Insolvenzen: Gute Zeiten für Verbraucher, schlechte für Gründer

Insolvenzen: Gute Zeiten für Verbraucher, schlechte für Gründer

, aktualisiert 21. Juni 2017, 16:17 Uhr
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Dank der robusten Wirtschaftslage ist die Zahl der Unternehmens- und Verbraucherinsolvenzen in Deutschland erneut gesunken.

von Andreas NeuhausQuelle:Handelsblatt Online

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Verbraucher sind so gut wie seit Jahren nicht. Die Zahl der Verbraucherinsolvenzen ist im ersten Halbjahr deutlich gesunken. Die gute Konjunktur hat aber auch ihre Nachteile.

DüsseldorfNiedrige Arbeitslosigkeit, steigende Realeinkommen – für die Verbraucher waren die äußeren Umstände im ersten Halbjahr günstig. Sie konnten ihre Verschuldung zurückfahren oder zumindest erträglich halten, die Zahl der Verbraucherinsolvenzen ging im deutlich zurück, wie die Wirtschaftsauskunftei Creditreform am Mittwoch mitteilte.

Zwischen Januar und Juni registrierte das Unternehmen 36.300 Verbraucherinsolvenzen, das sind 7,5 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Die Zahl sank bereits seit 2010, aber nie so stark wie derzeit. „Für die privaten Verbraucher sind die Rahmenbedingungen weiter sehr günstig“, sagte Creditreform-Hauptgeschäftsführer Volker Ulbricht. Knapp 44 Millionen Personen sind in Deutschland erwerbstätig, die Arbeitslosenzahl ist so niedrig wie seit 26 Jahren nicht, auch die Einkommenssituation verbessert sich.

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Allerdings stellt die Wirtschaftsauskunftei fest, dass der private Schuldenberg weiterhin hoch ist. Verschlechtert sich der Arbeitsmarkt, oder kommt es zu einer Zinswende, könnte das zu einer Belastung für die Verbraucher werden.

Dank der guten Konjunktur gingen auch die Unternehmensinsolvenzen zurück – allerdings nicht so stark wie die der Verbraucher. 10.300 Unternehmen meldeten im ersten Halbjahr Insolvenz an, 5,9 Prozent weniger als im Vorjahr. Zum Vergleich: Nach der Finanzkrise gingen 2009 noch fast 33.000 Firmen Pleite.

Das liegt zum einen daran, dass die EZB aktuell günstige Kurz- und Langfristfinanzierungen ermöglicht und quasi Liquidität in Überfluss zur Verfügung stellt. „So bleiben auch Firmen liquide, die zu anderen Zeiten in Schwierigkeiten geraten wären“, sagt Ulbricht. Die EZB begünstige damit indirekt unternehmerische Fehlentscheidungen.

Einen anderen Grund dafür, dass weniger Firmen in die Insolvenz gehen, sieht Ulbricht in dem steigenden Durchschnittsalter der Unternehmen und deren Inhaber. Denn: Firmen sind vor allem in den ersten Jahren insolvenzgefährdet. Die Zahl der Gründungen in Deutschland hat sich aber halbiert. „Im Moment fehlt Arbeitnehmern ein Impuls, in die Selbstständigkeit zu gehen“, sagt Ulbricht. Das mag langfristig die Innovationskraft schmälern und problematisch sein, kurzfristig sorgt das aber für einen stabileren Unternehmenssektor.


Wer besonders von der Insolvenz bedroht ist

Mit den Insolvenzen sinkt auch das Schadensvolumen für die Gläubiger – es bleibt aber auf einem vergleichsweise hohen Niveau. 2017 waren bislang Forderungen von schätzungsweise 13 Milliarden Euro bedroht. Pro Insolvenzfall bedeutet das im Schnitt Schäden von 1,26 Millionen Euro.

Viele Anleger stehen damit vor einem Scherbenhaufen – beispielsweise bei der Hamburger Reederei Rickmers, die neben Solarworld bislang die größte Insolvenz des Jahres ist. Ulbricht kann den Gläubigern auch nur wenig Mut machen. „Die Deckungsquote der eröffneten Unternehmensinsolvenzverfahren liegt im Durchschnitt im unteren einstelligen Prozentbereich. In vielen Fällen droht der Totalausfall.“

Einen besonders großen Anteil an der Zahl der Insolvenzen haben kleine Unternehmen mit einem Umsatz unter 250.000 Euro. Deren Anteil an den Firmen-Pleiten lag in den ersten sechs Monaten bei 30,7 Prozent. Direkt danach (27,7 Prozent) folgen klassische Mittelständler, deren Umsatz zwischen 500.000 und fünf Millionen Euro liegt. Da deren Anteil am Unternehmensbestand allerdings nur bei 20,3 Prozent liegt, sind sie bei den Insolvenzen überproportional vertreten.

Vor diesem Hintergrund macht es hellhörig, dass der Anteil von Unternehmen, die älter als zehn Jahre sind, mittlerweile 43,7 Prozent der gesamten Insolvenzen ausmacht. „Da mag reinspielen, dass Unternehmen die Änderung der Digitalisierung nicht mitmachen können und in Schieflage geraten sind“, sagt Creditreform-Sprecher Michael Bretz.

In den einzelnen Wirtschaftsbereichen gingen vor allem die Insolvenzzahlen im Baugewerbe deutlich zurück (minus 9,9 Prozent). Vergleichsweise gering war der Rückgang im Handel (minus 3,9 Prozent). Insgesamt sind 99.000 Arbeitsplätze bedroht – vor Jahresfrist waren es noch 10.000 mehr.

Für das gesamte Jahr 2017 erwartet Creditreform, dass sich der positive Trend des ersten Halbjahres fortsetzt.

Quelle:  Handelsblatt Online
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