Nordkorea: Verkappte Kapitalisten

Nordkorea: Verkappte Kapitalisten

, aktualisiert 23. November 2016, 20:54 Uhr
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Für den nordkoreanischen Diktator gibt es ein großes kulinarisches Angebot.

Quelle:Handelsblatt Online

Nordkorea hat eine sozialistische Planwirtschaft. Und doch gibt es auf den Märkten alles zu kaufen, was das Herz begehrt – für den, der genug Geld hat. Ohne diese kapitalistischen Märkte würde wohl alles zusammenbrechen.

SeoulEs klingt paradox. Aber Hunderte von kapitalistischen Märkten, jeder davon mit Tausenden Verkaufsständen, halten Nordkoreas sozialistische Planwirtschaft zusammen, wie Abtrünnige sagen. Sie selbst haben einst alles Mögliche in Nordkorea verkauft, um sich damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen von medizinischen Kräutern über modische Jeans und Fernseher bis hin zu CDs mit ausländischen Filmen.

„Leute sagen, dass es auf nordkoreanischen Märkten alles gibt. Und das ist wirklich so“, schildert der 31-jährige Cha Ri Hyuk, der sich 2013 nach Südkorea absetzte. „Wenn Nordkorea Märkte schließt, wird es auch zusammenbrechen.“

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Pjöngjang toleriert einige der Marktaktivitäten und hat manche besteuert, seit die staatlichen Rationierungssysteme im Zuge der wirtschaftlichen Krise und Hungersnot Mitte der 1990er Jahre abbröckelten. Die wirtschaftliche Spritze durch diese Märkte hat Staatschef Kim Jong Un geholfen, die Macht in der Hand zu behalten und seine atomaren Ambitionen voranzutreiben. Das harsche politische System im Land - unter Einschluss der Pjöngjang zur Last gelegten Menschenrechtsverstöße – sind bisher weitgehend unberührt geblieben.

Aber manche politische Analysten meinen, dass die Marktaktivitäten dem Land langsam neue Denkweisen einflößen, die irgendwann die eiserne Faust des Regimes lockern könnten. „Es sieht so aus, als würden potenzielle Kräfte, die die nordkoreanischen System fundamental erschüttern könnten, wachsen“, sagt Lim Eul Chul, ein Nordkorea-Experte an der südkoreanischen Kyungnam-Universität.

Satellitenfotos und Angaben von Abtrünnigen deuten darauf hin, dass es mittlerweile 400 zumeist unter freiem Himmel operierende Märkte gibt, die „jangmadang“. Der Staat hat in Abständen immer mal wieder versucht, ein zu starkes Anwachsen zu verhindern, indem etwa Öffnungszeiten beschränkt und es jungen Leuten verboten wurde, dort zu arbeiten. Aber solche Maßnahmen werden oft später wieder aufgehoben, wie Nordkorea-Experten sagen.

Den härtesten Schritt gab es 2009, als die Währung neu bewertet wurde und Bürger nur eine begrenzte Zahl von alten Banknoten eintauschen durften – ein Versuch, immer stärker Fuß fassenden Schwarzmarkthandel zu unterbinden und die Kontrolle über die Wirtschaft zu sichern. Aber seit Kim nach dem Tod seines Vaters Ende 2011 an die Macht kam, sind keine ernsthaften Schritte zur Beschränkung der kapitalistischen Märkte mehr unternommen worden. Kim hat versprochen, den öffentlichen Lebensunterhalt zu verbessern, und zugleich steckt er jede Menge Geld in Waffenprogramme.


Pjöngjang darf den Märkten nicht schaden

Nordkorea gestattet es internationalen Medien sehr selten, sich vor Ort ein Bild von den Märkten zu verschaffen. Aber die Nachrichtenagentur AP hatte 2004 die Gelegenheit, Pjöngjangs stark bevölkerten Tongil-Markt zu filmen, wo ordentlich uniformierte Händler ein reiches Warensortiment feilboten: Bananen, Fisch, Gemüse, Damenunterwäsche, Schuhe und Tennisschläger, um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen. Am größten, so heißt es, ist der Markt Pyongsong nahe Pjöngjang.

Die in den „jangmadang“ angebotenen Artikel sind daheim produziert, importiert oder auch ins Land geschmuggelt, aus China, Südkorea und allen anderen möglichen Ländern. In Südkorea angefertigte Bekleidung, Schuhe und CDs mit Seifenopern sind besonders populär, auch wenn es im Norden verboten ist, vom Erzrivalen hergestellte Waren zu verkaufen. Es gibt zwar regelmäßig Razzien, aber das hat die Nachfrage nicht gedämpft.

„Egal, wie hoch die Preise waren, die ich für südkoreanische Kleidungsartikel genannt habe, sie waren alle immer ausverkauft“, sagt Lee O.P., die ihre Ware auf einem Markt im Nordosten anbot und im Dezember 2014 nach Südkorea gekommen ist. Sie wollte aus Sorge um die Sicherheit in Nordkorea zurückgebliebener Verwandter nur die Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens genannt wissen.

Die Märkte haben den Nordkoreanern einen Geschmack von ausländischer Kultur gegeben, ihre Abhängigkeit von einer Regierung verringert, die sie nicht länger ernährt und eine neue Kluft zwischen Arm und Reich geöffnet hat. Es gibt wenig Hinweise darauf, dass die autoritäre Herrschaft im Land geschwächt ist, aber Pjöngjang, so sagen Experten, muss zugleich wirtschaftliche Maßnahmen vermeiden, die den Märkten schaden könnten.

Lee O.P. ist erstaunt über die sozialen Leistungen, die ihr und anderen unterprivilegierten Menschen in Südkorea zuteil werden. „Für mich ist es so, als ob Nordkorea ein kapitalistisches Land und Südkorea sozialistisch ist“, sagt sie. „In Nordkorea bleibt dir nichts anderes übrig als zu sterben, wenn du kein Geld hast.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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