Flüchtling und Rückkehrer: „Die Deutschen? Die mag ich nicht mehr“

Flüchtling und Rückkehrer: „Die Deutschen? Die mag ich nicht mehr“

, aktualisiert 15. April 2016, 19:41 Uhr
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Bis vor kurzem war er Flüchtling in Deutschland – jetzt ist er wieder Polizist in Afghanistan. Nesar gehört zu den mehr als 400 Afghanen, die bisher freiwillig in ihr Heimatland zurückgekehrt sind.

Quelle:Handelsblatt Online

Gedemütigt, ängstlich, wütend: Khodai Nesar und Ahmed Saki hatten es nach Deutschland geschafft. Nun sind die beiden jungen Flüchtlinge zurück in Afghanistan und erzählen, was nun aus ihrem Leben werden soll.

KabulVor seiner Flucht nach Deutschland war Khodai Nesar Polizist. Er hat in Baghlan gearbeitet, einer Nordprovinz von Afghanistan. Dort hat er auch die Deutschen kennengelernt – in einem fünfmonatigen Trainingskurs des Polizeiaufbau-Projekts. Die Trainer waren nett zu ihm, sagt er. Respektvoll. Nesar hatte gedacht, dass das in Deutschland auch so sein würde. Alle Verwandten hatten ihm gesagt: Komm her, es ist friedlich und ruhig hier.

Nesar, 24 Jahre alt, wurde damals in Baghlan gegen die Taliban eingesetzt. Die sind dort seit Monaten auf dem Vormarsch; erst am Mittwoch haben sie weitere Teile der Provinz eingenommen. Polizisten gehören zu den Lieblingszielen der Taliban. Ruhe und Frieden, das klang wunderbar in Nesars Ohren.

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Heute ist Khodai Nesar zurück in Afghanistan und böse auf sich selbst. Dass er „es“ – die Flucht, das neue Leben – nicht geschafft hat. Dass er so viel Geld verschwendet hat. Alle anderen sind auch sauer auf ihn. Die Brüder, ebenfalls Polizisten, müssen nun helfen, einen Fluchtkredit von 6.000 Dollar zurückzuzahlen. „Wieso hast du nicht ausgehalten?“, fragen sie.

Aber Khodai Nesar konnte nicht. Es war einfach zu demütigend. Respekt, das Wort taucht immer wieder auf im Gespräch mit ihm. Nur fünf Monate nach seiner Ankunft hat er sich von Freunden im Flüchtlingsheim in Berlin Geld geborgt und ein Ticket nach Kabul gekauft. Die Deutschen? Er mag sie nicht mehr.

Bis zum 29. Februar sind nach Angaben des Innenministeriums 419 Afghanen freiwillig aus Deutschland nach Afghanistan zurückgekehrt. Gemessen an der Gesamtzahl der afghanischen Flüchtlinge in Deutschland – 20.162 haben allein von Januar bis März Asylanträge gestellt – ist das eine kleine Zahl. Aber in Zukunft sollen mehr Afghanen zurückgehen.

EU-weit, so hieß es in einem jüngst bekanntgewordenen Dokument, könnten bis zu 80.000 von ihnen bald abgeschoben werden, weil sie im Sinne des Asylrechts nicht schutzbedürftig sind. Wirtschaftsmigranten seien sie, heißt es. Nicht unmittelbar vom Tod bedroht.

Es ist umstritten, ob man diese Unterscheidung noch machen kann in einem Land, in dem die Taliban heute so viel Territorium kontrollieren wie seit dem Fall ihres Regimes in 2001 nicht mehr. Es wirkt wie eine falsche Teilung des Problems in zwei Komplexe, wo es doch in den Gemeinden am Boden eher aussieht wie ein einziger, großer, teuflischer Kreis aus Ursachen und Wirkungen: Denn wo gekämpft wird, sterben nicht nur Menschen, sondern fallen auch Märkte und Jobs, somit Einkommen und der Zugang zu Essen oder medizinischer Versorgung weg. Das wiederum kann das Überleben genauso gefährden wie Waffen.

