Flüchtlinge in Griechenland: Selbst arm und trotzdem hilfsbereit

Flüchtlinge in Griechenland: Selbst arm und trotzdem hilfsbereit

, aktualisiert 01. April 2016, 20:19 Uhr
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Noch immer harren rund 11.000 Flüchtlinge in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze aus – sie wollen weiterziehen nach Mitteleuropa.

von Leonidas ExuzidisQuelle:Handelsblatt Online

Brennende Unterkünfte auf der einen, offene Türen und Spenden auf der anderen Seite: Die Griechen begegnen der Flüchtlingskrise zwiespältig. Doch ihre Solidarität reißt nicht ab – obwohl sich die Lage weiter zuspitzt.

BerlinEin kleines Haus in Idomeni mit roten Dachziegeln, die Fassade brüchig, alt und grau: Es gehört einem Rentner-Ehepaar. Die beiden können sich selbst nur mühevoll fortbewegen, gehen gebückt und mit kleinsten Schritten. Doch sie helfen. Sie lassen an der Grenze wartende Flüchtlinge ohne zu Zögern in ihr Eigenheim. Die vor Hunger, Krieg und Terror Geflüchteten dürfen sich dort waschen und sich und ihre wenigen Habseligkeiten von Schlamm und Schmutz befreien. Außerdem verschenkt das Rentner-Paar Nahrungsmittel an die Bedürftigen – jeden Tag aufs Neue.

Bilder wie diese des alten Ehepaares nahe der griechisch-mazedonischen Grenze sind es, die die Hilfsbereitschaft der Griechen zeigen. Deren Solidarität mit den ankommenden und im Land ausharrenden Flüchtlingen ist nach wie vor riesig. Die Einheimischen helfen bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln oder sauberem Trinkwasser, vermitteln Hoffnung und Zuversicht und unterstützen bei der Kommunikation mit den örtlichen Behörden. Doch ihre Mittel sind begrenzt.

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Die Welle der Solidarität ebbt trotz ausbleibender Fortschritte in den vergangenen Wochen kaum ab. „In Griechenland engagieren sich viele Menschen aus humanitären Gründen“, sagt Hans-Joachim Fuchtel, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und seit 2011 Beauftragter für die Deutsch-Griechische Versammlung, dem Handelsblatt. „Die Unterstützung von Armen und Hilfsbedürftigen hat in Griechenland eine lange Geschichte.“

Ein Teil der Bevölkerung – allen voran im Norden des Landes – hat bereits selbst ähnliche Fluchtsituationen erlebt oder kennt sie aus Erzählungen von Familienangehörigen. Nach dem Ersten Weltkrieg etwa wurden Tausende Griechen aus der Türkei vertrieben.

Auch der Einmarsch des NS-Regimes in den 1940er-Jahren und der griechische Bürgerkrieg (1946-1949) lösten eine Flüchtlingswelle aus. „Wer so etwas selbst mitgemacht hat, ist offener für Hilfe“, sagt Sigrid Skarpelis-Sperk, frühere SPD-Bundestagsabgeordnete und Präsidentin der Vereinigung der Deutsch-Griechischen-Gesellschaften.

Doch auch in Griechenland gibt es vereinzelt Bilder von Protesten, von Wut und sogar blankem Hass gegenüber den Vertriebenen. Das staatliche Fürsorgesystem ist unzureichend, in einigen Städten regt sich nun verbaler Widerstand gegen die ankommenden Flüchtlinge. In Giannitsa, einer kleinen Stadt in Nordgriechenland rund 50 Kilometer entfernt von Thessaloniki, wurden Ende Februar mehrere Militärhallen angezündet, die als Unterkunft hätten dienen sollen.

Der Flüchtlingspakt zwischen der EU und der Türkei zeigt erste Wirkung: Demnach erreichen inzwischen deutlich weniger Flüchtlinge Griechenland als in den Wochen zuvor. Bis Anfang März kamen täglich etwa 2000 Menschen aus der Türkei über die Grenze, am vergangenen Wochenende wagten nur noch etwa 300 Schutzsuchende die gefährliche Überfahrt – Tendenz sinkend.

Der Stau im Landesinneren allerdings bleibt: Schätzungen des Krisenstabs der griechischen Regierung zufolge weilten am Freitag rund 52.000 Flüchtlinge in Griechenland. Demnach harren nach wie vor knapp 11.000 Neuankömmlinge an der Grenze zu Mazedonien aus.

