IS in Syrien und im Irak: Brutale Hetzjagd auf Homosexuelle

IS in Syrien und im Irak: Brutale Hetzjagd auf Homosexuelle

, aktualisiert 14. Juni 2016, 20:37 Uhr
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Die Extremistenmiliz geht brutal gegen Homosexuelle vor.

Quelle:Handelsblatt Online

Der Attentäter von Orlando hatte es gezielt auf Homosexuelle abgesehen – und berief sich auf den IS. In dessen Machtbereich in Syrien und im Irak werden Homosexuelle gejagt und getötet. Ein Augenzeugenbericht.

ReyhanliEin Radiosender der Terrormiliz Islamischer Staat hat am Montag den Massenmörder von Orlando als „einen der Soldaten des Kalifats in Amerika“ bezeichnet. In ihrem Machtbereich geht sie grausam gegen Homosexuelle vor und hat für sie eine besondere Hinrichtungsart ersonnen: Sie werden von Hochhäusern in den Tod gestürzt.

Der kurze Prozess fand im Juli 2015 in Palmyra auf der Straße statt: Der vermummte Richter verlas das Todesurteil gegen zwei der Homosexualität überführte Männer; sie sollten vom Dach des nahe gelegenen Hotels Wael geworfen werden. Er fragte einen der Verurteilten, ob er das Urteil für angemessen halte. Der Tod, sagte der Richter, werde ihn von seiner Sünde reinigen.

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„Ich würde es vorziehen, wenn Sie mir in den Kopf schießen“, antwortete der 32-jährige Hawas Mallah. Der zweite Verurteilte, der 21-jährige Mohammed Salameh, flehte um Gnade; er werde nie wieder Sex mit einem Mann haben. Die Szenen wurden der Nachrichtenagentur AP Ende 2015 von einem Augenzeugen geschildert und werden nun unter dem Eindruck des Massakers von Orlando und der IS-Mitteilung dazu noch einmal wiedergegeben.

„Nehmt sie und werft sie herunter“, befahl der Richter. Andere vermummte Extremisten ergriffen die beiden, verbanden ihnen die Augen und fesselten sie. Dann führten sie die Verurteilten ab. Omar, der seinen ganzen Namen aus Angst vor dem IS nicht nennen will, schilderte den Zwischenfall der AP in der türkischen Stadt Reyhanli.

Der IS ist wegen grausamer Tötungen ohnehin berüchtigt. Eine der brutalsten Methoden behält er sich für angebliche Homosexuelle vor. Sie werden kopfüber von hohen Gebäuden gehalten und fallengelassen oder über den Rand gestoßen, wie in Videos der Extremisten zu sehen ist. Mindestens 36 Männer in Syrien und Irak sind wegen Homosexualität öffentlich umgebracht worden, erklärt die New Yorker Organisation OutRight Action International im Dezember. Ob der Vorwurf der Homosexualität stimmt, könne nicht in jedem Fall bestätigt werden, sagt ihr Nahostkoordinator Hossein Alizadeh. Auch der Verdacht könne schon zum Todesurteil führen.

Viele Muslime betrachten Homosexualität als Sünde. Schwule werden oft gesellschaftlich geächtet, und selbst bei IS-Gegnern gibt es für Homosexuelle kein Mitleid. Einige, die sich schockiert über andere Brutalitäten der Extremisten zeigten, haben öffentlich erklärt, die Tötung Schwuler sei richtig. Auch andere syrische Rebellengruppen wie die zu Al-Kaida gehörende Nusra-Front haben Homosexuelle umgebracht.


„Er wusste alles über mich“

In den von Extremisten kontrollierten Gebieten herrscht unter Homosexuellen die blanke Angst davor, dass jemand, – manchmal vielleicht sogar ein Verwandter – sie denunzieren könnte. IS-Extremisten foltern manchmal mutmaßliche Homosexuelle, um die Namen ihrer Freunde genannt zu bekommen. Ihre Laptops und Handys werden nach Namen durchsucht.

Der 26-jährige Daniel Halaby hat sein Schicksal der AP unter der Bedingung erzählt, dass er nur mit dem Namen genannt wird, den er nach seiner Flucht aus Aleppo in der Türkei angenommen hat. Den Namen der türkischen Stadt, von der aus er seit zwei Jahren IS-Grausamkeiten gegen Homosexuelle dokumentiert, sollte auch nicht genannt werden. Noch immer werde er von Alpträumen aus dem Schlaf gerissen, in denen er vom Dach eines Hauses gestoßen wird.

