Präsidentschaftswahl in Frankreich: Der Außenseiter macht das Rennen

Präsidentschaftswahl in Frankreich: Der Außenseiter macht das Rennen

, aktualisiert 18. November 2016, 08:23 Uhr
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Der französische Ex-Premier hat gute Chancen, die Urwahl der Konservativen zu gewinnen.

von Thomas HankeQuelle:Handelsblatt Online

Vor dem ersten Wahlgang wird die Kandidatensuche der Konservativen in Frankreich spannend. Bei der dritten Fernsehdebatte kann sich im Windschatten von Juppé und Sarkozy ein dritter Politiker nach vorne arbeiten.

ParisFrançois Fillons Mischung aus ruhigem Auftreten, sonorer Stimme und radikalen Reformen, wie dem Abbau von 600.000 Stellen im öffentlichen Dienst, scheint bei den konservativen Wählern gut anzukommen. Umfragen zufolge hat er mittlerweile gute Chancen, die Urwahl zu gewinnen.

Bei der dritten Debatte zwischen den sieben konservativen Kandidaten am Donnerstagabend ging es vor allem um Außen- und Europapolitik. Mit Trump wollte sich keiner anlegen, und fast alle legten großen Wert auf gutes Einvernehmen mit den Russen. Fillon tat alles dafür, seine Position weiter zu verbessern. Wie immer bei solchen Diskussionen ging es für alle Politiker um zwei Dinge: Das eigene Programm möglichst klar rüberbringen und sich gleichzeitig durch das eigene Auftreten, die Körpersprache und die Reaktion auf die Mitbewerber als natürliche Führungsfigur zu präsentieren.

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Alain Juppé und Nicolas Sarkozy wirkten gehemmt, hatten offenbar Angst, durch eine überzogene Reaktion, ein arrogant wirkendes Wort, alles verspielen zu können. Juppé, der lange als sicherer Sieger der Primärwahl galt, ist verunsichert durch die jüngsten Umfragen, bei denen er kontinuierlich zurückgefallen ist. Im ersten Wahlgang liegt er mittlerweile praktisch gleichauf mit Sarkozy und Fillon, im zweiten würde den Erhebungen zufolge die Entscheidung zwischen ihm und Fillon sehr knapp, während Sarkozy von beiden Mitbewerbern geschlagen würde. Die Souveränität, die Juppé noch in den ersten beiden Debatten ausstrahlte, war am Donnerstag verflogen.

Sarkozy versuchte in dieser dritten Debatte erneut seine klassische Masche, sich als der Mann mit viel Erfahrung darzustellen, der die Weltwirtschaftskrise 2008/09 meistern musste und als einziger Frankreich in einer gefährlichen Welt vertreten kann. „Frankreich werden keine Geschenke mehr gemacht“, war einer seiner Schlüsselsätze, und „ich habe die Kraft, die Ausdauer und die Erfahrung, um Frankreich zu führen.“ Doch ein Funke sprang nicht über.

Fillon, Premier unter Sarkozy, hat seine Umfragewerte in nur drei Wochen verdoppelt. Sein Programm ist, was die Verschlankung des Staates angeht, radikaler als das der anderen. Er will alle Staatsdiener zwingen, statt 35 künftig 39 Stunden zu arbeiten. Was Europa angeht, ist er realistischer als Sarkozy und Juppé: Er will keinen neuen Vertrag wie der erste und keine „feierliche Erklärung“ wie der zweite, um „Europa neuzugründen“, wie beide unisono sagen. Er will lediglich die Eurozone stärken durch eine Art Regierung, die aber allein aus den monatlich tagenden Staats- und Regierungschefs bestehen soll.


Franzosen sind Politik-Junkies

Bei derartigen Debatten stellt man immer wieder fest, welch hohes Niveau die öffentliche politische Rede in Frankreich hat. Das gilt nicht immer für die Qualität der Vorschläge. Die sind sorgfältig austariert, um ein konservatives Publikum nicht zu stören: So kommen bei der Debatte über das Gesundheitswesen nie die teils schamlos hohen Arzthonorare zur Sprache. Und bei Bildung und Ausbildung wird von keinem Teilnehmer die Diskriminierung in der Banlieue erwähnt. Doch alle Teilnehmer drücken sich geschliffen aus, bringen ihre Gedanken pointiert auf den Punkt, können polemisieren, ohne zu verletzen, verhaspeln sich nicht. Verständlich, dass die Franzosen Politik-Junkies sind.

Doch auch für sie dürfte es schwer sein, nach zweieinhalb dicht gefüllten Stunden zu entscheiden, wer nun den besten Vorschlag zu Syrien hat, die Schule am besten reformieren will oder die europäische Verteidigung glaubhaft voranbringen kann. Bei dem Thema wurde übrigens von fast allen Kandidaten Deutschland vorgeworfen, zu wenig zu tun und sich wie ein Trittbrettfahrer zu verhalten.

Einer der Schlüsselmomente kam gegen Ende der Sendung. Die Moderatoren hatten geplant, dass eine Viertelstunde lang die Kandidaten sich gegenseitig befragen sollten. Fillon nahm ihnen einfach das Konzept aus der Hand. „Sie unterbrechen uns hier dauernd, wenn es um äußerst wichtige Fragen geht, über zentrale Probleme wie das Gesundheitswesen haben wir überhaupt nicht gesprochen, ich möchte jetzt darüber reden, statt untereinander zu diskutieren.“ Sprach‘s und tat es, die anderen folgten ihm. In diesem Moment übernahm er die Regie – und nahm die Rolle des Chefs ein. Nicht ausgeschlossen, dass solche Szenen die Zuschauer stärker beeindrucken als alle Details der Umstellungen beim Sozialsystem.

Am 20. November ist der erste Wahlgang, eine Woche später die Stichwahl zwischen den beiden Bestplatzierten. Der Sieger wird mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Frankreichs neuer Präsident. Denn weder einer der Vertreter der Linken, noch die rechtsextreme Marine Le Pen, noch der unabhängige Emmanuel Macron haben ähnlich gute Aussichten wie ein Kandidat der Konservativen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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