Migranten: Griechenland – Europas Flüchtlingslager

Migranten: Griechenland – Europas Flüchtlingslager

, aktualisiert 01. März 2016, 20:00 Uhr
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Auf der griechischen Seite der Grenze beobachten Migranten, wie die mazedonische Polizei ihnen den Weg nach Nordeuropa versperrt.

Quelle:Handelsblatt Online

Auf Hochtouren arbeiten die Griechen am Bau von Flüchtlingslagern. Ein teures Unterfangen angesichts der dramatischen Finanzlage des Landes. Die Kosten gehen in dreistellige Millionenhöhe. Hilft die EU?

AthenGriechenland verwandelt sich zunehmend in ein Lager für Migranten. Täglich kommen mehr Menschen aus dem Osten, aus der Türkei, ins Land. Durchgewunken werden können sie nicht mehr: Für viele Flüchtlinge endet die Odyssee aus Kriegs- und Krisengebieten nun am griechisch-mazedonischen Grenzübergang von Idomeni-Gevgelija oder in den Flüchtlingscamps in Mittel- und Nordgriechenland.

Kann Griechenland mit diesem Flüchtlingszustrom fertig werden?
Ohne Hilfe der EU und des Uno-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) nicht. Das Land befindet sich im sechsten Jahr einer schweren Finanzkrise. Rund ein Viertel der Bevölkerung ist verarmt. Griechenland kann schon diese eigenen Bürger gerade noch ernähren. Lässt man die Griechen jetzt allein, führt das zu einer humanitären Katastrophe im Süden Europas.

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Mit wie vielen Migranten wird denn gerechnet, die im Land festsitzen bleiben könnten?
Bislang sollen nach Regierungsangaben in Griechenland mehr als 25.000 Flüchtlinge gestrandet sein. Tendenz steigend. Athen hat bereits verschiedene Szenarien ausgearbeitet. Sollten – im günstigsten Fall – höchstens 100.000 Migranten im Land festsitzen, könnte es demnach den Griechen mit Hilfe der EU gelingen, die Lage unter Kontrolle zu behalten. Sollten allerdings – das wäre der worst case – 200.000 oder noch mehr Migranten nicht mehr aus Griechenland in Richtung Mitteleuropa weiterkommen, könnte die Lage außer Kontrolle geraten.

Wie viel Hilfe braucht Griechenland?
Nach Informationen griechischer Medien hat Athen bei der EU bereits ein Hilfspaket in Höhe von 470 Millionen Euro für die kommenden Jahre beantragt. Genaueres dazu liegt aus offiziellen Quellen nicht vor. In Mittel- und Nordgriechenland werden mehrere kleinere Aufnahmelager gebaut. 50.000 Menschen sollen dort untergebracht werden. Weitere 50.000 sollen in einfachen Hotels wohnen. Gut 8200 Polizisten, Ärzte, Sanitäter und zivile Beamte sollen für Ordnung, die medizinische Versorgung und die Verpflegung der Migranten sorgen.


Griechen sehen Syrer nicht als Fremde

Gibt es in Griechenland Reaktionen oder sogar Anschläge auf Migranten oder auf Einrichtungen, in denen sie untergebracht sind?
Es ist erstaunlich: Trotz der schweren Finanzkrise gibt es unter der Bevölkerung eine Welle der Solidarität mit diesen Menschen. Auch Rentner und ärmere Menschen gehen zu den „Plätzen des Elends“, wie die Sammelorte im Zentrum Athens von den Medien genannt werden. Sie helfen Migranten mit Essen und Kleidung. Die Griechen haben seit Jahrtausenden enge Kontakte mit allen Völkern des Nahes Ostens und des Mittelmeerraumes gehabt und empfinden in ihrer Mehrheit Syrer und Iraker trotz des anderen Glaubens nicht als Fremde. Überfälle auf Migranten hat es bislang kaum gegeben. Es gab zwei Brandstiftungen in Hallen, in denen Migranten untergebracht werden sollten. Hinter den Anschlägen werden rechtsextremistisch gesinnte Griechen vermutet.

Warum versammeln sich die Flüchtlinge auf diesen „Elendsplätzen“?
Das hat zwei Gründe: Sie haben Angst, dass sie in einem der organisierten Aufnahmelager praktisch interniert werden könnten. Der zweite Grund ist: Rund um die zwei wichtigsten „Elendsplätze“, das sind der Omonia- und der Viktoria-Platz in Athen, werden die Kontakte mit Menschenschmugglern geknüpft. Diese bieten den verzweifelten Menschen gegen Geld „neue Wege“, um nach Mitteleuropa zu kommen.

Welche Wege sind das?
Wenn man den Aussagen der Migranten glaubt, dann handelt es sich um eine neue Route durch Albanien über Montenegro und Kroatien. Alternativ dazu wird von den Schleusern eine schnelle Überfahrt von Otranto aus Albanien nach Italien angeboten. Andere Schleuser versprechen eine Fahrt bis Westgriechenland und danach – versteckt in einem Lastwagen – die Weiterfahrt auf einer Fähre, die aus einem der westgriechischen Häfen nach Italien fahren. Bislang jedoch wird vor allem über diese alternative Route gesprochen. Ein großer Flüchtlingsandrang wurde in Albanien noch nicht registriert.

Was bedeutet das für Deutschland?
Sollten demnächst über neue Routen wieder mehr Flüchtlinge nach Deutschland kommen, ändert sich wenig. Falls ihnen der Weg aber dauerhaft versperrt sein sollte, könnte dies eine innenpolitische Entlastung für die große Koalition bedeuten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warnt vor nationalen Alleingängen wie in Österreich. Sie sagt: „Das ist nicht mein Europa.“ Die Regierung in Wien findet das inkonsequent. Sie weist Kritik an ihren Obergrenzen für Asylbewerber zurück. Bundeskanzler Werner Faymann sagt: „Bis Österreich kann man leider nur in die Luft schauen und ab Österreich will man uns einen Ratschlag erteilen – auf diese Art Ratschlag können wir verzichten.“ Die Flüchtlingshelfer fragen sich: Entstehen in Griechenland jetzt riesige Lager? Oder kommt ein Signal aus Deutschland, so wie im September 2015? Damals waren Flüchtlinge mit Bussen in Budapest abgeholt worden. Die meisten von ihnen blieben in Deutschland.

Quelle:  Handelsblatt Online
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