Mini-Bonds für Anleger: Zu schön um wahr zu sein

Mini-Bonds für Anleger: Zu schön um wahr zu sein

, aktualisiert 28. Februar 2017, 17:20 Uhr
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In der Vergangenheit mussten Anleger von Mittelstandsanleihen Verluste hinnehmen. Dabei kann man sich vor ihnen schützen, die Beachtung einiger Regeln vorausgesetzt.

von Gertrud HusslaQuelle:Handelsblatt Online

Ob KTG Agrar, German Pellets oder der Modekonzern Steilmann – seit Start des Börsensegments für Mittelstandsanleihen haben immer neue Pleiten das Segment erschüttert. So schützen sich Anleger vor Reinfällen.

DüsseldorfDie Werbung überzeugte. „Vom Feld auf den Teller – In drei Jahren von der Vision zur Realität“, warb Siegried Hofreiter um Anlegergeld für seinen KTG-Agrar-Konzern. Auch bei German Pellets hatten Sparer das Gefühl, das richtige zu tun: „Ein nachhaltiges Investment“, stand groß auf den Werbebroschüren von German Pellets. Die Stories klangen gut, die Zinsen auch: 7,25 Prozent oder gar acht Prozent boten die Emittenten. Über Anleihen sammelten die beiden Unternehmen zusammen rund eine halbe Milliarde Euro ein. Doch dann ging etwas schief. German Pellets, KTG Agrar und viele andere Anbieter von Mittelstandsanleihen sind heute pleite. Das Geld ihrer Anleger ist in großen Teilen verbrannt.

Die Anleihen gehörten zu einem Börsensegment, das erst 2010 in Leben gerufen wurde: „Bondm“ hieß es beispielsweise in Stuttgart, „Entry Standard“ in Frankfurt. Es war ein Segment für kleinere und mittlere Unternehmen. Insgesamt 6,2 Milliarden Euro haben kleinere, in Finanznöte geratene Unternehmen seit 2010 über die Börsen eingesammelt. Es wurde eine Katastrophe. Bislang sind bereits rund 30 Prozent des Anleihevolumens ausgefallen. Zwei Milliarden Euro sind damit weitgehend vernichtet. Weitere Pleiten könnten folgen. Bei den 2017 fälligen Anleihen sind zwar viele jetzt schon ausgefallen. Bei den Papieren, die bis 2018 laufen, aber noch nicht. Dort bröckeln die Kurse vieler Bonds schon bedenklich. 

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Vor allem Privatanleger wähnten sich mit den Investments in Papiere wie German Pellets, Steilmann oder Scholz auf der sicheren Seite. Schließlich befanden sie sich im geregelten Kapitalmarkt, die Bonds wurden an der Börse gehandelt und mit viel Werbung ihrer Emittenten unter das Volk gebracht. Das Fatale: Ratingagenturen gaben viel zu gute Noten, die Risiken waren nur schwer zu erkennen. Doch es gibt auch bei Geldanlagen wie den Minibonds Wege, ein paar Faustregeln, um sich vor Fehlinvestments zu schützen.

1) Den Zins mit seinem Umfeld vergleichen.

Der Schrotthändler Scholz etwa begab 2014 eine Anleihe zu 8,5 Prozent. Damals rentierten risikofreie deutsche Bundesanleihen zehnjähriger Laufzeit mit etwas über einem Prozent. Experte Ralf Garrn von der Ratingagentur Euler Hermes empfiehlt auch den Vergleich mit Anleihen aus der Branche. Der Stahlkonzern Thyssen bot 2014 eine Anleihe zu 4,4 Prozent. Das war schon deutlich höher als der Zins eines Staatspapiers. Doch der Thyssen-Zins lag immer noch vier Prozentpunkte unter Scholz. Wenn sich ein Unternehmen so teuer verschulden muss, ist das ein Hinweis auf sehr hohes Risiko, wenn nicht sogar auf akute Geldnot.

2)  Reichen die Gewinne für künftige Zinszahlungen?

