Obamas Vermächtnis: Von wegen Held der Afroamerikaner

Obamas Vermächtnis: Von wegen Held der Afroamerikaner

, aktualisiert 06. Januar 2017, 20:57 Uhr
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Die Meinungen unter den Afroamerikanern über US-Präsident Barack Obama gehen weit auseinander.

Quelle:Handelsblatt Online

Barack Obama war der erste afroamerikanische US-Präsident. Das Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß war auch ein Brennpunkt während seiner achtjährigen Regierungszeit. Doch viele sind von seinem Handeln enttäuscht.

ChicagoBarack Obama zog als eine Art lebendes Symbol ins Weiße Haus ein: der erste afroamerikanische Lenker der mächtigsten Nation der Welt. Das Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß wurde auch zu einem Brennpunkt in seiner Regierungszeit. Jetzt, nach acht Jahren, am Ende seiner Amtszeit: Wie sieht Obamas Bilanz bei diesem Thema aus? Das Vermächtnis, das er hinterlässt, ist so kompliziert wie der Präsident selbst.

Für viele war Obamas Wahl ein großer Schritt vorwärts auf dem Weg zur Verwirklichung des Traums von einer Gesellschaft, die den Rassismus überwunden hat. Eine Rekordzahl von Afroamerikanern, zusammen mit Latinos und Asiatischstämmigen, gab ihm 2008 ihre Stimme – voller Erwartung, dass seiner Botschaft der Hoffnung und des Wandels auch entsprechende Aktionen folgen.

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Manche sagen, dass er dies auch getan hat. Sie verweisen darauf, dass Obama Strafrechtsreformen einleitete – mit mehr Gerechtigkeit für Minderheiten, Hunderttausende Migranten vor der Abschiebung bewahrte, eine Gesundheitsreform durchsetzte, die Millionen von Schwarzen und Latinos eine Krankenversicherung ermöglichte. Obama brachte auch ethnische Vielfalt in sein Kabinett, darunter die ersten beiden afroamerikanischen Justizminister.

Für viele lag die größte Bedeutung von Obamas Präsidentschaft aber nicht darin, was er in die Tat umsetzte: Sie lag in seiner schieren Präsenz im Oval Office. Selbst wenn er als Präsident niemals etwas für die Afroamerikaner getan hätte, „sehen wir uns allein durch die Tatsache, dass er das Weiße Haus bewohnt hat, selber in einem anderen Licht“, formuliert es Loretta Augustine-Herron. Sie arbeitete in den 198Oern an der Seite Obamas, als er Gemeindeorganisator in Chicago war.

Viele Schwarze spenden Obama auch Beifall dafür, wie ruhig er auf die vielen Demütigungen reagierte, mit denen er es als erster Präsident mit dunkler Hautfarbe zu tun hatte. Da gab es zum Beispiel die „Birther“-Bewegung, die fälschlicherweise verbreitete, Obama sei in Afrika geboren. Oder Fotos, die ihn als afrikanischen Medizinmann darstellten und rassistische Schimpfwörter. „Bei uns in Alabama gibt es ein Sprichwort, das besagt, wenn du mit einem Schwein kämpfst, vergnügt sich das Schwein und du bist derjenige, der dreckig wird“, sagt Glennon Threatt, ein Pflichtverteidiger in Birmingham. „Der Präsident hat sich nicht in den Schmutz begeben.“

Aber umgekehrt gibt es eine Reihe von Schwarzen, die von Obama mehr erwartet haben, von ihm enttäuscht sind. Sie meinen, dass er das Rassenthema nicht schnell oder stark genug angesprochen und nicht entschieden genug für eine Reform der Einwanderungsgesetze gekämpft habe.


Obama, der Prediger des Konsens

Umfragen zufolge glauben sowohl Schwarze als auch Weiße, dass sich die Beziehungen zwischen beiden Bevölkerungsgruppen unter Obama verschlechtert haben. Bezeichneten etwa in einer Erhebung der „New York Times“ und des Senders CBS im April 2009 66 Prozent der befragten Amerikaner das Verhältnis als generell gut, kamen im vergangenen Sommer 69 Prozent zum gegenteiligen Schluss.

Diese Spaltung vollzog sich vor dem Hintergrund wachsender Proteste und Empörung über Polizeigewalt gegen Schwarze und der Entstehung der Bewegung „Black Lives Matter“ (Schwarze Leben zählen).

Einige weiße Kritiker kreiden Obama an, dass er manchmal parteiisch gewesen sei – etwa im Fall des von einem weißen Nachbarschaftswächters erschossenen schwarzen Teenagers Trayvon Martin. Trayvon hätte sein Sohn sein können, hatte Obama seinerzeit gesagt. Manche schwarze Aktivisten wiederum finden, dass Obam Polizeigewalt gegen Schwarze nicht scharf genug verurteilt habe.

Der Präsident ist im Zuge wachsender Spannungen zwischen der Polizei und schwarzen Bürgern lautstärker geworden. Aber das hat Alicia Garza, Mitbegründerin von „Black Lives Matter“, nicht ausgereicht. Sie hält dem Präsidenten vor, zu stark den Konsens gepredigt als auf Ungerechtigkeiten aufmerksam gemacht zu haben. „Das wirklich Enttäuschende und Frustrierende ist, dass das praktisch impliziert, dass es zwischen schwarzen Gemeinden und den Strafverfolgern faire Grundbedingungen gibt.“

Und nun kommt Donald Trump, der einstige Anführer der „Birther“-Bewegung, in den Augen vieler die Personifizierung des Gegenpols zu einer farbenblinden Gesellschaft. Dass er sich bei der Wahl stark auf weiße Wähler gestützt hat, ist ein scharfer Kontrast zu der ethnisch vielfältigen Koalition, die Obama beide Male zum Sieg verhalf.

„Präsident Obama repräsentiert das Gesicht der Zukunft“, meint Fredrick Cornelius Harris, Direktor des Zentrums für afroamerikanische Politik und Studien an der Columbia University. „Und in den nächsten Jahrzehnten wird es einen Kampf zwischen den beiden Gesichtern Amerikas geben.“

Was die Gesamtbilanz der Obama-Ära betrifft, gibt es nach Ansicht des Professors kein einfaches Narrativ. Zwar sei das Wahlergebnis 2016 zum Teil als Absage an Obama zu verstehen, aber auf der anderen Seite seien die Sympathiewerte für ihn in Umfragen hoch. „Er war ein Held für die afroamerikanische Gemeinschaft“, sagt Harris. „Er hat trotz starker Opposition Führungskraft gezeigt. Er war standfest, blieb auf Kurs, und die Menschen haben ihn als jemanden gesehen, der über den Dingen stand. Das wird das dauerhafte Vermächtnis von Obama sein.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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