Reise-Rekord: Der Sommer der Griechen

, aktualisiert 16. September 2017, 14:01 Uhr
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Griechenland könnte in diesem Jahr die Marke von 30 Millionen-Besuchern knacken.

von Gerd HöhlerQuelle:Handelsblatt Online

Die Hoteliers in Hellas werden 2017 mehr ausländische Gäste als je zuvor beherbergen – nicht zuletzt wegen der Tourismus-Flaute in der Türkei. Freuen können sich die Griechen über die Krise bei den Nachbarn aber nicht.

„Wenn wir doch nur mehr Betten hätten“, stöhnt Alkis Kanelis. Gemeinsam mit seiner Schwester betreibt der 38-Jährige eine Familienpension auf der Insel Rhodos. „Seit April sind wir praktisch durchgehend ausgebucht.“ Täglich muss er Gäste abweisen – kein Zimmer frei. „Wir sind bis weit in den Oktober fast voll belegt“, berichtet der Unternehmer und freut sich: „Das wird unser bestes Jahr.“

Griechenland steht vor einem neuen Reise-Rekord. Nachdem die Hellenen bereits 2016 mit 27,8 Millionen Besuchern mehr Gäste als je zuvor begrüßten, könnte in diesem Jahr die 30-Millionen-Marke geknackt werden. Nach Angaben der griechischen Zentralbank stieg die Zahl der ausländischen Besucher in den ersten sechs Monaten gegenüber dem Vorjahr um 6,6 Prozent. Die Erlöse aus dem Tourismus wuchsen sogar um 7,1 Prozent. Im Sommer hat sich das Wachstum weiter beschleunigt: In den Monaten Juni bis August lag die Zahl der ankommenden Passagiere auf den griechischen Flughäfen um 9,7 Prozent über dem Vorjahreswert.

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Auch die Aussichten für die Nachsaison sind gut. Nach Daten des Verbandes der griechischen Touristikunternehmen (Sete) bieten die Linien- und Charterfluggesellschaften im September 310.000 mehr Plätze als im Vorjahr an. Das entspricht einem Zuwachs von 13 Prozent. Für den Oktober haben die Airlines die Kapazitäten im Griechenland-Verkehr gegenüber 2016 sogar um knapp 19 Prozent erhöht. Giannis Retsos, Präsident des Touristikverbandes Sete, erwartet, dass die Einnahmen aus dem Fremdenverkehr von 13,2 Milliarden Euro 2016 in diesem Jahr auf mehr als 14 Milliarden steigen werden.

Damit entwickelt sich der Tourismus immer mehr zu einer starken Lokomotive, die Griechenlands Wirtschaft aus der Krise zieht. Seit Beginn der Rezession im zweiten Halbjahr 2008 hat das Land mehr als ein Viertel seiner Wirtschaftskraft verloren – die tiefste und längste Rezession, die ein europäisches Land in Friedenszeiten durchmachen musste. Nun geht es endlich wieder aufwärts. Nach Berechnungen des griechischen Statistikamtes Elstat legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den beiden ersten Quartalen 2017 gegenüber den Vorquartalen jeweils um 0,5 Prozent zu. Für das Gesamtjahr erwartet Ministerpräsident Alexis Tsipras ein Wirtschaftswachstum „in der Größenordnung von zwei Prozent“.

Der Tourismus spielt dabei als Wirtschaftsfaktor eine immer größere Rolle. Steuerte er zu Beginn der Krise 2010 noch 15,6 Prozent zum BIP bei, waren es 2016 nach Berechnungen des World Travel & Tourism Council (WTTC) bereits 18,6 Prozent. Aktuell entfallen auf dem Fremdenverkehr direkt zwölf und mittelbar 25 Prozent der Arbeitsplätze in Griechenland. Volkswirte der griechischen Alpha Bank prognostizieren für 2017 einen Anteil des Tourismus an der Wirtschaftsleistung von 19,6 Prozent. 2018 soll er auf 20,7 Prozent steigen.

Vor allem bei deutschen Urlaubern steht Griechenland in diesem Jahr hoch im Kurs. Kein anderes Reiseland gewinne in absoluten Umsatzzahlen so stark, ermittelte das Marktforschungsunternehmen GfK. Griechenland ist nach den Balearen zum zweitstärksten Urlaubsziel im deutschen Markt aufgestiegen, berichten Branchenexperten.

Was die Türkei-Krise für Griechenland bedeutet

Vielerorts wird das Gedränge der Touristen den Griechen bereits zu groß. Auf der Kykladeninsel Santorin etwa sehen sich die rund 25.000 Einwohner in diesem Jahr einem Ansturm von rund zwei Millionen Besuchern ausgesetzt. Auf der Insel wird bereits diskutiert, die Gästezahlen zu begrenzen. Bürgermeister Nikos Zorzos sagt, die Insel habe ihren „Sättigungspunkt“ erreicht. Er fordert einen Baustopp.

Die steigenden Gästezahlen verdanken die griechischen Hoteliers nicht zuletzt der Tourismus-Flaute in der benachbarten Türkei. Vor allem deutsche Urlauber meiden Anatolien. Waren es 2016 die Welle von Terroranschlägen, der Putschversuch und die darauf folgenden politischen Turbulenzen, die viele Reisende verunsicherten, kommt nun die Welle von Festnahmen deutscher Staatsbürger als abschreckender Risikofaktor hinzu. Die Griechen profitieren davon. Vor allem deutsche Urlauber weichen nach Hellas aus.

Freude über die Schwierigkeiten der türkischen Kollegen herrscht in der griechischen Tourismusbranche aber nicht. Denn die Krise im Nachbarland beschert auch den Griechen Einbußen – nämlich im Geschäft mit Kreuzfahrttouristen. Wegen der Terrorwelle in der Türkei begannen 2016 die großen Kreuzfahrtreedereien, um türkische Häfen wie Istanbul, Kusadasi, Marmaris und Bodrum einen Bogen zu machen. Inzwischen haben die Reedereien mehrere Schiffe ganz aus dem östlichen Mittelmeer abgezogen. Darunter leiden auch die griechischen Inseln, die meist zusammen mit den türkischen Destinationen angelaufen wurden.

Nach einer Prognose des griechischen Kreuzfahrt-Branchenverbandes EEKFN werden in diesem Jahr in den griechischen Häfen Kreuzfahrtschiffe nur 3260 Mal festmachen, gegenüber 4290 Ankünften im vergangenen Jahr – ein Rückgang von 24 Prozent. So werden auf Santorin statt 572 Kreuzfahrtschiffen im Vorjahr jetzt nur 412 erwartet. In Mykonos werden voraussichtlich 488 Schiffe anlegen, nach 596 im Vorjahr. Auf der Insel Patmos erwartet man 115 Kreuzfahrtschiffe – 2016 kamen noch 147. Unter dem Strich wird die Zahl der Kreuzfahrttouristen in Griechenland in diesem Jahr auf 4,4 Millionen zurückgehen, von 5,2 Millionen im Vorjahr. Das bedeutet eine spürbare Einbuße für die Tavernenwirte, Andenkenhändler und Juweliere auf den griechischen Inseln.

Für 2018 rechnen Experten aber mit einer Erholung. Die Nachfrage nach Kreuzfahrten steigt kontinuierlich, und nachdem die Terrorwelle in der Türkei abgeebbt ist, dürften die Reeder wieder häufiger das östliche Mittelmeer ansteuern. Mit etwas Glück verzeichnen die Griechen dann den nächsten Reise-Rekord.

Quelle:  Handelsblatt Online
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