Brüsseler Stadtteil Molenbeek: Die Hochburg der radikalen Islamisten

Brüsseler Stadtteil Molenbeek: Die Hochburg der radikalen Islamisten

, aktualisiert 04. November 2017, 16:16 Uhr
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Der mutmaßliche Drahtzieher der Terroranschläge von Paris im November 2015 und sein mutmaßlicher Helfer wuchsen hier auf.

Quelle:Handelsblatt Online

Wie mitten in Europa eine Islamistenhochburg entstehen konnte, kann niemand genau erklären. Doch der Brüsseler Stadtteil Molenbeek bietet offensichtlich einen idealen Nährboden für terroristische Strukturen.

MolenbeekIm Jugendzentrum „Foyer“ ist die Welt noch in Ordnung. Die in den 60er-Jahren gegründete Einrichtung ist unter Jugendlichen sehr beliebt, denn hier bleiben Armut, Perspektivlosigkeit und Gewalt vor der Tür. Auf dem Hof, der von bunt bemalten Mauern umschlossen ist, geht es ausgelassen zu. Unter wildem Geschrei kickt sich eine Gruppe Jugendlicher einen Fußball zu.

Auf dem Hof ist auch Johan Leman, ein freundlich dreinblickender, gemütlicher Mann im Rentenalter. Der emeritierte Professor für Anthropologie ist in Molenbeek ein Urgestein. Seit fast 30 Jahren leitet er das „Foyer“. Mit einem gewissen Stolz sagt er: „Wir sind ein Treffpunkt, an dem verschiedene Kulturen zusammenkommen. Mit verschiedenen Aktivitäten bemühen wir uns, unter den Jugendlichen und Kindern einen sozialen Zusammenhalt zu schaffen. Das ist hier nicht unbedingt selbstverständlich.“ Denn Molenbeek ist einer der berüchtigsten Bezirke Europas – ein „Terrornest“ oder eine „Islamistenhochburg“, wie es in der internationalen Presse oft heißt.

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Mehdi Nemmouche, der 2015 vor einem jüdischen Museum in Brüssel vier Menschen erschoss, wohnte hier vor der Tat. Der mutmaßliche Drahtzieher der Terroranschläge von Paris im November 2015, Abdelhamid Abaaoud, und sein mutmaßlicher Helfer Salah Abdeslam wuchsen hier auf. Auch die Terrorzelle der Brüsseler Anschläge im März 2016 hatte enge Verbindungen zu Molenbeek. Von den geschätzt rund 500 belgischen Dschihadisten, die sich in Syrien und Irak der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angeschlossen haben, kommt mehr als jeder Zehnte von hier.

Die Gemeinde, in der rund 25 Prozent der Bewohner marokkanische Wurzeln haben, bietet offensichtlich einen idealen Nährboden für terroristische Strukturen und für Radikalisierung. Die Jugendarbeitslosigkeit lag zuletzt bei Werten deutlich über 30 Prozent. Laut einer Studie des European Institute of Peace floriert zudem der Drogenhandel und es gibt wenig Wohnraum. In einer Liste der 589 belgischen Gemeinden wird Molenbeek als zweitärmste geführt.

Johan Leman sieht Armut jedoch nicht unbedingt als Hauptursache der Extremismus-Probleme. „Es sind nicht die Ärmsten, die sich in Molenbeek radikalisieren. Abaaoud hat eine gute Schule besucht, Abdeslams Vater ist ein erfolgreicher Geschäftsmann gewesen“, sagt er mit Blick auf die zwei bekannten Mitglieder der Pariser Terrorzelle. Leman sieht eher den grassierenden Drogenhandel in Molenbeek als entscheidenden Faktor. „Molenbeek befindet sich auf einer Linie, die in Marokko beginnt, Spanien und Frankreich durchzieht und in Brüssel endet (...) es scheint mir, dass drogenkriminelle Strukturen wohl dschihadistische Netzwerke begünstigen.“


Die Kommune kämpft gegen die Radikalisierung

Die amtierende Molenbeeker Bürgermeisterin Françoise Schepmans stand nach den Pariser und Brüsseler Terroranschlägen stark in der Kritik. Unverständnis herrschte darüber, wie mitten in Europa ein Rückzugsort für radikale Islamisten entstehen konnte. Auf kommunaler Ebene bemühte man sich also, den Kampf gegen religiös begründete Radikalisierung zu verschärfen.

Wie Schepmans berichtet, wurde die Abteilung der Ortspolizei, die Radikalisierung verhindern soll, von vier auf acht Beamte aufgestockt. Zusätzlich wurden die Polizisten in Molenbeek darin geschult, Radikalisierungsprävention durchzuführen.

Außerdem verweist Schepmans auf ein Team von vier Sozialarbeitern, sogenannte Präventionsangestellte, die neben den Polizeibeamten versuchen, die Radikalisierung der Molenbeeker Jugend zu verhindern. Das Team wurde bereits im Frühjahr 2015 gegründet – als Reaktion auf einen in Belgien geplanten Anschlag, der ein paar Tage nach dem blutigen Angriff auf die Redaktion des französischen Satire-Blatts „Charlie Hebdo“ im letzten Moment vereitelt werden konnte.

Olivier Vanderhaeghen, ein Hüne mit wildem Zottelbart und trendiger Undercut-Frisur, leitet diese Einheit. Rund zwei Dutzend radikalisierte Jugendliche betreut er mit seinen Kollegen zurzeit. Die Jugendlichen werden ihnen entweder von Familienangehörigen, von Jugendgerichten oder von der Ortspolizei vermittelt. Die „Deradikalisierungsstrategie“, so erklärt er, bestehe aus drei Ebenen. Man versuche, die Bindung der jungen Menschen zur Familie zu stärken, ihre Berufstauglichkeit zu verbessern und das Selbstwertgefühl zu stärken.

Vanderhaeghen hat bereits viele radikalisierte Jugendliche kennengelernt. Er ist skeptisch, ob alleine die sozialen Probleme des Viertels für die Radikalisierung verantwortlich sind. „Mein Eindruck ist eher, dass Radikalisierung mit einer Identitätskrise zusammenhängt. Meistens handelt es sich um fragile Persönlichkeiten aus der zweiten und dritten Generation marokkanischer Einwanderer (...), die in kleinkriminellen Strukturen verkehren und oft aus schwierigen Familienverhältnissen kommen. Solche Personen sind anfällig für die Rekrutierer islamistischer Netzwerke“, sagt er.

Imame, Jugendzentren, Familienangehörige, Lehrer, Polizisten oder Sozialarbeiter – sie alle beteiligen sich in Molenbeek am Kampf gegen den Dschihadismus. Allerdings ist man sich nicht einmal über die Ursachen einig. Ob es nun soziale Herausforderungen, Identitätskrisen oder Drogen sind – es gibt grundverschiedene Erklärungen.

Hinzu kommt, dass die in Molenbeek operierenden islamistischen Netzwerke für Außenstehende noch immer ein großes schwarzes Loch sind. Diejenigen, die für das Anwerben von Nachwuchs sorgten, seien schwer aus dem Verkehr zu ziehen, da sie hoch mobil seien und fast unsichtbar agierten, erzählt Olivier Vanderhaeghen. Es sind nicht die besten Ausgangsbedingungen im Kampf gegen den radikalen Islamismus mitten in Europa.

Quelle:  Handelsblatt Online
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