Die Zustände im Elendslager von Idomeni werden von Tag zu Tag schlechter. Innenminister Panagiotis Kouroumplis beschrieb die Lage kürzlich im griechischen Fernsehen mit drastischen Worten: „Ich zögere nicht zu sagen, dass das hier ein zeitgenössisches Dachau ist.“ Am Hafen von Piräus verweilen rund 5700 Flüchtlinge.


„Das hier ist ein zeitgenössisches Dachau“

Ein Ende der Solidarität ist bislang nicht in Sicht. „In Griechenland ist aktuell die Frage der Versorgung und der medizinischen Betreuung der Flüchtlinge im Vordergrund. Dies ist ein gesellschaftlicher Konsens“, sagt Fuchtel. Experten warnen allerdings vor einer Überforderung der heimischen Bevölkerung. Dann könnte auch die Solidarität nachlassen, glaubt Skarpelis-Sperk.

EU-Migrationskommissar Dimitris Avramopoulos zeigte sich angesichts der Vereinbarung mit der Türkei zuletzt optimistisch. „Die Lage wird sich bessern, sobald das Abkommen voll funktionieren wird“, sagte er vergangene Woche nach einem Treffen mit Ministerpräsident Alexis Tsipras.

Von der Gesamtsituation besonders betroffen sind die Kommunen. Die Versorgung der vielen Flüchtlinge stellt sie vor große Herausforderungen – finanziell und logistisch. „Es ist schwierig, Unterstützung von staatlicher Seite zu erhalten“, meint Fuchtel. „Die Kommunen fühlen sich auf sich allein gestellt.“

Daher wird die Forderung nach europäischer Solidarität trotz Flüchtlingspakt immer lauter. „Dass Europa Griechenland mit der Situation im Stich lässt, finde ich ungeheuerlich“, so Skarpelis-Sperk. Uno-Generalsekretär Ban Ki-Moon warnte zuletzt, die Situation erfordere „eine exponentielle Steigerung der weltweiten Solidarität“. Deutschland unterstützte zuletzt zusätzlich mit diversen Sachleistungen: Unter anderem wurden mobile Gesundheitsstationen sowie Kranken- und Müllwagen nach Griechenland gesandt.

Das unorganisierte Lager in Idomeni müsse geräumt und die Flüchtlinge in die kürzlich errichteten Lager gebracht werden, heißt es aus Athen. Die Behörden hatten angekündigt, die Bemühungen zur Räumung des Knotenpunktes zu intensivieren. An der Grenze wartende Flüchtlinge protestieren lautstark und medienwirksam gegen dieses Vorhaben. Erst kürzlich hatte sich ein Flüchtling mit Benzin übergossen und angezündet, außerdem werden nahezu täglich die Schienenwege besetzt.

Mehr und mehr Flüchtlinge jedoch wollen angesichts der örtlichen Situation zurück in ihre Heimat. „Wie uns berichtet wurde, gibt es inzwischen immer mehr Rückkehr-Bereite“, sagt Fuchtel.  Allerdings kommen die nächsten Probleme auf: „Auch hier fehlt es an sachkundigem Personal speziell für diese Fragen.“

Mehrere Hundert Flüchtlinge ließen sich in den vergangenen Tagen freiwillig zu einem der umliegenden Camps fahren. Am kommenden Montag soll außerdem das Abkommen zwischen der EU und der Türkei wie vereinbart in Kraft treten. Die ersten 500 Flüchtlinge sollen dann von den Ägäis-Inseln in die Türkei abgeschoben werden. Laut dem Abkommen sollen alle Flüchtlinge, die seit dem 20. März in Griechenland angekommen sind, in die Türkei zurückgeschickt werden.

Griechenland wird damit immer mehr zum Pulverfass: Regelmäßig gibt es in Idomeni Auseinandersetzungen – unter den Flüchtlingen und mit der Polizei. Der Flüchtlings-Krisenstab der griechischen Regierung lehnt den Einsatz von Gewalt allerdings weiterhin strikt ab: Die Politik setzt nach wie vor auf Freiwilligkeit.

Doch Idomeni ist bei weitem nicht der einzige Brennpunkt: In Piräus verletzten sich am Donnerstag bei Zusammenstößen zwischen syrischen und afghanischen Gruppen insgesamt acht Menschen, zwei davon schwer.

Quelle:  Handelsblatt Online
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