Einblick: Dekadenz und Verunsicherung

kolumneEinblick: Dekadenz und Verunsicherung

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US-Präsident Donald Trump.

Kolumne von Miriam Meckel

Donald Trump betreibt eine Politik systematischer Verunsicherung. Das erinnert an das Europa des Absolutismus.

Alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen ereignen sich zweimal, schrieb Karl Marx einst in Anlehnung an Georg Wilhelm Friedrich Hegel: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Diese Sätze können in diesen Tagen Horror und Hoffnung in einem sein. In den USA wird ein Weltbühnenstück gegeben, bei dem die Annahme, es handele sich um eine Farce, schon echter Hoffnungsschimmer ist. Nicht irgendein reicher Irrer, nicht ein wild gewordener Anhänger der Alt-Right-Bewegung, nein, der amerikanische Präsident führt es auf in einer Weise, die Tragödie und Farce womöglich gar in einer Person und dem durch sie geschaffenen historischen Augenblick zusammenbringt.

Stehen wir also am Beginn einer neuen Zeit, die rückwärts läuft? Nach dem Verfassungskreislauf des griechischen Historikers Polybios (2. Jahrhundert v. Chr.) gibt es einen zwingenden Verfallsprozess von aufeinanderfolgenden Staatsverfassungen, getrieben durch Dekadenz, den Verfall der Tugend. Dekadenz ist mehr als Stillosigkeit. Dafür reicht es nicht, dass Donald Trumps Inszenierung von Macht im Oval Office an die des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-un erinnert.

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Die Verkommenheit des politischen Handelns zeigt sich an stärkeren Signalen. Ein solches war das Einreisedekret, das Bürgern aus sieben vorwiegend muslimischen Staaten die Tür nach Amerika vor der Nase zuschlug. Religiöse Diskriminierung ist ein wichtiges Element von Rassismus. Deshalb verbietet sie die Verfassung der USA. Den Präsidenten ficht das nicht an. Staatsdiener, die auf die Einhaltung der Verfassung pochen, fliegen raus: „You’re fired!“ Trump nimmt die Institutionen unter Feuer, die Ordnung sichern. Das Ziel: systematische Verunsicherung. Wo sich niemand mehr seiner Rechte sicher sein kann, da beginnen Rückzug und Beschwichtigung.

In seiner Wirtschaftspolitik bewegt sich Donald Trump zurück in die Zeiten des Merkantilismus. Es liegt einige Hundert Jahre zurück, dass die Nationalstaaten internationalen Handel als Nullsummenspiel angingen. Wer mehr exportiert als importiert, dem geht es besser. Das ist der gedankliche Vater der neuen US-Handelspolitik: bestehende Abkommen kündigen, neue nur noch bilateral aufsetzen, Einfuhrzölle erheben. Und das US-Steuersystem so umbauen, dass Importe bestraft werden, weil Importkosten nicht mehr steuerlich geltend gemacht werden können, während Exporterlöse steuerfrei gestellt werden. Das ist Handelspolitik, die mit einem Schwung hinter die Erkenntnisse kluger Ökonomen wie Adam Smith und David Ricardo im 18. und 19. Jahrhundert zurückfällt.

Das alles mag manch einem Beobachter noch immer als Farce erscheinen, aber es wird bitterernste Folgen haben. In der europäischen Geschichte nannte man die Gesellschaftsform, an der Trump so offenbar arbeitet, Absolutismus. Das war zu einer Zeit, als Amerika noch in den Geburtswehen lag. Kann Erinnerung verhindern, dass Geschichte sich wiederholt? Dann ist es jetzt Zeit für Europa aufzuwachen.

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