Geldautomaten-Sprengung: Dass noch keine Menschen verletzt wurden, ist Zufall

Geldautomaten-Sprengung: Dass noch keine Menschen verletzt wurden, ist Zufall

, aktualisiert 29. Juni 2017, 12:22 Uhr
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Ein aufgesprengter Geldautomat hängt am 01.02.2017 in Neukirchen-Vluyn (Nordrhein-Westfalen) im Vorraum einer Bank.

von Elisabeth AtzlerQuelle:Handelsblatt Online

Immer mehr Geldautomaten werden in Deutschland gesprengt: 2016 markierte einen Höhepunkt. Die Täter verursachen hohe Sachschäden – und haben bisher nur durch Zufall noch niemanden verletzt, warnt die Polizei.

FrankfurtSchon seit fünf Jahren werden in Deutschland systematisch Geldautomaten gesprengt. Noch nie aber gab es so viele Fälle wie im Jahr 2016: Fast jeden Tag, genau 318 mal, explodierte ein Geldautomat im Land – das waren doppelt so viele Fälle wie im Jahr 2015. Damals registrierte das Bundeskriminalamt (BKA) 157 Fälle. 2012 waren es lediglich 45. Und auch dieses Jahr reißt die Serie nicht ab. Allein in Nordrhein-Westfalen (NRW) wurden im vergangenen Jahr 136 Sprengungen gezählt, dieses Jahr waren es bisher 46.

Die Täter gehen mit großer Gewalt vor, meist nach einem bestimmten Schema: Sie kleben die Geldautomaten luftdicht ab, leiten ein Gasgemisch hinein und lösen eine Explosion aus. Dabei kommt es zu hohen Sachschäden, die Räume, in denen die Geldautomaten stehen, sind oft verwüstet.

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In der Regel schlagen die Bankräuber nachts zu, häufig bei entlegenen, einzelnstehenden Automaten oder bei Vorräumen von Bankfilialen auf dem Land oder am Stadtrand. Deshalb sind besonders viele Sparkassen und Volksbanken betroffen. Die Beute kann mehr als 100.000 Euro betragen. Weitaus höher allerdings sind die Sachschäden.

Meistens können die Täter flüchten. In Nordrhein-Westfalen, wo allein 136 Sprengungen gezählt wurden, kommen die Verbrecher zum Beispiel oftmals aus den Niederlanden und machen sich mit den frei gesprengten Geldkassetten über die Autobahn aus dem Staub – in derart hohem Tempo, dass schon einmal ein Polizeihubschrauber abgehängt wird. „Audi-Bande“ wird eine Tätergruppe daher auch genannt. Neuerdings allerdings verstecken sich die dreisten Bankräuber oftmals noch in der Nähe des Tatorts.

Angesichts von zusehends mehr Sprengungen steigt auch die Gefahr, dass Unbeteiligte verletzt werden – zum Beispiel Menschen, die über oder neben Bankfilialen wohnen, Bankkunden oder Nachtschwärmer. Die große Sorge sei, dass es nicht bei Sachschäden bleibe und „irgendwann auch Menschen, unbeteiligte Dritte betroffen“ seien, sagt Sabine Vogt, Leiterin der Abteilung Schwere und Organisierte Kriminalität beim BKA. Sie verweist auf Gefährdung der Menschen in den oberen Stockwerken. „Wir haben bisher Glück gehabt.“

Vogt spricht von einem „ernsthaften Kriminalitätsproblem“: „Die Täter sind Profis.“ Es sei nicht so einfach, die Drahtzieher aufzuspüren. „Entscheidend ist, dass man die Strukturen zerschlägt.“ Dabei hat die Polizei in Nordrhein-Westfalen (NRW) und in Niedersachsen bereits spezielle Ermittlerteams aufgestellt. Zudem gibt es Kooperationen mit den niederländischen Behörden. Das Problem: Die Sprengung findet extrem schnell statt, und die Täter sind auch sehr schnell wieder vom Tatort verschwunden.

In NRW haben die Fahnder laut Medienberichten als Hauptverantwortliche eine Gruppe von rund 250 marokkostämmigen Niederländern aus dem Raum Utrecht und Amsterdam ausgemacht. Auf der Flucht nach Sprengungen kam es zuletzt auch zu schlimmen Unfällen. Anfang März rammte eine Limousine in Meppen in Emsland einen LKW und knallte gegen einen Baum. Ein Täter aus dem Raum Utrecht starb, zwei wurden schwer verletzt. Im Wrack fanden Fahnder eine Mülltüte voll Bargeld.