Wichtigste Frage: Kann das Unternehmen die Zinsen überhaupt verdienen? Faustregel: Das Ebit (Gewinn vor Steuern und Zinsen) sollte mindestens drei mal so hoch wie die künftigen Zinsdienste sein. Für den Vergleich eignet sich auch der Cashflow. Hier gilt die gleiche Regel. Beide Größen zeigen an, wie liquide ein Unternehmen ist. Bei Anlagen mit erneuerbaren Energien reicht eventuell das 1,2- bis zweifache des Zinsdienstes. Denn hier mindern feste Einspeisevergütungen das Risiko.

3)   Mehrere Jahres-Abschlüsse miteinander vergleichen.

Springen Zahlen wie Kassenbestand, Umsatz, Kosten oder Forderungen wild hin und her? Machen immer neue Sondereffekte die Kennzahlen schwer vergleichbar? Ein Warnzeichen sind wechselnde Firmenstrukturen und ein komplexes Firmengeflecht. Beim klammen Textilriesen Steilmann etwa waren die Jahresabschlüsse kaum vergleichbar, weil er ab 2013 als Großaktionär von Adler die Abschlüsse der Modetochter samt ihres 50 Millionen Euro schweren Kassenbestands mit in die Bilanz einbezogen hat. Es war nicht mehr zu erkennen, dass Steilmann damals unter großer Finanznot litt und seine Kreditlinien bei der Hausbank um 50 Millionen Euro überzogen hatte.


Je kleiner die investierten Beträge, umso kleiner das Risiko

4)   Die Besetzung von Aufsichtsrat , Vorstand, Gesellschafter und Chefs der Tochterunternehmen prüfen.

Tauchen überall die gleichen Personen auf? Bei KTG Agrar war die Firmenspitze überwiegend von Vorstand Siegfried Hofreiter, seiner Lebensgefährtin Beatrice Ams und von Freunden besetzt. Sogar der gemeinsame minderjährige Sohn von Hofreiter und Ams war schon Mitgesellschafter eines Tochterunternehmens.  Ähnliche Strukturen gab es bei German Pellets und Steilmann. Bei Steilmann fanden sich immer wieder Mitglieder der Familie Radici, von Michele Puller und den Viscardis in Vorstanden und Aufsichtsräten. Peter Leibold setzte gerne Ehefrau und seine Tochter für Stiftungen und Tochterunternehmen ein. Es schadet nicht, die eine oder andere Person auch mal zu googeln. Wenn die Vorgeschichte eines Firmengründers Insolvenzen aufweist, oder wenn er gar vorbestraft ist, ist das ein Warnzeichen. Bei KTG Agrar stand schon im Prospekt, dass Siegfried Hofreiter vorbestraft war.

5)   Trotz  aller Fehlbewertungen: Ratingberichte lesen.

Bei Creditreform Euler Hermes oder Scope haben Analysten das Geschäftsmodell studiert. Sie beschreiben die Risiken im Text. Auch wenn die Noten viel zu gut ausfallen, kann sich der aufmerksame Leser dort ein genaueres Bild machen. Creditreform etwa gab German Pellets noch drei Monate vor der Insolvenz die relativ gute Note BB- (spekulative Anlage). Da hätte es längst ein „D“ sein müssen. Die Transfers von Anlegergeld über eine Stiftung in die USA waren im Text aber genau beschrieben. Auch wurden dort die Risiken des hohen Verschuldungsgrads erwähnt. Auch in Prospekten müssen per Gesetz die Risiken aufgelistet sein. Doch dort stehen oft wenig brauchbare Standardformulierungen.

6)   Anleihebedingungen lesen.

Wer ist Emittent? Beim Biogas-Hersteller KTG Agrar wurden die Anleihen von der Holding begeben. Sie ging pleite. Die Biogas-Töchter mit den steten Einnahmen blieben verschont. Von den Umsätzen der Biogastöchter haben die Anleger nichts. Sie erleiden praktisch einen Totalverlust. Wichtig ist auch: Sind die Anleihen nachrangig? So war es bei fast allen Minibonds des neuen Segments. Dort kassieren am Ende alles, was noch an Vermögen da ist, die Banken.

7)  Kleinere Beträge investieren.

Diese Regel gilt bei jeder Geldanlage. Bloß nicht die halbe Altersvorsorge in ein einziges Investment stecken, nur weil die Story gut klingt. Wer nur kleinere Beträge abzweigen kann, sollte das Geld lieber in einen kostengünstigen Anleihefonds stecken. Dann ist das Risiko gestreut.

Quelle:  Handelsblatt Online
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