Bundesverdienstkreuz: Als ein Franzose 300 Kinder vor den Nazis rettete

Bundesverdienstkreuz: Als ein Franzose 300 Kinder vor den Nazis rettete

, aktualisiert 13. Juli 2016, 19:40 Uhr
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Der französische Widerstandskämpfer, der im zweiten Weltkrieg zahlreiche Kinder vor den Nazis rettete, wird im Alter von 105 Jahren mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

von Thomas HankeQuelle:Handelsblatt Online

Bundesverdienstkreuz für einen 105-Jährigen: Georges Loinger hat mehr als 300 jüdische Kinder vor den Nazis gerettet. Bei der feierlichen Zeremonie in Paris schweigt er über seine Verdienste und erzählt lieber Anekdoten.

ParisEin wirklich außergewöhnlicher Franzose ist am Dienstag in der deutschen Botschaft in Paris mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden: Georges Loinger, Widerstandskämpfer, der mehr als 300 jüdische Kinder vor der Ermordung durch die Nazis gerettet hat. 105 Jahre alt ist der als deutscher Jude in Straßburg geborene Loinger. 1910 gehörte das Elsaß noch zum Kaiserreich, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurden Loinger und seine Familie Franzosen.

Am Dienstagabend war er etwas wackelig auf den Beinen, aber hellwach und präsent. Begleitet wurde er von seinem 80 Jahre alten Sohn. Die kurze kurze Laudatio wurde von einem Mann gehalten, dem Georges Loinger vor vielen Jahrzehnten Sportunterricht gegeben hat, was beiden entfallen war: Serge Klarsfeld, der später als Nazijäger bekannt wurde.

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Loinger hat erst spät angefangen, von seinen Erlebnissen zu berichten. Er wollte sich lange nicht erinnern. In Deutschland wusste man nichts von ihm. So kam es, dass ein Mann, der auch viele deutsche Kinder vor der Vernichtung durch die eigenen Landsleute gerettet hat, erst 72 Jahre nach Kriegsende ausgezeichnet wird.

Botschafter Nikolaus Meyer-Landrut lernte ihn erst vor wenigen Wochen kennen, durch Vermittlung von Haïm Korsia, Großrabbiner von Frankreich. „Ich war mit Loinger zum Frühstück verabredet und fragte den Botschafter, ob er nicht mitkommen wolle. Da dieser mit Außenhandelsminister Mathias Fekl verabredet war, habe ich beide mitgenommen und sie haben im Treppenhaus ihre Verhandlungen über TTIP geführt“, witzelte Korsia am Dienstagabend.

Meyer-Landrut zögerte nicht lange und schlug Loinger für das Bundesverdienstkreuz vor. In Rekordzeit ging das Verfahren, das sonst anderthalb Jahre dauert, durch. Am Dienstag dankte er Loinger für alles, was er während der Besetzung Frankreichs durch die Nazis getan hat, um Menschenleben zu retten. Loinger ergriff selber das Wort, aber er war zu bescheiden, um seine Erlebnisse zu schildern und sich selbst als Held zu inszenieren. Lieber redete er von seiner Frau, die ihm Briefe schrieb, als er in deutscher Kriegsgefangenschaft saß: „Komm zurück, wir brauchen Dich!“ Loinger berichtet amüsiert: „Ich schrieb ihr zurück: Wie stellst Du Dir das vor, ich kann hier nicht einfach rausmarschieren und sagen: Ich will nach Hause!“ Schließlich gelang ihm die Flucht.

Ab 1942 verschärfte sich auch in Frankreich die Judenverfolgung durch die Nazis. Loinger begann damit, jüdische Kinder in die Schweiz in Sicherheit zu bringen. Das mussten am Dienstag andere für ihn berichten: Als aktiver Sportler organisierte er Fußballspiele an der Schweizer Grenze, zunächst entwischten dabei jedesmal ein paar Kinder. Später bezahlte er Fluchthelfer dafür, dass sie auf verschlungenen Wegen die Kinder in die Schweiz geleiteten.

Als die Grenze noch von italienischen Soldaten bewacht wurde, sei er einmal von einem Offizier zur Rede gestellt worden. Der habe ihm eine genaue Liste mit allen Passagen vorgelegt und gesagt: „Ich bin einverstanden mit dem, was sie machen, ich decke Sie.“ Später, als die deutsche Wehrmacht selber die Grenze kontrollierte, wäre es einmal fast um ihn und seine Angehörigen geschehen gewesen: Sie liefen direkt einer deutschen Patrouille in die Arme. Die stellte sie, ließ sie aber nach ein paar Minuten weiter laufen.
Vor ein paar Jahren erläuterte Loinger einmal mit derber Selbstironie, was ihn vielleicht gerettet habe: „Ich sah ja nicht wie ein Jude aus, war sportlich-kräftig und elegant gekleidet!“
Heute lebt Loinger in Paris, mit seinem Sohn. Er ist einer der wenigen noch lebenden Vertreter des Widerstands.

Quelle:  Handelsblatt Online
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