Geldautomaten: Bankkunden kommen immer schwieriger an Bargeld

Untersuchung zu Geldautomaten : Bankkunden kommen immer schwieriger an Bargeld

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Das Bundeskartellamt klagt über schlechten Service für Bankkunden in Deutschland.

von Mark Fehr

Das Bundeskartellamt beklagt den Abbau von Bankfilialen und Geldautomaten. Dadurch kommen die Verbraucher immer schlechter an das in Deutschland so beliebte Bargeld.

Das Bundeskartellamt klagt über schlechten Service für Bankkunden in Deutschland. „Die Versorgung mit Bargeld ist für den Verbraucher schon heute mitunter schwierig, weil immer mehr Bankfilialen, Servicecenter und Geldautomaten geschlossen oder abgebaut werden“, schreiben die Wettbewerbshüter in einem aktuellen Fallbericht.

Damit werden die negativen Auswirkungen des drastischen Sparkurses in der Bankenbranche erstmals von einer Behörde deutlich benannt. Banken und Sparkassen reden mittlerweile zwar sehr offen über das leidige Thema des Filialabbaus, behaupten aber, dass damit kein Rückzug aus der Fläche verbunden sei. Auch die Bundesbank und die Finanzaufsicht BaFin befürworten die Strategie der Banken, eher auf ein tragfähiges Geschäft und einträgliche Gebühren zu achten, statt sich im Wettbewerb aufzureiben. Klar, die Finanzaufseher haben vor allem die Stabilität der Institute im Auge.

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Banker wenden an dieser Stelle gern ein, dass deutsche Bankkunden bisher in einem Schlaraffenland mit hohen Begrüßungsgeldern für Neukunden, Kostenloskonten, Filialen an jeder Ecke und gebührenfreier Bargeldversorgung gelebt hätten. Jetzt müsse der Verbraucher lediglich auf den gewohnten Überfluss verzichten. Das Kartellamt hat nun aber klargestellt, dass die Einschnitte im Service insbesondere beim in Deutschland beliebten Bargeld deutlich tiefer sind, als von den Banken zugegeben.

Quelle: Dmitri Broido

Eigentlich hatten die Wettbewerbshüter bei ihrem Fallbericht gar nicht die Bargeldversorgung im Auge, sondern ein viel spezielleres Thema. Es ging um die Frage, ob Banken zu hohe Abhebegebühren von fremden Kunden verlangen.
Gerade im Urlaub oder auf Dienstreisen kann es schon mal vorkommen, dass man im Reisestress mal einen Automaten erwischt, der nicht zum Verbund gehört, dem die eigene Bank angeschlossen ist. Das kostet dann um die fünf Euro je Abhebung. Ein Betrag, der niemanden in die Pleite treiben dürfte, der aber ärgerlich ist. Schließlich sind Geldabhebungen im eigenen Automatenverbund kostenlos oder zumindest deutlich billiger. Kein Wunder, dass Verbraucher sich bei den Aufsichtsbehörden und Wettbewerbshütern beschwert haben.

Das Kartellamt sieht das Problem der Fremdgebühren eher als ein Randthema. „Fremdabhebeentgelte fallen in Deutschland nur bei einem kleinen Teil der Transaktionen an Geldautomaten an“, so der Befund. Zudem könnten Fremdkunden die höheren Kosten vermeiden, wenn sie an Automaten anderer Verbünde Kreditkarten einsetzen statt Debitkarten.
Allerdings dürfte es wegen Filialschließungen und dem Abbau von Geldautomaten für Kunden auch immer schwieriger werden, einen Stützpunkt zu finden, der dem eigenen Abhebeverbund angehört.

Sparkassenbus Bus statt Bankfiliale: Wie Geldversorgung auf dem Land funktioniert

In Deutschland geht die Zahl der Banken und ihrer Filialen kontinuierlich zurück. Das macht sich vor allem auf dem Land bemerkbar - Kreditinstitute denken sich Alternativen für solche Regionen aus.

