
"Too big to fail?", zu wichtig, um fallengelassen zu werden?
Ja, genau. Die Haftungssumme musste nur gigantisch genug sein, um der Haftungspflicht zu entgehen. Schließlich hat nicht nur der Glaube an ihre Modellrechnungen die Finanzakteure zu riskanten Strategien verführt, sondern auch das Vertrauen darauf, dass der Staat im Zweifel mit Garantien einspringen würde. Sie wussten, dass sie für die Folgen nicht selber aufkommen mussten. Deshalb hat es seit der Finanzkrise auch keinen Bruch in der Erwartungswelt der Banker gegeben. Die Finanzwirtschaft ist durch die Krise in ihrer Weltsicht bestätigt worden.
Wäre es also besser gewesen, man hätte einige Institute bankrottgehen lassen?
Ja, der ökonomische Schaden wäre geringer gewesen als das, was wir jetzt an öffentlicher Verschuldung zu tragen haben. Ganz zu schweigen vom ideellen Schaden. Noch einmal: Es gehört zu den urbürgerlich-liberalen Prinzipien unserer Wirtschaftsordnung, dass die Akteure für die Folgen ihres Handelns einzustehen haben. Darauf gründet gewissermaßen die Würde des Unternehmerischen. Zu einer Wirtschaftsordnung, die sich auf die Eigenverantwortung des Individuums beruft, gehört, dass man das Scheitern akzeptiert und für den Schaden haftet. Die Politik hat zugelassen, dass dieses Prinzip dauerhaft beschädigt wurde.
Warum hat die Politik sich erpressen lassen – und auf Machtausübung verzichtet?
Weil sie Angst vor dem eigenen Anspruch gehabt hat, die ordnende Kraft in der Gesellschaft zu sein. Das wird fatale Folgen haben. Zum einen haben wir uns eine Schuldenlast aufgebürdet, die uns auf absehbare Zeit die politische Gestaltungsmacht raubt. Und zum anderen hat sich die Politik ein gewaltiges Gerechtigkeitsproblem eingebrockt: Dass dieselben Vertreter der Finanzwelt, deren Banken erst Monate zuvor mit Steuermilliarden gerettet worden sind, jetzt wegen der Haushaltskonsolidierung die Kürzungen der Sozialleistungen fordern, halte ich für einen Skandal.
Wie konnte die Bankwirtschaft so erfolgreich von ihrer Verantwortung ablenken?
Erst wurde auf die Unübersichtlichkeit der globalen Märkte verwiesen, die man zuvor noch mit den Methoden der Finanzanalyse meinte kontrollieren zu können. Dann wurde das Allgemeinmenschliche ins Spiel gebracht: Die Banker seien nur ein Beispiel für die Gier aller. Es hat in der Debatte um die Finanzkrise nichts Unsinnigeres gegeben als das Gerede über diese Gier.
Hat es etwa keine Gier gegeben?
Doch, aber das menschliche Handeln ist mindestens so sehr von der Sorge um die Sicherung der Zukunft getrieben wie von der Gier. Es ist schlicht Unsinn, zu glauben, die Menschen seien aufgrund ihrer anthropologischen Ausstattung bereit, für ihre Habgier alles zu opfern. Interessant wird es erst, wenn man nach den sozialen Bedingungen und institutionellen Regeln fragt, die Gier begünstigen. Diese Fragen sind nie gestellt worden.
Hat, nach alledem, der Soziologe Niklas Luhmann recht, der die "Wirtschaftsethik" mit der englischen Küche verglich – weil es weder das eine noch das andere gebe?
Na ja, das ist schön gesagt, aber nicht ganz richtig. Wirtschaftliches Handeln ist sicher nicht per se ethisch, aber eben auch nicht rein zweckrational. Gerade in der Finanzkrise hat sich gezeigt, wie wichtig ein sozialer Faktor ist, der sich rein ökonomisch nicht herbeiführen lässt: der Faktor Vertrauen. Die Finanzwelt brach zusammen, als sich die Banken im Interbankenaustausch nicht mehr über den Weg getraut haben. Dieses Vertrauen kann man nicht durch Verträge sichern. Es muss sich stützen auf die Regelsicherheit von Institutionen.
Was glauben Sie? Bekommt es die Politik am Ende noch hin, die Finanzwelt mit dieser Regelsicherheit auszustatten?
