Flüchtlinge in Griechenland: Europas verdrängtes Problem

Flüchtlinge in Griechenland: Europas verdrängtes Problem

, aktualisiert 03. Juni 2016, 20:48 Uhr
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Als das Elendslager Idomeni in Griechenland vor Wochenfrist geräumt wurde, hatten Optimisten bereits das Gefühl, Europa habe in der Flüchtlingskrise einen Schritt nach vorn gemacht. Doch der Schrein trügt.

von Leonidas ExuzidisQuelle:Handelsblatt Online

Das Elendslager Idomeni ist Geschichte. Doch das Flüchtlingsdrama in Griechenland geht weiter. Denn es bilden sich neue Lager, in dem die Menschen ausharren. Europa bleibt überfordert – und abhängiger denn je.

Beschaulich, ruhig und idyllisch - Idomeni ist inzwischen wieder das, was es vorher mal war: ein unscheinbares Dorf. Die rund 150 Einwohner gehen wie gewohnt ihren Pflichten nach, Bauern kümmern sich um ihre Felder. Dass hier, an der griechisch-mazedonischen Grenze, bis vor wenigen Tagen knapp 8.000 Flüchtlinge in im Matsch ausharrten und auf eine Weiterreise pochten, lässt sich jetzt nur noch erahnen.

Am Montag rollte gar der erste Zug seit dem 21. März über die Grenze in Richtung Mitteleuropa, nachdem die Schienen aus Protest wochenlang blockiert worden waren. Die Flüchtlingszelte und das zurückgelassene Hab und Gut wurden von gelben Bulldozern abgeräumt und anschließend entsorgt.

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Als das Elendslager vor Wochenfrist geräumt wurde, hatten Optimisten bereits das Gefühl, Europa habe in der Flüchtlingskrise einen Schritt nach vorn gemacht. Immerhin lief die Räumung an der seit Monaten geschlossenen Grenze weitgehend friedlich ab – keine Selbstverständlichkeit bei den regelmäßigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Migranten in den vergangenen Wochen.

Die dort ausharrenden Menschen wurden in Bussen in die umliegenden Einrichtungen gebracht, einige winkten Reportern und Einheimischen zum Abschied noch einmal lächelnd zu. Alles sehr friedlich. Doch der Schein trügt: Der Norden Griechenlands bleibt ein Symbol für Europas Überforderung.

In den hastig erbauten und mangelhaft ausgestatteten Einrichtungen Umland lebt nur rund die Hälfte der 8.000 Flüchtlinge von Idomeni. Die andere Hälfte zog auf eigene Faust weiter: in Richtung der Hafenstadt Thessaloniki oder in die umliegenden Dörfer in Grenznähe. Ein Überblick:


Evzoni, Chamilo, Polykastro

Evzoni (sechs Kilometer östlich von Idomeni): Die Hauptverkehrsstraße nach Mazedonien, die Autobahn A1, führt auch über das östlich gelegene Evzoni. Ein kleiner Fluss trennt beide Dörfer und bis zur mazedonischen Grenze sind es nur wenige Kilometer. In diesem kleinen Dorf, von rund 300 Menschen bewohnt, haben sich vor einem kleinen Hotel und an einer Tankstelle formlose Camps gebildet. Flüchtlinge harren erneut in kleinen Zelten aus: In der Hoffnung auf eine Weiterreise wollen sie die ersten sein, wenn die Grenze zu Mazedonien geöffnet werden sollte. Griechenlands Migrationsminister Ioannis Mouzalas kündigte an, die Polizei werde nach Idomeni auch die weiteren Lager friedlich räumen.