Sein Leid begann damit, dass ein Freund aus Kindheitstagen radikalisiert wurde, dem IS beitrat und ihn 2013 verriet. „Er wusste alles über mich, dass ich säkular und schwul bin.. Ich bin sicher, dass er es war, der dem Daesh meinen Namen gab“, sagt Halaby. Daesh ist die arabische Abkürzung des Islamischen Staats.

Damals, Mitte 2013, drang der IS gerade erst nach Syrien ein. Er kontrollierte noch nicht große Gebiete, wie das seit 2014 der Fall ist. Seine Taktik bestand zunächst darin, sich in von Rebellen eroberten Gebieten festzusetzen und dort die Kontrolle an sich zu reißen. Im September 2013 belagerte der IS das Viertel in Aleppo, in dem Halaby mit seiner Familie wohnte und das von der Freien Syrischen Armee gehalten wurde. Die beiden Gruppen verhandelten über ein Ende der Belagerung. Der IS legte dabei eine Liste mit Leuten vor, deren Auslieferung er verlange. Halaby sagt, er habe irgendwie erfahren, dass sein Name auf der Liste stehe. Eiligst sei er in die Türkei geflohen. Seine Eltern hätten den Kontakt zu ihm wegen seiner sexuellen Orientierung abgebrochen.

Homosexuelle hätten sich in Aleppo schon vor dem Krieg im Verborgenen halten müssen, sagt er. Als es 2011 die ersten Proteste gegen das Regime gegeben habe, habe er sich der säkularen und friedlichen Bewegung angeschlossen. Er habe von einer demokratischen Regierung geträumt, die jeden ohne Rücksicht auf seine Religion, Abstammung und sexuelle Orientierung respektiere. „Wir waren sehr naiv“, sagt er jetzt. „Genau das Gegenteil ist geschehen.“


Extremisten wollen Orte „säubern“

Ein anderer junger Syrer, Subhi Nahas, berichtete, er sei ins Ausland geflohen, weil er befürchtete von seinem eigenen Vater an die Nusra-Front ausgeliefert zu werden. Damals, Ende 2013, hätten die Extremisten seinen Heimatort Maaret al-Numan erobert und über die Lautsprecher der Moschee ausrufen lassen, dass sie den Ort von Homosexuellen „säubern“ würden. „Angesichts der Probleme zwischen mir und meinem Vater schloss ich nicht aus, dass er mich ausliefert“, sagt er.

Nahas floh über den Libanon in die Türkei. Dort erhielt er Todesdrohungen von einem früheren Schulfreund, der dem IS beigetreten war. Im Juni ging er deswegen in die USA. Im August sprachen Nahas und ein homosexueller Mann aus dem Irak vor dem UN-Sicherheitsrat über Gewalt und Diskriminierung Schwuler, Lesben, Bisexueller und Transsexueller in ihren Ländern.

Im Koran wird - wie in der Bibel - die Geschichte von Lot und die Zerstörung Sodoms erzählt. Männer, die Sex mit Männern hätten, müssten bestraft werden, sagt der Koran - aber nicht wie und lässt die Möglichkeit der Gnade offen, sollten sie Reue zeigen. Die Todesstrafe kommt aus den Hadith, den Überlieferungen von Sprüchen und Handlungen des Propheten Mohammed und seiner Gefolgsleute. Es gibt verschiedene Stellen dazu; der IS beruft sich auf eine Schilderung, in der Mohammed sagt, Schwule „sollen aus sehr großer Höhe geworfen und dann gesteinigt werden“.

Das wurde mit den Verurteilten in Palmyra gemacht. Mallah wurde an einen Stuhl gefesselt vom Dach gestürzt; er überlebte. Ein IS-Extremist tötete ihn mit einem Kopfschuss. Salameh schlug mit dem Kopf voran auf dem Boden auf und war sofort tot. Er wurde dennoch gesteinigt, berichtet Omar. Zwei Tage seien die Leichname am Freiheitsplatz von Palmyra aufgehängt worden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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