Karriere: Wie Sie Ihre Mitarbeiter zu Recruitern machen

Karriere: Wie Sie Ihre Mitarbeiter zu Recruitern machen

, aktualisiert 10. März 2017, 11:47 Uhr
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Beim Recruiting zapfen viele große Unternehmen die Kontakte ihrer Mitarbeiter in sozialen Netzwerken an.

von Lisa OenningQuelle:Handelsblatt Online

Im Jahr müssen Konzerne Tausende Stellen neu besetzen. Immer mehr eigene Mitarbeiter übernehmen die Personalsuche für ihren Arbeitgeber gegen eine Prämie – so wie bei der Deutschen Bahn und dem Versandhändler Otto.

DüsseldorfStellen Sie sich vor, Sie könnten mit Ihren besten Freunden zusammenarbeiten. Und für jeden Kumpel, den Sie in die Firma holen, bekommen sie 5.000 Euro. Was sich wie eine moderne Version des Kopfgeldes aus Western-Filmen anhört, gilt in Personaler-Kreisen als Königsdisziplin im Recruiting: Mitarbeiter werben Mitarbeiter.

Bei der Deutschen Bahn hat sich diese Form der Personalsuche bewährt. Deshalb verabschiedet sich der Staatskonzern im Sommer auch von seiner alten Strategie zur Personalgewinnung „Kein Job wie jeder andere“. Stattdessen starten die Berliner eine neue Kampagne, um noch mehr Mitarbeiter über eigene Angestellte zu gewinnen. Deren Namen will die Bahn allerdings noch nicht verraten.

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Jedes Jahr besetzt die Deutsche Bahn mehr als 10.000 Stellen mit Fach- und Führungskräften neu. Hinzu kommen noch einmal 3.700 Plätze für Auszubildene und Dual-Studierende. Eine große Aufgabe in einer Zeit, in der sich immer mehr Jugendliche für ein Studium an einer Universität entscheiden – und gut ausgebildete IT-Experten eine Rarität sind.

Mit Plakaten, Spots und digitalen Formaten will die Deutsche Bahn mit ihrer Kampagne ein authentisches Bild von sich als Arbeitgeber zeichnen. „Wir setzen auf entwaffnende Ehrlichkeit und zeigen die DB so, wie sie ist, gut, aber nicht perfekt“, sagt Kerstin Wagner, Chefin der Personalgewinnung. „Wir suchen Menschen, die mit uns die Bahn besser und sympathischer machen wollen.“ Die Protagonisten der Spots: einfache Mitarbeiter am Arbeitsplatz.

Im Jahr gewinnt der Staatskonzern über zehn Prozent an neuen Mitarbeitern im Bahntower über Empfehlungen von Kollegen. Etwa ein Drittel aller Neuanstellungen in Deutschland kommen laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) über persönliche Kontakte zustande. Neben der Deutschen Bahn setzen auch der Versandhändler Otto, die Unternehmensberatungen E&Y und Accenture sowie Tchibo oder Ratiopharm beim Recruiting auf die eigenen Mitarbeiter.

Davon profitieren aber nicht nur Jobsuchende und Arbeitgeber. Auch für Angestellte lohnt es sich, einen guten Freund oder Bekannten für eine vakante Stelle vorzuschlagen. Die meisten Unternehmen zahlen ihren Mitarbeitern Prämien. Die Deutsche Bahn vergütet eine Stellenbesetzung durch eine Empfehlung mit 1.500 Euro, pro Auszubildenden gibt es 500 Euro. Das Geld erhalten die Mitarbeiter nach der Einstellung. Hin und wieder richtet das Unternehmen Sonderaktionen aus – und verlost beispielsweise unter allen jenen, die eine Empfehlung ausgesprochen haben, ein iPad. „Es ist wichtig, die Mitarbeiter regelmäßig auf das Empfehlungsprogramm aufmerksam zu machen. Denn jeder von uns hat einen tollen Freundeskreis oder Familienmitglieder“, sagt Wagner.

Bei Otto reicht die Prämienspanne derzeit von 250 Euro für einen Praktikanten bis 5.000 Euro für eine hochqualifizierte Fachkraft. „Wenn es sich bei der vakanten Stelle um eine äußerst spezialisierte Position handelt, die nur schwer zu besetzen ist, dann gibt es auch mal eine Geldprämie von bis zu 5.000 Euro“, sagt Ildiko Peter, Senior Referentin Personalmarketing beim Versandhändler. Otto schreibt jährlich 300 neue Stellen aus – 80 Prozent davon fallen in die technischen Bereiche Business Intelligence, E-Commerce, Online-Marketing und IT. Wie die Deutsche Bahn hat auch das Hamburger Unternehmen ein Zehntel der Positionen mit Hilfe der vergüteten Mitarbeiterempfehlung besetzt.


