Brexit trifft vor allem die Geringverdiener: Die gespaltene Insel

Brexit trifft vor allem die Geringverdiener: Die gespaltene Insel

, aktualisiert 19. Juli 2016, 17:20 Uhr
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Die Unterschiede zwischen Arm und Reich in Großbritannien haben sich gemildert – der EU-Austritt bedroht diesen Fortschritt.

von Carsten HerzQuelle:Handelsblatt Online

Die Kluft zwischen Arm und Reich in Großbritannien wird kleiner. Die neue Premierministerin Theresa May will das Land nach dem Brexit-Votum vereinen. Doch unter dem EU-Austritt könnten gerade Geringverdiener leiden.

LondonEs sind hehre Worte. Sie wolle sich sozialer Gerechtigkeit und der Einigkeit des Landes widmen, ruft die neue britische Premierministerin Theresa May aus, als sie vergangene Woche vor der Downing Street einen ersten Ausblick auf ihre Amtszeit gibt. Sie wolle alle Menschen vertreten, nicht nur die Privilegierten, sagt sie. Doch wie weit der Weg zu einer egalitären Gesellschaft im klassenbewussten Großbritannien noch ist, legte eine neue Studie offen, die das angesehene Institut for Fiscal Studies (IFS) am Dienstag in London veröffentlichte.

Die Zahl der einkommensschwachen Haushalte auf der Insel habe sich demnach in den letzten Jahren zwar reduziert. Doch vor allem niedrig bezahlte Beschäftigte drohen nun die Brexit-Falle zu laufen. Denn ihr Einkommen hängt laut der Studie immer stärker von der konjunkturellen Entwicklung ab – und die dürfte sich im Schatten des EU-Austritts-Votums in den nächstens Jahren deutlich eintrüben.

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Die gespaltene Insel. „Nach dem Referendum steht uns eine Zeit großer nationaler Veränderungen bevor“, sagte May in ihrer Antrittsrede ruhig und bestimmt und klingt dabei fast wie eine britische Konservative im Labour-Mantel. So richtete sie ihre Worte direkt an diejenigen, die nicht privilegiert und reich geboren sind. „Ich weiß, dass es manchmal nicht einfach ist.“

Wachstum, sagte sie später, sei bislang eher den privilegierten Briten zugutegekommen als den Durchschnittsbürgern. Das müsse sich ändern. Die Studie des britischen Think Tanks zeigt, dass bei dieser Aufgabe noch viel Arbeit vor der britischen Premierministerin liegt – aber das Großbritannien in den letzten Jahren durchaus bereits erste Schritte auf diesem Weg unternommen hat.

So habe das starke Wirtschaftswachstum auf der Insel in Kombination mit einem geringen Ansteigen der Gehälter dafür gesorgt, dass sich die starken Unterschiede im Einkommen der Beschäftigten auf der Insel wieder etwas angeglichen hätten, heißt eine der Kernsätze der Studie, für die mehr als 20.000 Haushalte befragt und deren Daten im Finanzjahr 2014 bis 2015 detailliert ausgewertet wurden. Das Durchschnittseinkommen habe sich um zwei Prozent gegenüber der Finanzkrise im Jahr 2007/08 erhöht und die Kinderarmut sei angesichts der weiter fallenden Arbeitslosigkeit gesunken.

„Da viele Sozialleistungen in den vergangenen Jahren in Großbritannien gekürzt worden waren, hätte man annehmen können, dass sich die Ungleichheit in Großbritannien weiter erhöht hat”, zeigt sich Andrew Hood, ein der Autoren der Studie und Research-Ökonom des Instituts von den Ergebnissen überrascht. „Aber die Kombination von starkem Beschäftigungswachstum, vereinzelten Gehaltssteigerungen bei den Niedrig-Löhnern and einem Mangel an Gehaltserhöhungen bei den übrigen Beschäftigten“ hätten dazu geführt, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich unter dem Niveau vor der Finanzkrise wieder eingependelt habe.


Die Ironie des Brexit

Robert Joyce, ein anderer Autor der Studie und Associate Direktor des IFS warnte jedoch, dass es damit schon bald wieder vorbei sein könnte. Um die Situation der Niedrig-Lohnempfänger weiter zu stabilisieren, müsse es für die Wirtschaftspolitik weiter ein vordringliches Ziel bleiben, die Produktivität und das Wachstum zu erhöhen, warnte er. „Die wirtschaftliche Unsicherheit in Folge des Brexit-Votums wird jedoch nur dafür sorgen, dass diese Herausforderung in den nächsten Jahren noch schwieriger wird“, lautet sein ernüchterndes Fazit. Denn der IWF korrigierte am Dienstag bereits seine Erwartungen für das Wirtschaftswachstum Großbritannien kräftig nach unten. Dort wird nun 2016 nur noch mit einem Zuwachs von 1,7 Prozent und für 2017 mit 1,3 Prozent gerechnet. Das ist eine Korrektur nach unten um 0,2 Punkte in diesem und 0,9 Punkte im nächsten Jahr.

Es ist eine Wendung nicht ohne bittere Ironie. Denn es waren vor allem die älteren Briten und eher ärmeren Einkommensschichten, die sich besonders stark beim Referendum am 23. Juni für eine Trennung von der Europäischen Gemeinschaft ausgesprochen hatten. So wollten einfache Arbeiter eher raus aus der EU, Gebildetere eher nicht. Je qualifizierter der Berufsabschluss und je höher der soziale Status, desto stärker ist auch die Bindung an die EU.

In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov kurz vor dem Referendum sprachen sich unter den Befragten der sogenannten „ABC1“-Gruppe, die in der britischen Marktforschung die Mitglieder einer der drei höchsten sozioökonomischen Gruppen bezeichnet, 59 Prozent klar für einen Verbleib in der EU aus. In der „C2DE“-Gruppe der drei niedriger gestellten Schichten votierten hingegen 61 Prozent für den Brexit – und genau sie könnten nun die bittere Zeche des Brexits zahlen.

May und ihr neuer britischer Finanzminister Philip Hammond stehen damit vor einer riesigen Aufgabe. Sie müssen trotz Brexits die Banken in London halten, den Haushalt sanieren und die ins Trudeln geratene Wirtschaft am Laufen halten. „Wir wenden der Welt nicht den Rücken zu“, sagte Hammond deshalb nach seiner Ernennung. „Wir werden alles tun, um das Vertrauen wiederherzustellen und Großbritannien als attraktives Ziel für Firmen zu erhalten, die hier investieren und Stellen schaffen.“

Einen ersten Vorgeschmack dürfte im Herbst das sogenannte Autumn-Statement geben, einer von zwei Haushaltsplänen, die der britische Schatzkanzler jedes Jahr vorstellt. Dann dürfte Hammond auch wissen, ob Großbritannien infolge des Brexit-Votums wie befürchtet in eine Rezession rutscht oder nicht. Nicht nur May wird hoffen, dass sich eine Wirtschaftskrise noch abwenden lässt. Denn kommt eine Rezession, könnte der Spalt zwischen Arm und Reich auf der Insel sehr schnell wieder ein großes Stück tiefer werden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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