Sparkassenbus Quelle: dpa

Aus kurzfristiger Jahressicht sieht der Filialabbau gar nicht so dramatisch aus. Die Sparkassen haben im Jahr 2016 vier Prozent ihrer Geschäftsstellen einschließlich Selbstbedienungseinrichtungen geschlossen, die Zahl der Geldautomaten blieb konstant. Doch die Auswirkungen des schleichenden Rückzugs zeigen sich auf lange Sicht umso deutlicher: Laut Bankenverband gibt es in Deutschland rund 36.000 Filialen von Banken und Sparkassen, etwa 22 Prozent weniger als zehn Jahre zuvor. So verfügte die Commerzbank nach der Fusion mit der Dresdner Bank 2008 über etwa 1200 Filialen, heute sind es nur noch 1000.

Alternativen zur Filiale

Immerhin versuchen Banken die durch den Filialabbau entstehenden Servicenachteile auszugleichen – mit teils erfindungsreichen Methoden. So kommt auf dem Land schon mal der Sparkassenbus in entlegene Gegenden, wo Kunden den Berater sprechen und Transaktionen abwickeln können. In einem Altenheim in Nordrhein-Westfalen wurde zwar der Geldautomat geschlossen, dafür kam der Sparkassenmann dann zwei Mal die Woche persönlich vorbei.

Sparkasse in Zeiten von Minizins und Digitalisierung

  • Ist die Filiale tot?

    Immer mehr Kunden wickeln immer mehr Bankgeschäfte digital ab: Vom heimischen Computer aus, mit der App auf dem Smartphone, online per Videoberatung. Flächendeckende Filialnetze, wie sie Sparkassen und Volksbanken unterhalten, werden zum Kostenfaktor. „Der Kunde geht nicht mehr in die Geschäftsstelle“, konstatierte vor einigen Wochen der bayerische Sparkassenpräsident Ulrich Netzer. Inzwischen komme ein Kunde im Schnitt nur einmal pro Jahr in eine Filiale, nehme aber 108 Mal jährlich online Kontakt auf. Bundesweit leisten sich die aktuell 409 Sparkassen laut nach Angaben des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) 14 451 (Vorjahr: knapp 14 900) Filialen – inklusive Selbstbedienungspunkten. Der Verband rechnet mit einer weiteren Ausdünnung des engmaschigen Netzes. Die Sparkassen in Bayern beispielsweise haben bereits angekündigt, in diesem Jahr bis zu 220 ihrer 2200 Geschäftsstellen zu schließen.

  • Ist der Sparkassenberater ein Auslaufmodell?

    Ganz aufgeben wollen die Institute ihre Präsenz in der Fläche nicht. „Wir werden die Filialen am Ende immer unter zwei Überschriften prüfen: Der Kunde erwartet noch mehr Beratung, Beratungs-Know-how. Die reine Abwicklung gehört immer stärker der Vergangenheit an“, sagte DSGV-Präsident Georg Fahrenschon im März. „Wir sehen einen klaren Trend unsere Filialen in Sachen Beratung noch stärker aufzuladen und zugleich den digitalen Kanal auszubauen.“

  • Welche Rolle spielt die Niedrigzinsphase?

    Sparkassen verdienten lange gut daran, für Kredite mehr Geld zu kassieren als sie ihren Kunden an Zinsen fürs Sparen zahlten. Doch die Differenz aus den beiden Positionen, der Zinsüberschuss, wird tendenziell kleiner, weil die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins auf Null gesenkt hat. Sorge bereitet vielen Instituten zudem, dass immer mehr Kunden Gelder kurzfristig parken - während bei Krediten möglichst lange Laufzeiten gefragt sind. Steigen die Zinsen wieder, könnten Kunden ihre Einlagen rasch abziehen.

  • Wie reagieren Banken und Sparkassen auf das Zinstief?