Was also erwartet die Rückkehrer, die freiwilligen und die anderen? Wie sieht ihr Leben aus nach der Rückkehr? Khodai Nesar, 24, hatte sich im August auf den Weg gemacht, erzählt er beim Gespräch in einem leerstehenden Geschäft eines fast leeren Einkaufszentrums in Kabul. „Sicherer hier“, sagt Nesar – für die Besucher, aber auch für ihn. Mit Fremden wird in Afghanistan keiner mehr gerne gesehen.


Vertriebene im eigenen Land

Die Taliban sind jetzt wieder überall, und sie bestrafen Mitmenschen für die „Kollaboration“ mit Ausländern, mit der Regierung, für alles, was nicht konform geht mit dem Weltbild der radikalen Islamisten. Die Zahl der gezielten Ermordungen von Zivilisten ist laut UN in 2015 um 27 Prozent in die Höhe geschossen.

Nur 38 Tage brauchte Nesar im Herbst 2015 nach Deutschland, nach Berlin. Er fand das verheißungsvoll. Aber in Berlin musste er erst einmal tagelang auf der Straße schlafen. Ohne Schlafsack. Und als er es endlich in eine Aufnahmeeinrichtung schaffte, schlief er in einem Zimmer mit zwölf anderen Männern, Pakistanern, Iranern, Arabern. Ruhe und Frieden war hier nicht zu finden. Ständig gab es Streitereien.

Deutsche, die Nesar Wächter nennt, sagten „Scheiß-Afghane“ zu ihm. Scheiß-Afghane, das kann Nesar immer noch sagen. Freunde landeten mit Wunden im Krankenhaus. Nesar zieht ein Telefon aus der Tasche und zeigt Fotos von braunen Quetschungen an Männerrippen. Ob es die „Wächter“ waren, wie er sagt, oder ob die Wunden von Schlägereien herrührten, ist nicht mehr herauszufinden. Nach fünf Monaten hatte Nesar genug vom Herumsitzen und der feindlichen Umgebung.

Er ist trotzdem einer der wenigen Flüchtlinge, die Glück hatten: Nach seiner Rückkehr konnte er wenigstens dort wieder anknüpfen, wo er aufgehört hatte. Er hat sofort seinen Job wiederbekommen. Sogar einen besseren. Mehr Ansehen, ein wenig mehr Geld – obwohl nach Abzahlung der monatlichen Rate für den Fluchtkredit nur noch 600 Afghani (zehn Euro) bleiben.

Bei der Spezialeinheit des Generaldirektoriats der Polizei (GDPSU) ist Nesar gelandet. Die macht bewaffnete Aufklärung, verhaftet Terroristen und patrouilliert unsichere Gebiete. Zum Gespräch ist Nesar in der Uniform erschienen – Tarnfleck, brandneue, schwarze Stiefel, großes Abzeichen auf der Schulter.

Aber ist er nicht genau davor geflohen – vor der Gefahr für sein Leben? Ironischerweise war es die Fluchterfahrung, die dazu beigetragen hat, dass Nesar sich den Taliban jetzt gerne stellt. „Ich bin jetzt in einer Spezialeinheit“, sagt er stolz. Als heile das ein wenig von seiner deutschen Demütigung.

Aber für die meisten anderen Flüchtlinge, die nach Afghanistan zurückkehren, endet die Reise anders. Sie haben oft verkauft, was sie hatten, um die Flucht zu finanzieren. Nach der Rückkehr werden sie Vertriebene im eigenen Land, weil sie entweder nicht mehr dorthin zurückkehren können, wo sie herkamen oder nicht wollen.


