Kurden im Irak: Was kommt nach dem IS?

Kurden im Irak: Was kommt nach dem IS?

, aktualisiert 10. Dezember 2016, 18:31 Uhr
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Kurdische Peschmerga-Kämpfer patrouillieren in der Nähe des irakischen Dorfes Basheqa, 150 Kilometer nordöstlich von Erbil. Viele Kurden träumen von einem eigenen Staat.

Quelle:Handelsblatt Online

Irakische Truppen und die kurdische Peschmerga kämpfen Seite an Seite gegen den IS. Doch nun fordern die Kurden, was Bagdad ihnen nicht geben will: einen eigenen Staat. Die Allianz droht an dem Streit zu zerbrechen.

MachmurDie Sandwälle und Gräben ziehen sich wie eine Schlange durch den Norden des Iraks Richtung Syrien, an einigen laufen neugeteerte Straßen mit Laternen und Kontrollposten entlang, auf denen kurdische Flaggen wehen. Die Kämpfer hier bestehen darauf, dass dies nicht die Grenze eines neues unabhängigen Staates sei – doch im Chaos, das mit den Kämpfen gegen die Terrormiliz Islamischer Staat im Irak herrscht, könnte dies vielleicht bald der Fall sein.

Die Arbeiten an einer Art Grenzwall begannen 2014, als sich die von den USA unterstützten kurdischen Kämpfer – die Peschmerga – im Sommer jenes Jahres mit den anrückenden IS-Extremisten konfrontiert sahen. Diese hatten im Irak nicht nur die Armee aus vielen Gebieten wie etwa der zweitgrößten Stadt Mossul vertrieben, sondern bedrohten damals auch die Autonome Kurdische Region.

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Seitdem hat die Grenze eine dauerhaftere Form angenommen, die einhergeht mit wachsenden Aspirationen der Kurden auf eine vollständige Unabhängigkeit. Die Grenze könnte zugleich aber auch die Verwerfungslinie für einen neuen Konflikt im Irak markieren, der ausbrechen könnte, sobald der IS geschlagen und vertrieben ist. Ein ähnlicher Prozess zeichnet sich in Syrien ab, wo syrische Kurden den Extremisten große Gebiete abgerungen haben.

„Es war unsere Frontlinie, jetzt ist es unsere Grenze, und wir werden für immer hier bleiben“, sagt der Peschmerga-Kommandant und Unternehmer Sirwan Barsani. Er gehört zu einer wachsenden Zahl führender Kurden – darunter auch sein Onkel und Präsident des kurdischen Autonomiegebiets, Massud Barsani – die vom IS zurück eroberte Gebiete behalten wollen.

Die Kurden liegen ohnehin mit der irakischen Regierung in Bagdad seit der US-geführten Invasion 2003 im Streit über Gebiete im Norden und Osten des Landes. Artikel 140 der irakischen Verfassung besagt, dass ein Referendum über das Schicksal dieser Gebiete entscheiden soll. Aber eine solche Abstimmung hat bisher nicht stattgefunden. Und als die irakische Armee im IS-Ansturm 2014 kollabierte, bezogen die Kurden dort Stellung.

So übernahmen sie in jenem Sommer die Kontrolle über die lange von beiden Seiten beanspruchte Stadt Kirkuk, vordergründig, um diese vor dem Einfall des IS zu schützen. Seitdem haben die Kurden mit Hilfe der US-geführten Luftangriffe weitere Gebiete eingenommen, die etwa 50 Prozent der Größe ihrer anerkannten Autonomen Region entsprechen.

„Nach der Niederlage des IS werden Sunniten den Kurden diese Ansprüche streitig machen und die Schiiten in Bagdad werden sie sowohl den Sunniten als auch den Kurden streitig machen – die Wahrscheinlichkeit eines Konflikts ist real“, sagt Anwar Anaid, Dekan für Sozialwissenschaften an der Universität Kurdistan Hauler in Erbil. „Was auf dem Boden geschieht, wird von den Umständen abhängen. Es gibt einen großen Wunsch der Kurden nach Unabhängigkeit.“


„Die Wahrscheinlichkeit eines Konflikts ist real“

Peschmerga-Kommandant Aref Tajmur verbindet das künftige Geschehen auch mit dem Ausgang der derzeit laufenden Offensive zur Rückeroberung der IS-Hochburg Mossul, der letzten großen im Irak. Sobald die Extremisten aus der Stadt vertrieben seien, werden die Kurden mit der Regierung in Bagdad über eine neue Grenze verhandeln, sagt er. Und Tajmur stellt unmissverständlich klar: „Wir haben keine Absicht, Land, das mit Blut befreit wurde, an die irakische Regierung zurückzugeben“.

Ein anderer Kurdenvertreter sagt es noch direkter. Dischad Maulod beschreibt die bereits bestehenden Grenzbefestigungen als die „künftigen Grenzen von Kurdistan“.

Barsani, der Neffe des Regionalpräsidenten, betont, die Kurden vertrauten nach den Ereignissen von 2014 nicht mehr darauf, dass die irakische Armee das Land verteidige. Damals hatte der IS innerhalb kürzester Zeit fast ein Drittel des Staatsgebietes in seinem Blitzvormarsch eingenommen.

„Natürlich wird es eine andere Art IS geben“, sagt er. Denn: „Keiner der internen irakischen Konflikte ist gelöst worden“. Die Kurden „werden bereit sein“, fügt Barsani hinzu, ohne ins Detail zu gehen, In der Zwischenzeit, so hofft er, werde es Gespräche über eine Unabhängigkeit geben, möglichst bereits 2017. „Es ist eine schlechte Ehe, also sollten wir uns scheiden lassen“, sagt Barsani.

Die Regierung in Bagdad lehnt eine Unabhängigkeit der Kurden strikt ab. Regierungschef Haidar al-Abadi sagt vielmehr, er erwarte, dass die Kurden sich an ein Abkommen halten und Gebiete zurückgeben, die sie seit der Offensive gegen den IS in Mossul erobert haben. „Einige kurdische Politiker sagen zwar etwas anderes. Doch das sind keine Leute mit Verantwortung, die die Ereignisse vor Ort kontrollieren, sagte Al-Abadi der Nachrichtenagentur AP vergangenen Woche in einem Interview.

Die beiden Seiten haben ihren Disput beiseite gelegt, solange sie gemeinsam den IS aus Mossul zu vertreiben versuchen. Doch die Bauarbeiten zum Markieren eroberter Territorien gehen weiter. An einer Straße südlich von Mossul haben Peschmerga Treppen aus Betonblöcken gebaut, die zu Büros in Wohnwagen führen. Zudem stehen nun Wachposten entlang der Linie.

Irakische Soldaten und kurdische Kämpfer an der Front sind sich der hochexplosiven Lage bewusst und wollen nicht darüber sprechen. „Ihr könnt hier keine Fotos machen, und was immer Ihr auch tut – nennt das hier bloß nicht Grenze!“, sagt ein Peschmerga-Kämpfer, während er aus einem der Kontrollposten entlang der Front kommt. Nahebei, an einem Posten der irakischen Armee, räumt Soldat Hussein Dschassem, ein, dass es „eine Grenze zwischen uns und den Peschmerga gibt“. Dann schweigt er nur noch.

Quelle:  Handelsblatt Online
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