Die Täter schlugen zuerst in den Niederlanden zu

Das Bundeskriminalamt hat eine Theorie: Demnach haben die Täter vermutlich zuerst niederländische Banken ausgeraubt – und sind dann, als die Geldhäuser im Nachbarland nachrüsteten, nach Deutschland gewechselt. In den Niederlanden hätten die Banken bereits technische Möglichkeiten zur Prävention umgesetzt, so Vogt. So könne man zum Beispiel das Gas, das in die Automaten eingeleitet werde, neutralisieren.

Auch deutsche Geldhäuser versuchen sich zu schützen. Teils, indem sie dafür sorgen, dass das Gasgemisch nicht wirken kann, teils setzen sie auch Vernebelungsmaschinen ein. Räume mit Geldautomaten werden dann sekundenschnell blickdicht eingehüllt. Die Täter müssen ihre Versuche abbrechen. Einige Geldhäuser reagieren auch, indem sie die Räume mit den Geldautomaten nachts abschließen. Dabei sitzen ihnen die Versicherer im Nacken, die im Schadenfall aufkommen müssen – und das nicht ohne Obergrenze tun wollen. Die Behörden empfehlen zudem die so genannte Tinten-Lösung, bei der das Geld im Falle einer Sprengung durch Farbpatronen entwertet wird. In Frankreich ist das unter Umständen sogar schon Pflicht. Dort müssen Geldautomaten die nach Einschätzung der Polizei als gefährdet gelten – das sind etwa 30 Prozent – mit entsprechenden Farbpatronen ausgestattet werden.

Allerdings: All die Maßnahmen kosten Geld. Die Kosten je Automat werden, je nachdem wie die Bank aufrüstet, auf 5.000 bis 20.000 Euro taxiert. Und selbst 318 Sprengungen nehmen sich gering aus, wenn man bedenkt, dass es zuletzt rund 58.000 Geldautomaten in Deutschland gab. Und nicht bei jeder Sprengung kommen die Täter auch an Geld. Im vergangenen Jahr gelang ihnen das in 128 Fällen – also nicht einmal bei jeder zweiten Attacke.

Dabei sind Sprengungen nur eine Methode. So gab es im vergangenen Jahr auch rund 400 Fälle, in denen Täter versuchten, Geldautomaten mit hydraulischen Spreizern, Schneidern oder Brecheisen zu öffnen, oder die Geldautomaten gar komplett aus der Verankerung rissen.

Raffinierter gehen andere Täter vor, die an die Daten der Girokarten kommen wollen – inklusive Geheimnummer. Die Methode nennt sich „Skimming“, und auch diese Angriffe nehmen wieder zu. Dafür manipulieren sie Geldautomaten, indem sie dort versteckt Geräte zum Auslesen der Kartendaten und Minikameras, die die PIN-Eingaben der Kunden aufzeichnen. Im vergangenen Jahr registrierte das BKA 369 solcher Skimming-Angriffe in Deutschland. Es können aber noch deutlich mehr gewesen sein, weil wahrscheinlich nicht alle Fälle angezeigt werden. Schwerpunkt sei Berlin, so Vogt. Es gehe vor allem um Täter aus Rumänien.

In den Vorjahren war die Anzahl gesunken, nachdem es 2012 noch fast 860 Fälle gegeben hatte. Den neuen Anstieg führt das BKA auf neue, raffiniertere Skimming-Geräte zurück. Die Täter seien sehr erfinderisch, so Vogt. „Als Laie sieht man es nicht, wenn ein Automat manipuliert wurde.“ Auch im Bereich Kriminalität gebe es Innovation.

Um kein Skimming-Opfer zu werden, können sich Bankkunden aber auch einfach selbst schützen: Indem sie ihre PIN verdeckt eingeben, sodass eine möglicherweise installierte Kamera die Geheimnummer nicht aufzeichnen kann. „Bitte die Hand immer über die Tastatur halten beim Geld abheben“, so Vogts Empfehlung.

Quelle:  Handelsblatt Online
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