Konzerne rüsten digital auf

Janine Gollub, Geschäftsfeldleiterin bei der Deutschen Employer Branding Akademie, sieht die Zahlung eher kritisch – zum Beispiel dann, wenn der Angestellte sich nur für die Prämie interessiert, mit seinem Job aber unzufrieden ist und sich kaum mit dem Unternehmen identifiziert. „Soziale Beweggründe sind die besseren Gründe für eine Mitarbeiterempfehlung.“ Die Zahlungen können Gollub zufolge dazu führen, dass Angestellte Jobsuchende empfehlen, die nicht zum Betrieb passen. Es werden Unterlagen ausgewertet, Vorstellungsgespräche gehalten – für nichts, wenn der „Cultural Fit“, also die Passung zur Unternehmenskultur, nicht stimmt.

Diese Erfahrung hat Versandhändler Otto Personalexpertin Peter zufolge bisher noch nicht gemacht. „Unsere Mitarbeiter überlegen sich sehr gut, wen sie empfehlen. Sie möchten ja nur Kandidaten vorschlagen, die wirklich gut zum Unternehmen und zum Job-Profil passen.“ Die Bewerbungen der vorgeschlagenen Mitarbeiter seien deshalb oftmals sogar die besseren.

Das bestätigt auch Marcus Reif, Chief People Officer bei der Personalberatung Kienbaum. „Nur weil jemand ein paar Tausend Euro für eine erfolgreiche Empfehlung bekommt, heißt das ja nicht, dass die Mitarbeiter ihre Werte, ihre Zufriedenheit und ihr Commitment völlig ignorieren.“ Zumal Jobsuchende übers Internet leicht herausfinden können, wie die Stimmung im Konzern tatsächlich ist, wenn sie dem Mitarbeiter misstrauen. „Unternehmen verpassen einen wichtigen Recruiting-Hebel, wenn sie das Empfehlungskonzept ignorieren“, sagt Reif.

Diesen Hebel verlängern Konzerne wie die Deutsche Bahn und Otto derzeit. Seit Oktober arbeitet der Staatskonzern mit dem von Xing übernommenen Dienst Eqipia zusammen. Durch das Programm können die Mitarbeiter ihr Profil in dem Karrierenetzwerk mit dem System ihres Arbeitgebers verbinden. Die DB-Mitarbeiter erhalten eine Nachricht, wenn das Berufsprofil eines Bekannten zu einer freien Stelle passt – vorausgesetzt, dieser ist auf Jobsuche.

Eine Win-Win-Situation für Arbeitgeber und -nehmer: Der Mitarbeiter muss sich nicht überlegen, wer auf eine offene Position passt, die Bahn schöpft ein noch größeres Bewerberpotenzial ab. Bisher hat sie noch keine Statistik darüber, wie viele Bewerber sie über Eqipia generiert hat, aber: „Das Programm bietet viel Potenzial, beim digitalen Recruiting wollen wir die Möglichkeiten noch mehr ausschöpfen“, sagt Wagner.

Auch Otto zapft die Kontakte der Mitarbeiter in sozialen Netzwerken an. Im vergangenen Jahr testete der Versandhändler eine App, über welche die Mitarbeiter Stellenanzeigen via Xing, LinkedIn und Facebook mit Bekannten teilen können. Seit diesem Jahr setzt er sie flächendeckend ein und zählt bisher 1.000 Mitarbeiter-Registrierungen. Im vergangenen Jahr erhielt Otto für die Anwendung den HR-Excellence-Award.


Mischung der Recruiting-Instrumente muss stimmen

Auch wenn Facebook und Co. künftig an Bedeutung gewinnen werden, ist Personalexperte Reif der Ansicht, dass die Mischung der Personalbeschaffungsinstrumente stimmen muss. „Im Recruiting kann man nur erfolgreich sein, wenn man einen ausgewogenen Mix verschiedener Sourcing-Kanäle hat.“ Sprich: aus Stellenanzeigen, Personalmessen, Meet-ups, Headhunting und Mitarbeiterempfehlungen. Auch wenn das Kosten-Nutzen-Verhältnis bei einer Mitarbeiterempfehlung womöglich gut ausfällt, ist sie laut Reif kein Allheilmittel.

Denn um die seltenen Fachkräfte müssen sich die Unternehmen schon stärker bemühen. Beispielsweise indem sie einen Headhunter beauftragen. Der kann den Arbeitgeber Gollub zufolge 20 bis 35 Prozent des Jahresgehalts des Neuangestellten kosten. „Wie gut der Headhunter als Recruiting-Instrument ist, hängt natürlich davon ab, wie sehr er mit dem Unternehmen und dessen Kultur vertraut ist.“

Otto schickt beispielsweise in sozialen Netzwerken interne Headhunter auf die Jagd nach raren, hochqualifizierten Fachkräften. „Der Markt ist hart umkämpft, sodass die Fachkräfte es auch super finden, wenn man sich um sie bemüht“, sagt Peter. Denn wie die Deutsche Bahn sucht auch Otto vorwiegend Berufsprofile, die der Digitalisierung geschuldet, aber selten auf dem Arbeitsmarkt vorhanden sind. Deshalb meint Reif: „Viele Unternehmen müssen soziale Netzwerke viel stärker einbinden, wenn sie Mitarbeiterempfehlungen nutzen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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