„Für eine bessere Zukunft“

Ahmed Saki, ebenfalls 24, gehört zu ihnen. Saki, hochgewachsen, in sauber gebügeltem Hemd und Jacket, ist einer von vielen, die nicht aus Afghanistan geflohen sind, sondern aus den riesigen afghanischen Flüchtlingsgemeinden des Irans und Pakistans. 20 Prozent aller in Griechenland ankommenden Afghanen machen sie aus.

Vor knapp zwei Jahren schon hatte Saki sich aus dem Iran nach Deutschland aufgemacht. „Der Iran ist ein Gefängnis für Afghanen“, sagt er. „Wir dürfen dort nicht studieren, kein Haus kaufen – nicht einmal eine Sim-Karte fürs Telefon dürfen wir beantragen.“ Dafür müsse man Iraner bestechen. Im Iran gebe es kein Leben, sagt Saki. Nur Überleben. Schon gar keine Zukunft. 14 Monate hat er gebraucht für die Flucht, erzählt er.

Fast ein Jahr arbeitete er als Tagelöhner in der Türkei, um für die Weiterreise bezahlen zu können. Zehn Monate war er dann in Deutschland, in Gustavsburg bei Mainz. Dann brachten sie ihn in Handschellen zum Flughafen und schickten ihn zurück nach Rumänien. Denn dort hatte Saki sich das erste Mal auf der Flucht registriert. Nach der sogenannten Dublin-Verordnung heißt das, dass er dort um Asyl bitten muss und in Deutschland nicht mehr bleiben darf.

Aber in Bukarest – so beschreibt Saki es – waren sie nur darauf aus, ihn so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Die Unterkunft sei wie ein Gefängnis gewesen, das Essen schlecht, und die Beamten hätten immer nur wiederholt, dass er in Rumänien eine höchstens „einprozentige Chance“ hätte, bleiben zu dürfen – wieso also nicht freiwillig zurückgehen? „Nach einem Monat in diesem Gefängnis war ich wie verrückt“, sagt Saki.

Freiwillig – unfreiwillig – hat er letztlich ein Flugzeug der UN nach Afghanistan genommen. Nicht zurück in den Iran? „Nein, da ist ja selbst Afghanistan noch besser.“ Nun sitzt Saki in einem Land fest, das er nicht kennt, das seine Familie verließ, als er acht Jahre alt war. Er lebt bei Verwandten, auf ihre Kosten.

Saki sitzt in ihrem Wohnzimmer, das mit rotem Teppich und rot bezogenen Matratzen ausgelegt ist, und überlegt, was er auf die Frage nach der Zukunft nun antworten soll. „Die Flucht war wie eine Bombe in meinem Leben“, sagt er. Was übrig blieb, ist das Gefühl, dass man ihn nirgendwo brauchen kann, nicht in Deutschland, nicht in Rumänien, nicht im Iran. Und unbestimmte Ängste.

Einen Monat lang konnte er nicht schlafen, weil er Alpträume hatte von Männern, die sein Gesicht unter Wasser drücken. „Irgendeinen Job“ sucht er jetzt. Studiert für die Zulassungsprüfung der Universität. Weiß nicht, ob er je einen Job bekommen wird im Land, in dem die Wirtschaft zusammen mit der Sicherheit einbricht.

Für Saki mag die Chance auf die erhoffte Freiheit vorbei sein. Aber Überleben wird in Afghanistan nicht am Wohl oder der Lebensspanne des Einzelnen gemessen. Seine Familie hat noch nicht aufgegeben. Kaum war der älteste Sohn nach Afghanistan zurückgekehrt, haben sich Sakis jüngere Brüder auf den Weg gemacht. Sie sind nun beide in Deutschland, einer 16, einer 18 Jahre alt. Saki sagt: „Zumindest für den Jüngeren haben wir Hoffnung. Er ist klug. Vielleicht darf er bleiben. Wir sagen ihm: Akzeptiere alle Probleme. Für eine bessere Zukunft.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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