftspläne und Zahlungsbedingungen. Abgeschlossen wird der Kreditvertrag schon mal mit Fingerabdruck und Foto. Für Analphabeten werden die Krediterklärungen mitunter illustriert. Ein gigantischer Aufwand für einen Kredit über gerade mal 100 Dollar, der in ein bis drei Jahren zurückgezahlt wird.

Wegen der hohen Kosten zahlen Kreditnehmer zwei bis sechs Prozent Zinsen pro Monat. Umgerechnet sind das effektiv 25 bis 80 Prozent jährlich – in Deutschland wäre dies Wucher. Doch die Schuldner verbessern sich enorm. Lokale Kredithaie verlangen bis zu 1000 Prozent und drohen bei Verzug schon mal mit Schlägen oder Verstümmelung.

Millionenfache Hilfe

Millionenfache Hilfe

Dagegen erscheint die Welt der Mikrofinanz-Institute wie das Paradies. Manche Institute verzichten sogar auf Sicherheiten oder vergeben Kredite gleich an eine ganze Dorfgemeinschaft, die solidarisch für die Rückzahlung haftet.

Die Frankfurter Pro-Credit- Holding etwa ist weltweit mit 23 eigenen Mikrofinanz-Instituten aktiv – in Entwicklungsländern wie Sierra Leone, Kongo oder Ghana, aber auch in Schwellenländern wie Bolivien, Ecuador, Moldawien. Die örtlichen ProCredit-Institute vergeben Kredite nur an einzelne Personen oder Unternehmen und setzen auf eine sorgfältige Kreditanalyse jedes Kreditantrages. „Man braucht in diesem Umfeld einen bodenständigen Ansatz“, sagt Helen Alexander, Vorstand der auf Mikrofinanzen spezialisierten Frankfurter ProCredit.

Insgesamt stehen ProCredit rund 2,8 Milliarden Euro von Geldgebern zur Verfügung, die zur Hälfte als Minidarlehen von weniger als 1000 Euro vergeben werden. Bei nur etwa 1,5 Prozent der Kredite geraten die Schuldner mit den Zinsen und der Tilgung mehr als 30 Tage in Verzug, die tatsächliche Ausfallrate liegt noch darunter. Damit steht ProCredit besser da als viele klassische Banken. Im Mikrofinanz-Gschäft sind Betrugsfälle selten, die Schuldner üblicherweise gewissenhaft. Deshalb hat ein Fall aus Ruanda, wo 15 Mitarbeiter kleiner örtlicher Mikrofinanz-Institute Spargelder veruntreut haben sollen und verhaftet wurden, einigen Staub aufgewirbelt.

Mittlerweile springen auch internationalen Großbanken mit auf den Zug. Manches Mikrofinanz-Institut hat sich zu einer profitablen Bank gemausert, mit der man nicht mehr in Staub und Dreck Geschäfte machen muss. Auf der anderen Seite suchen viele Anleger verzweifelt nach sicheren, rentablen und nachhaltigen Investments. „Wenn etwas die Bezeichnung ethisches Investment verdient, dann die Mikrokredite“, sagt Klaus Maurer, Chef des EFSE Europäischen Fonds für Südosteuropa, der 400 Millionen Euro von Großanlegern vor allem in osteuropäische Mikrofinanz-Institute investiert. „Das Geld ist kein Almosen“, sagt Reinhard Gödel, Vorstandsvorsitzender der genossenschaftlichen Leasinggesellschaft VR Leasing, die dem Fonds jüngst einen sechsstelligen Betrag gespendet hat und aus dem Mikrofinanz-Sektor ein neues Geschäftsfeld entwickeln will.

Wie viel Geld noch in Mikrofinanz fließen sollte, ist umstritten. Optimisten hoffen, dass einer Milliarde Menschen eigentlich bis zu 250 Milliarden Dollar vermittelt werden könnten. Ein Report des Centre for the Study of Financial Innovation, einer Denkfabrik der Finanzbranche, warnt dagegen: Zu viel Kapital sei im Mikrofinanz-Bereich ein größeres Problem als zu wenig, weil es die Standards drücken könnte. „Wenn zu viel Geld für Kredite zur Verfügung steht, dann wird die Kreditvergabe mitunter weniger streng überwacht. Das beste Beispiel ist die Hypothekenkrise in den USA“, sagt Fondsmanager Tischhauser. Das Risiko für die Geldgeber steige, wenn die Kreditüberwachung nicht mit der Kreditvergabe Schritt halte. Nicht immer haben die Institute genug erfahrene Mitarbeiter, die die Kontrolle übernehmen können.

Für die Fondsmanager ist es schon heute nicht immer einfach, ihre Gelder bei Mikrofinanz-Instituten unterzubringen. Tischhauser musste in diesem Jahr mitunter 14 Prozent seines Fondsvolumens von 217 Millionen Dollar auf einem Tagesgeldkonto parken. Der im November 2003 aufgelegte Responsability Global Microfinance-Fonds erzielte seit Gründung ein Plus von 2,7 Prozent pro Jahr. So viel schaffen in etwa auch klassische Geldmarktfonds – doch die bieten eben nicht das gute Gefühl, anderen Menschen geholfen zu haben.

Obwohl das neue deutsche Investmentgesetz auch hierzulande die Auflage von Mikrofinanz-Fonds zulässt, gibt es noch kein deutsches Produkt. Nach deutschen Regeln dürften Fondsmanager nur in regulierte und beaufsichtigte Institute investieren, an denen auch noch eine große Entwicklungsbank wie die KfW zu mindestens fünf Prozent beteiligt ist. „Die Regel ist realitätsfern“, sagt Tischhauser. „Wir investieren auch in Projekte, die von Nichtregierungsorganisationen betreut werden. Haben die Institute den geforderten Bankstatus erreicht, benötigen sie die Fondsgelder häufig gar nicht mehr.“

Luxemburg ist liberaler. Um Wildwuchs bei Fonds zu vermeiden, hat das Großherzogtum ein eigenes Gütesiegel geschaffen. „Luxflag“ bescheinigt, dass die Fonds tatsächlich in den Mikrofinanz-Bereich investieren. Die Fonds müssen dazu jährlich einige Unterlagen einreichen. Den deutschen Gesetzgeber beeindruckt das nicht. Obwohl Responsability, Dexia und neuerdings auch Axxion das Gütesiegel haben, dürfen sie hierzulande nur unter der Theke liegen. Für die Fonds darf nicht geworben werden. Immerhin weisen sie die für deutsche Anleger wichtigen Besteuerungsgrundlagen aus, der Investor muss keine Strafbesteuerung fürchten, die bei anderen in Deutschland nicht zugelassenen Fonds droht. Wichtig zu wissen: Wer sein Geld zurückhaben will, muss dies einen bis drei Monate vorher anmelden. Wie sich der Ausstieg dann wiederum mit dem Gewissen vereinbaren lässt, ist eine andere Frage. Fondsmanager Tischhauser sieht das pragmatisch: „Mikrofinanz ist keine isolierte paradiesische Insel.“ Anleger sollten den Sektor nicht romantisch verklären. Geschäft ist Geschäft – selbst dann, wenn es dem guten Gewissen dient.

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