Ich habe Zweifel. Die Regulierung hat – zumindest bisher – nicht stattgefunden. Die teilweise aggressiven Botschaften an die Adresse des Finanzsektors haben eine rein kompensatorische Funktion und sind faktisch folgenlos geblieben. Die Bankensteuer, die man im Windschatten der jüngsten Reformpläne von Barack Obama jetzt diskutiert, wird vielleicht auch nur deshalb ins Spiel gebracht, weil eine solche Steuer allenfalls fünf Prozent von den Gewinnen aus dem Finanzsektor abzieht und die Geschäftsinteressen der Banken nicht wirklich berührt.
Also weiter wie bisher?
Die aktuellen Initiativen des amerikanischen Präsidenten etwa zur Trennung des Investmentbankings vom klassischen Bankgeschäft können einen immerhin wieder zuversichtlicher machen, dass der -fatale Machtverzicht der Regierungen gegenüber den Banken nicht das letzte Wort der Politik gewesen ist.















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Alle Kommentare lesen05.02.2010, 12:18 UhrAnonymer Benutzer: werner
Hier stellt sich doch die entscheidende Frage, wer diese Welt regieren will heissen lenken soll. Totes Geld, welches als Ware mit mathematisch berechneten Modellen Gewinn und Verlustrisiko von banken verkauft wird? Die Politik hat lediglich noch dafür zu sorgen, dass jedweder deal durch Gesetze nicht behindert wird, sondern im Gegenteil gesetzeskonform ist, damit nicht die bank bei Verlust der Dumme ist, sondern der Geldanleger. Diese Art von Kapitalismus, bei der es nicht mehr um die bereitstellung von Geld für die wirtschafliche und ökologische Weiterentwicklung dieses Planeten geht, ist faktisch ein Glücksspiel-Kapitalismus. Soweit mir bekannt ist, unterliegen jedoch Glücksspiele der staatlichen Aufsicht, es sei denn, dass diese organisierte Ausmasse annehmen, wie in der bankenwelt. Hier scheinen die Politiker die Hosen gestrichen voll zu haben vor einer Klientel, die sich offensichtlich dadurch auszeichnet, nichts von ihrem Geschäft zu verstehen andererseits jedoch über so unermessliche Geldresourcen zu verfügen, mit denen man jeden Politiker mit unbootmässigen Reglementierungsmeinungen mundtot machen kann.
Wir leben bereits in einem Gesellschaftzustand in dem Geld die Dominanz über die menschliche intelligenz übernommen hat.
Mein Credo, lass dein Geld auf einem Tagesgeldkonto, egal welche Zinsen. Hierzu brauche ich keinen berater der bank, ich traue seit Jahrzehnten keinem über den Weg.
Einfache Frage an den bankberater:
Wieviel sind 40% von 30 Euro. Es ist nicht sicher, ob er dies ohne Rechner schafft. Fragen Sie ihn weiter, ob man diese Rechnung auch auf Äpfel übertragen kann, werden Sie vermutlich ein ungläubiges Staunen bei ihm (ihr) feststellen. ich würde sagen, beratertest nicht bestanden, und von diesen Leuten soll ich Derivate, Zertifikate, Schuldverschreibungen und sonstwas kaufen? Nein Danke
05.02.2010, 09:43 UhrAnonymer Benutzer: Unterwasserexplosion
Phantastische Analyse! Da macht das Lesen richtig Spaß!
02.02.2010, 15:06 UhrAnonymer Benutzer: Fürstenburg
beim lesen dieses (ausgezeichneten) interviews gewinnt man den unabweisbaren Eindruck, dass die Regierung nicht für das Volk, sondern gegen das Volk arbeitet, dass sie das Tagesgeschäft nach dem Prinzip des Philosophen Popper (durchwurschteln) abarbeitet, aber wichtige Problemkomplexe umgeht. Wie die banken scheint auch die Politkaste ein Eigenleben zu führen, wobei dem Wähler lediglich die Rolle zufällt, die Stimmen für eine Wiederwahl zu liefern. Es ist Zeit, dass die bürger der Politik genau auf die Finger sehen und, wenn nötig, draufklopfen. Schweigen und tolerieren, wie das bisher geschah, wäre eine falsche Attitüde. Man sieht ja, wohin das führt.