    In der gesamten Branche wird an der Gebührenschraube gedreht. „Die Zeit von weiten Angeboten kostenloser Kontoführung ist aus meiner Sicht vorbei“, sagte Fahrenschon im März. „Wir werden Leistungen bepreisen müssen - und zwar verursachergerecht.“ Auch die genossenschaftlichen Sparda-Banken stimmten auf Preissteigerungen „auf breiter Front“ ein - etwa Gebühren für Überweisungen in Papierform oder die Girocard. Die Noch-Deutsche-Bank-Tochter Postbank arbeitet derzeit an einem neuen Preismodell. Postbank-Chef Frank Strauß sagte der „Welt am Sonntag“, ob das Girokonto kostenlos bleibe, könne er noch nicht sagen. Die Commerzbank will ab 1. Juni von Kunden des bislang kostenlosen Girokontos, die Papierbelege einreichen, eine Gebühr von 1,50 Euro pro Überweisung verlangen.

  • Müssen Privatkunden auf breiter Front auch mit Strafzinsen rechnen?

    Noch scheut sich die Branche davor, die Parkgebühr, die ihnen die EZB aufgebrummt hat, an Privatkunden weiterzureichen. Sparkassen-Präsident Fahrenschon mag nicht einmal den Begriff „Strafzins“ in den Mund nehmen. Der ehemalige bayerische Finanzminister betont: „Entscheidend ist, dass wir alles in unserer Macht stehende tun werden, um diesen verheerenden Effekt der Niedrigzinspolitik nicht beim privaten Sparer ankommen zu lassen.“ Auch die Volks- und Raiffeisen zeigen sich bislang eisern: „Wir werden versuchen, das Thema Negativzinsen unseren Privatkunden nicht zuzumuten“, sagt der Präsident des Dachverbandes BVR, Uwe Fröhlich.

  • Wie sieht die Praxis aus?

    Die Sparkasse Oberhausen - ein mittelgroßes Institut - schreckte Mitte März mit der Ankündigung auf, sie schließe Strafzinsen für reiche Privatkunden nicht mehr grundsätzlich aus. Betroffen wären aber nur Kunden, die Geldbeträge im siebenstelligen Bereich anlegen wollen, erklärte ein Sprecher. Denkbar seien in solchen Fällen künftig Verträge, die Strafzinsen erlaubten. Der Sprecher betonte: „Da wird kein privater Sparkunde in absehbarer Zeit betroffen.“ Bereits im Herbst 2014 hatte die Deutsche Skatbank in Thüringen für Aufsehen gesorgt, weil sie EZB-Strafzinsen an ihre Kunden weitergibt - allerdings bis heute nur dann, wenn die Einlagen eines Kunden bei dem genossenschaftlichen Institut drei Millionen Euro überschreiten.

  • Zahlen Bankkunden die Zeche für das Zinstief?

    Ein Trost: Völlig freie Hand haben die Institute beim Thema Gebühren nicht - gerade in einem so umkämpften Markt wie Deutschland. „Wer zu stark an der Gebührenschraube dreht, wird angesichts des starken Wettbewerbs allerdings Kunden verlieren“, erklärt Frank-Christian Pauli vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Für zusätzliche Konkurrenz sorgen junge FinTechs, die online auf Kundenfang gehen. Die niedrigen Zinsen haben auf der anderen Seite auch Vorteile für Verbraucher: Kredite, etwa für die Baufinanzierung oder den Autokauf, sind aktuell extrem günstig zu haben.

Und die freundlichen Kassierer bei Rewe oder tegut fragen neuerdings besonders höflich, ob man beim Einkauf nicht noch Bargeld mitnehmen möchte. Die Kooperation der Banken mit Supermärkten oder Tankstellen funktioniert problemlos, allerdings reicht es nicht, einen Kaugummi zu kaufen. Üblicherweise muss man einen Warenwert von rund 20 Euro im Wagen haben, um den Bargeldservice an der Ladenkasse nutzen zu können.

Auch das Bundeskartellamt hat diese neuen Wege bei der Bargeldversorgung gelobt. Allerdings federn diese Innovationen laut Befund der Wettbewerbshüter die Schwierigkeiten der Verbraucher beim Zugang zum Bargeld allenfalls ab. "Sie können das Problem aber nicht vollständig lösen", so das Bundeskartellamt.

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