Nordkoreanischer Botschaftsmitarbeiter taucht ab: Vom Diplomaten zum Überläufer

Nordkoreanischer Botschaftsmitarbeiter taucht ab: Vom Diplomaten zum Überläufer

, aktualisiert 17. August 2016, 15:09 Uhr
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In Seoul verflogen die Südkoreaner die Nachricht von der Flucht des Diplomaten.

von Kerstin Leitel und Martin KöllingQuelle:Handelsblatt Online

In London ist Medienberichten zufolge ein hochrangiger Diplomat aus der nordkoreanischen Botschaft untergetaucht. Im Westen und in Südkorea hoffen die Geheimdienste auf einen wertvollen Informanten. Nordkorea schweigt.

London, TokioEin hochrangiger Diplomat von Nordkorea in London ist Medienberichten zufolge geflüchtet. Der Mitarbeiter der Botschaft hat sich mit seiner Frau und seinem Sohn nach Südkorea abgesetzt, wie die nationale Nachrichtenagentur Yonhap am Mittwoch unter Berufung auf das Vereinigungsministerium in Seoul berichtete. Laut BBC handelt es sich dabei um Thae Yong Ho. Er habe seit zehn Jahren in Großbritannien gelebt und war einer der fünf Mitarbeiter der Botschaft.

Der Sohn des Diplomaten war im Westen Londons zur Schule gegangen, doch Mitte Juli auf einmal weg. „Er war jeden Tag auf Facebook und WhatsApp unterwegs“, sagte ein 19-jähriger Klassenkamerad dem „Guardian“. „Jetzt sind alle seine Social-Media-Accounts weg. Wir haben uns wirklich Sorgen um ihn gemacht, haben alle versucht, ihn anzurufen. Es war geblockt. Er war ein guter Kumpel. Und er ist einfach verschwunden.“

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Den Medien gegenüber wollten weder die nordkoreanische Botschaft, noch das britische Außenministerium die Informationen kommentieren. Doch er ist nicht der einzige Überläufer. Seoul statt Pjöngjang, südkoreanische Demokratie statt nordkoreanische Diktatur – in diesem Jahr sind bereits 814 Nordkoreaner nach Südkorea geflüchtet, 15 Prozent mehr als im Jahr zuvor, wie Reuters unter Berufung auf Angaben des südkoreanischen „Ministeriums für Vereinigung“ berichtet. Meist flüchten sie trotz der Gefahren für sich und die Daheimgebliebenen über die nördliche Landesgrenze nach China ab. Hin und wieder nutzen sie Auslandsaufenthalte, um sich abzusetzen.

Thae ist dabei einer der prominentesten Überläufer. Ihm kam wohl zugute, dass er in seiner Position Ansprechpartner für britische Journalisten war, die nach Nordkorea reisen wollten. Aber höhere Wellen schlugen jüngst 13 Restaurantangestellte, die im April aus der chinesischen Hafenstadt Ningbo flohen.

Nordkorea nutzte die Flucht, um Südkorea mit einem tränenreichen Auftritt der Angehörigen der Entführung zu beschuldigen. Dabei hat Nordkorea in der Vergangenheit Südkoreaner und Japaner entführt. Auch in Südkorea kursierte dieser Verdacht. Normalerweise werden Flüchtlinge in einer Einrichtung drei Monate auf ihr Leben im Süden vorbereitet. Doch Südkoreas Geheimdienst hielt die Gruppe „in seinem Schutz“ wie die Nachrichtenagentur Yonhap schrieb.

Als Grund wurde genannt, dass die Flüchtlinge von Nordkoreas Propaganda instrumentalisiert wurden. Erst am Dienstag gab das Vereinigungsministerium bekannt, dass das Restaurantpersonal bereits begonnen habe, sich in Südkorea an einem ungenannten Ort niederzulassen.


Interesse der Geheimdienste

Auch Thae dürfte sich zuerst in der Obhut von südkoreanischen Spionen wiederfinden. Denn der Geheimdienst wird versuchen, von ihm Informationen über das Vorgehen und die Pläne von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un zu erhalten – sowie über die Stimmung in Nordkoreas Elite. Denn bisher weiß niemand genau, ob die Loyalität zur Führung doch bröckelt, nachdem die Vereinten Nationen im März die Sanktionen drastisch verschärft haben.

Allerdings wäre es vermessen, aus den Fluchten auf einen baldigen Zusammenbruch des Regimes zu schließen. Nicht nur ist die Zahl der Abtrünnigen geringer als noch vor wenigen Jahren. Auch scheint das Regime weiterhin handlungsfähig zu sein und selbstbewusster zu werden.

So testet Nordkorea nicht nur Atombomben, sondern mit Hochdruck auch atomwaffenfähige Raketen für den Abschuss von Land oder aus U-Booten. Darüber hinaus spricht das Regime auch gerne über seine Versuche.

Seit der Machtübernahme Kim Jong Uns von seinem verstorbenen Vater im Jahr 2011 habe es einen bemerklichen Wandel in der Außendarstellung gegeben, meint der israelische Raketenexperte Uzi Rubin – „von enthusiastisch Undurchsichtigen unter dem verstorbenen Kim Jong Il zu der geradezu überschäumenden Transparenz unter Kim Jong Un.“

Ein weiteres Beispiel dafür lieferte am Mittwoch Nordkoreas Atomenergieinstitut. Erstmals beantwortete das Institut Fragen eines ausländischen Mediums, genauer gesagt der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo. Die Botschaft: Nordkorea habe die Plutoniumproduktion begonnen und keine Absichten, seine Atombombentests zu stoppen.

Auch wird das Land immer weiter für westliche Touristen geöffnet. Erst vorige Woche verlautbarte die nordkoreanische Reiseagentur Koryo Tours in China, dass erstmals ein US-Bürger die Stadt Sinuiju an der Grenze zu China besuchen durfte. Nordkoreas Machthaber scheinen sich sicher zu fühlen, wenn sie Touristen nun auch in Provinzstädte reisen lassen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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