Flüchtlinge in Europa: Balkanroute rückwärts

Flüchtlinge in Europa: Balkanroute rückwärts

, aktualisiert 27. Mai 2016, 16:43 Uhr
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Im Grenzort Idomeni harrten Tausende Flüchtlinge monatelang aus. Den Zaun konnten sie kaum überwinden – und wenn doch, dann ging es schnell wieder zurück.

Quelle:Handelsblatt Online

Von Griechenland über Kroatien oder Serbien – dann findet die Balkanroute für viele Flüchtlinge ein jähes Ende. Sie werden zurück nach Griechenland geschickt und erheben schwere Vorwürfe gegen die Balkanstaaten.

IdomeniDie Balkanroute schien gut zu schaffen zu sein für Anwar Ismail Murad: Von Griechenland über Mazedonien, durch Serbien und Kroatien gelangte der 19-jährige Iraker ohne Probleme. An der Grenze zu Slowenien starb sein Traum von der Zuflucht im Herzen Europas dann urplötzlich. Am 14. Februar, als die Route eigentlich noch offen war, wiesen die Slowenier ihn seinen Angaben zufolge zurück.

Die Dokumente, die ihn schon ein ganzes Stück durch Europa gebracht hatten, hätten plötzlich nicht mehr ausgereicht, erklärt der junge Jeside. Er sei zusammen mit anderen Flüchtlingen zwei Tage lang in einem Hotel nahe der Grenze untergebracht worden. Dann seien sie alle in einen Bus gesetzt und nach Kroatien zurückgeschickt worden. Von dort aus ging es zurück bis nach Griechenland, ein Land nach dem anderen schickte ihn weiter – entgegen der offiziellen Linie.

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Die Länder entlang der Strecke betonen, dass sie keine potenziellen Asylbewerber über die Grenze zurückdrängten. Ähnliches wie Murad berichten aber auch andere aus den Wochen vor und zu Beginn der Grenzschließungen auf der Balkanroute im März.

„Ich darf gar nicht daran denken, dass meine Freunde nur ein paar Stunden früher dran waren und jetzt in Deutschland sind“, sagt Murad. Wie Zehntausende weitere Flüchtlinge ist er in Griechenland gestrandet. Wochenlang saß er in Idomeni fest, an der Grenze zu Mazedonien. Auch dort konnte er nicht leiden – Griechenland räumte das provisorische und chaotische Lager und brachte die Flüchtlinge in neue Unterkünfte im Landesinneren.

Die meisten Flüchtlinge kamen von Griechenland aus nie weiter in Richtung ihres erhofften Ziels voran, das für viele Deutschland heißt. Einige aber weisen Papiere vor, mit denen sie belegen können, dass sie schon weitere Etappen ihres Wegs bewältigt hatten und zurückgeschickt wurden. Wieder andere berichten, sie seien nach Griechenland gebracht worden, obwohl sie zuvor von der Türkei aus über Bulgarien nach Serbien gelangt waren.

Serbien und Mazedonien blockieren die Vorwürfe. Berichte, wonach Flüchtlinge durch ein Loch im Zaun nach Griechenland zurück gezwungen worden seien, weise Mazedonien entschieden zurück, sagt Polizeisprecher Toni Angelovski. „Wir weisen ebenso Anschuldigungen zurück, dass Migranten kein Asyl beantragen durften.“ In Serbien wird betont, es gebe kein organisiertes Bemühen, Menschen nach Mazedonien zurückzuschicken. Aus Behördenkreisen verlautet aber auch, dass dies in Einzelfällen passiert sein könnte.


Kein Asyl in Mazedonien

Mohammed al-Bagdadi aus der umkämpften syrischen Stadt Deir as-Saur kam nach eigenen Angaben zusammen mit seiner Frau und seinen Töchtern, der dreijährigen Line und der zehn Monate alten Bailsane, am 3. März von Griechenland nach Mazedonien. Dort seien sie rund einen Monat in einem Flüchtlingslager untergebracht gewesen, bevor Behördenmitarbeiter ihre Registrierungsdokumente zerstört und sie nach Griechenland abgeschoben hätten – durch den Zaun, den Mazedonien an der Grenze errichtet hat.

„Wir wollten nicht zurück, aber die Polizei hat uns auf einen Lastwagen gesetzt und an die griechische Grenze gefahren“, sagt der 33-jährige al-Bagdadi. „Sie öffneten ein Loch im Zaun und stießen uns durch. Es war halb drei morgens.“ Seine Frau zieht zum Beweis für ihre Irrwege eine Handvoll Lebensmittelgutscheine hervor, die sie im mazedonischen Flüchtlingslager erhielten, mazedonische Münzen und einen Zettel mit Namen und Telefonnummern von Ärzten für die Kinder.

Etwa 30 Syrer, die wie al-Bagdadi im griechischen Idomeni ausharren, teilen die Erlebnisse jener Abschiebenacht. Sie hätten den mazedonischen Behörden erklärt, dass sie Asyl beantragen wollten, sagt al-Bagdadis Frau Kamar Darwisch. „Aber sie sagten uns: „Es gibt kein Asyl in Mazedonien. Das ist nicht Europa.““ Sie versteht nicht, warum sie nach Griechenland zurück mussten. „Alles war in Ordnung, unsere Papiere, alles.“

Im Flüchtlingslager Petra etwa 200 Kilometer weiter südlich hat sich eine Gruppe von 30 Jesiden zusammengefunden, die über ein ähnliches Schicksal berichten. Sie hätten über die Alternativroute durch Bulgarien Serbien erreicht und seien dann im Februar an der Grenze zu Kroatien gestoppt worden, sagen sie. Für alle unerklärlich seien sie schließlich von Serbien nach Mazedonien geschickt worden.

„Die serbische Polizei hat uns in Busse gesteckt und an die serbisch-mazedonische Grenze gebracht“, sagt Dachwas al-Hassan aus der irakischen Stadt Mossul, die vor zwei Jahren von Kämpfern der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ eingenommen wurde. Nach zwei Tagen im Niemandsland an der Grenze seien sie in ein Lager gefahren worden. Wieder einige Tage später „führten sie uns an den Zaun in der Nähe von Idomeni und schoben uns durch ein Loch nach Griechenland“.

Trotz allem hat al-Hassan die Hoffnung noch nicht aufgegeben, eines Tages doch Deutschland zu erreichen, und zwar ohne Schleuser und Angst. „Wir wollen legal nach Deutschland kommen“, sagt er. „Also warten wir.“ Seine Schwester mit Familie, die bereits in Deutschland lebt, würde ihn mit offenen Armen empfangen.

Al-Bagdadi wartet ebenso mit Frau und kleinen Töchtern, verstört und verzweifelt. „Wenn es nur einen Quadratmeter in Syrien geben würde, der sicher wäre, nur einen Quadratmeter, dann wären wir dort geblieben“, betont er. „Dann wären wir nicht hierhergekommen und würden dieses Elend ertragen müssen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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