Rückruf: Ein trauriger Rekord

Rückruf: Ein trauriger Rekord

, aktualisiert 05. Dezember 2017, 00:09 Uhr
von Christian SchnellQuelle:Handelsblatt Online

Die Zahl der weltweiten Produktrückrufe ist in diesem Jahr noch einmal gestiegen. Trauriger Spitzenreiter ist die Autoindustrie, und zwar mit Abstand. In Zukunft drohen sogar noch größere Probleme.

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Defekte Airbags waren schon Grund für einen Rückruf - diese häufen sich in der Automobilindustrie momentan.

Erwischt hat es mittlerweile jeden Autohersteller. Egal, ob es sich um ein defektes Bremspedal, Airbags oder manipulierte Motoren handelt. Rückrufe sind in der Autoindustrie schon seit Jahren an der Tagesordnung. Mit rasant steigender Tendenz. In den USA ist die Zahl der Fahrzeugrückrufe in den letzten drei Jahren jeweils auf Rekordniveau gestiegen. Nach Angaben der zuständigen National Highway Traffic Safety Administration wurden im vergangenen Jahr 53 Millionen Fahrzeuge zurückgerufen. Im Jahr 2011 waren es noch weniger als 15 Millionen. Kaum anders sieht es in Europa aus. 415 Ereignisse meldete RAPEX, das Schnellwarnsystem der Europäischen Union für 2016. Das sind satte 76 Prozent mehr als ein Jahr davor.

Das ist eine Herausforderung für die Hersteller, sowie für deren Versicherer. 367 Produktrückrufe aus 28 Ländern in insgesamt zwölf Branchen hat Allianz Global Corporate & Specialty, der Industrieversicherer des Hauses, in den vergangenen fünf Jahren untersucht. Bei 312 Millionen Euro lag insgesamt die Schadensumme bei der Allianz. Wobei noch immer nicht jeder Schadensfall abgeschlossen ist. „Wir sehen heute Rekordzahlen bei Rückrufaktionen in Bezug auf Größe und Kosten“, beobachtet Christof Bentele, der oberste Krisenmanager bei AGCS. Mittlerweile verursacht ein großer Rückruf im Schnitt einen Schaden von 10,5 Millionen Euro. Gründe liegen in einer strengeren Regulierung und härteren Strafen, die Unternehmen sehr viel sensibler mit diesem Thema umgehen lassen. Aber auch immer komplexere globale Lieferketten und ein mündigerer Verbraucher tragen dazu bei.

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In einzelnen Fällen sind es sogar Milliarden, die anfallen und einem Unternehmen die Existenz kosten können. Beispielsweise beim japanischen Zulieferer Takata, dessen defekte Airbags zum Rückruf von geschätzt 60 bis 70 Millionen Autos von mindestens 19 Herstellern geführt haben. Die Kosten sollen bei 21 Milliarden Euro liegen, heißt es in Fachkreisen.

Aus Branchensicht ganz vorne steht deswegen mit weitem Abstand die Autoindustrie. Über 70 Prozent der Schadensumme kommt von dort, es folgt die Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie mit 16 Prozent und der Bereich IT und Elektronik mit drei Prozent. Dass die Autobauer besonders negativ hervorstechen, hat viele Gründe. Eine immer anspruchsvollere Technik gehört ebenso dazu wie verkürzte Produkttestzeiten, die Auslagerung von Forschung und Entwicklung an Zulieferer und der zunehmende Kostendruck.


In Zukunft drohen noch größere Probleme

Schon heute ist klar, dass in Zukunft noch weit größere Probleme drohen. „Der technologische Wandel in der Automobilindustrie hin zur elektronischen und autonomen Mobilität wird weitere Rückrufrisiken mit sich bringen“, ist sich Carsten Krieglstein sicher. Bei AGCS ist er für das Schadengeschäft in Zentral- und Osteuropa zuständig. Gar nicht in offiziellen Statistiken geführt sind hingegen die so genannten stillen Rückrufe. Immer häufiger kommt es vor, dass einem Kunden beim Routine-Service beiläufig gesagt wird, man habe eine Kleinigkeit gleich kostenlos mitbehoben. Auch das sind kleine Fehler, die ohne einen offiziellen Rückruf behoben wurden.

In der Lebensmittel- und Getränkeindustrie sind Rückrufe zwar etwas weniger teuer. Mit acht Millionen Euro im Schnitt sind es aber ebenfalls sehr belastende Summen für die Unternehmen. Große Probleme verursachen dort nicht deklarierte Allergene einschließlich der falschen Beschriftung von Inhaltstoffen, Krankheitsstoffe sowie Glas, Kunststoff- oder Metallteile, die in die Produkte gelangt sein können. Ebenso werden Manipulationen und Erpressungen immer mehr zur Bedrohung. Quer über alle Branchen betrachtet sind es oft Produkte aus Asien, die in den USA und Europa eine hohe Zahl an Rückrufen ausgelöst haben. Schwache Qualitätskontrollen waren dort bis vor geraumer Zeit das Hauptproblem, mittlerweile sorgen zunehmende Sicherheitsvorschriften und ein ebenfalls wachsendes Verbrauchervertrauen dafür, dass auch in Asien die Zahl der Rückrufe steigt.

Die zunehmende Digitalisierung der Prozesse dürfte nach Ansicht der AGCS-Experten dazu führen, dass in den kommenden Jahren die Risiken für die Unternehmen noch steigen werden. „Cyber ist derzeit ein noch unterschätztes Rückrufrisiko“ ist sich Christof Bentele sicher. Obwohl es bereits erste Fälle bei Autos und Kameras gab. In Zukunft könnte es deshalb zunehmend Cyberrückrufe geben, so die Vermutung. Dann würden Hacker Produkte verändern oder kontaminieren, in Anlagen oder Maschinen eindringen. Auch Themen wie künstliche Intelligenz oder Nanotechnologie stellen ein neues Betätigungsfeld für Angreifer dar.

Das gilt ebenso für Bereiche, die viele Unternehmen noch gar nicht als ursächlich für einen Rückruf einschätzen. Beispielsweise Social Media oder ethische Gründe. So kann sich ein fehlerhafter Post oder Tweet direkt auf die Größe eines Rückrufs auswirken. Unternehmen müssen in den Netzwerken deswegen viel schneller als bisher reagieren, so die Experten.

Das gilt auch bei ethischen Bedenken, wenn zum Beispiel Kinder für die Herstellung eines Produktes arbeiten mussten oder vegane Lebensmittel falsch etikettiert wurden. „Es wird zunehmend Fälle geben, bei denen es keine gesetzliche Verpflichtung zum Rückruf gibt, der Rückruf aber aus Reputationsgründen trotzdem notwendig ist“, prophezeit Christof Bentele. Für Versicherer bedeutet all das indes auch Chancen. Spezialisierte Produktrückrufversicherungen gibt es bereits, die die Kosten für den Rückruf und die Betriebsunterbrechung decken. Dass das Angebot in den kommenden Jahren kräftig steigen wird, ist heute schon klar.

Quelle:  Handelsblatt Online
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