Chamilo (fünf Kilometer westlich von Idomeni): Erst im März hatten Hunderte Flüchtlinge versucht, in der Ortschaft Chamilo einen kleinen Grenzfluss nach Mazedonien zu überqueren. Sie wurden von Sicherheitskräften zurückgeschickt. Chamilo liegt rund acht Kilometer westlich von Idomeni. Unmittelbar bevor dort das wilde Camp in Idomeni, machte sich eine große Gruppe von Flüchtlingen zu Fuß auf in Richtung Chamilo. Die Wahrscheinlichkeit, dort unbemerkt über die Grenze zu gelangen, ist allerdings sehr gering. Ein Teil harrt griechischen Medienberichten zufolge weiterhin in den umliegenden Wäldern aus.

Polykastro (19 Kilometer südlich von Idomeni): Ähnlich sieht es in der knapp 20 Kilometer südlich gelegenen Kleinstadt Polykastro aus. Schon bevor das Lager in Idomeni geräumt wurde, hatten sich viele Flüchtlinge dorthin begeben.

Bulgarische Grenzübergänge: Immer wieder hatte die politische Führung in Sofia betont, illegale Grenzübertritte aus Griechenland nicht zu dulden. Auf der Suche nach alternativen Routen nach Mitteleuropa suchen Migranten jedoch immer wieder den Weg über Bulgarien. Am Wochenende stoppten die dortigen Grenzbehörden insgesamt 96 Flüchtlinge, die zum Teil in einem Güterzug aus Thessaloniki versteckt waren. Sie wurden zurückgeschickt und die Zahl der Soldaten an der Grenze nochmal erhöht. Man wolle „eine starke Botschaft an diejenigen senden, die diese Route gewählt haben“, hieß es aus dem Innenministerium. An der Grenze zum EU-Nachbarn Griechenland gibt es – anders als an der EU-Außengrenze zur Türkei – noch keine Schutzzäune. Die bulgarische Regierung hatte allerdings mehrfach betont, bei Bedarf auch dort schnell Drahtzäune zu errichten.

Kreta, Ellinikon

Kreta: Nachdem die Balkanroute geschlossen wurde, versuchen immer mehr Flüchtlinge, über Kreta nach Süditalien zu gelangen. Dafür gebe es mehrere Beweise, so ein Offizier der griechischen Küstenwache gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Sie starten in der Türkei oder in Nordafrika. Die Behörden vermuten, dass internationale Schleuserbanden ihre Tätigkeiten ins zentrale Mittelmeer verlagern.

Ellinikon: Tausende Flüchtlinge weilen teils unter katastrophalen Bedingungen auch in und um die Hauptstadt Athen. Das Ausmaß der Krise zeigt sich allen voran am ehemaligen Flughafen Ellinikon, der seit mehreren Monaten mehr als 3000 Migranten als Unterkunft dient. Nach einem Besuch des Flughafens am Mittwoch forderte Oppositionsführer Kyriakos Mitsotakis eine baldige Räumung des Geländes. „Im Zentrum von Athen ist ein neues Idomeni entstanden“, sagte Mitsotakis. Die Umstände dort seien „tragisch“ und würden sich in den heißen Sommermonaten nur verschlimmern. Die Temperaturen in der griechischen Hauptstadt kratzen seit Tagen an der 30-Grad-Marke.

Dass nur ein Teil der etwa 53.000 Flüchtlinge in Griechenland freiwillig in die staatlichen Einrichtungen zieht, liegt vor allem an den Lagern selbst. Immer wieder berichten Hilfsorganisationen über fehlende Hygiene und Privatsphäre sowie schlechte Versorgung. Migrationsminister Mouzalas versprach, die Flüchtlinge nach und nach in Containerwohnungen statt in Zelten unterbringen zu wollen.

Der Schlüssel, so Mouzalas, liege aber nach wie vor in den Händen der Türkei. Falls der Nachbar den mit der EU vereinbarten Flüchtlingspakt nicht einhalte, drohten chaotische Zustände. „Maria Mutter Gottes helfe uns dann“, sagte Mouzalas. Griechenland und Europa sind im Juni 2016 mehr denn je auf ihren Partner angewiesen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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