Skandal in Paris: Frankreichs Politik – ein Hort für Grapscher?

Skandal in Paris: Frankreichs Politik – ein Hort für Grapscher?

, aktualisiert 11. Mai 2016, 17:00 Uhr
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Französische Politikerinnen wollen nicht länger über sexuelle Belästigung schweigen.

von Thomas HankeQuelle:Handelsblatt Online

Finanzminister Sapin soll einer Journalistin an den Slip gefasst haben. Dem Grünen-Abgeordneten Baupin werfen gleich acht Frauen sexuelle Belästigung vor. In Frankreichs Politikszene ist das offenbar keine Ausnahme.

ParisDie Zeit, in der französische Politiker ihre Kolleginnen oder Mitarbeiterinnen ungestraft sexuell belästigen konnten, scheint abzulaufen. Gegen Denis Baupin, einen Abgeordneten der Grünen, der Vizepräsident der Nationalversammlung ist, erheben jetzt acht Abgeordnete oder Angestellte der Grünen schwere Vorwürfe. Baupin habe sie begraptscht, versucht, sie zum Sex zu zwingen und, nachdem sie sich weigerten, bedroht: „Du kriegst nie wieder einen Job in unserer Fraktion!“ Acht Frauen meldeten sich nach einer Recherche des Online-Mediums Mediapart und des französischen Radios France Inter zu Wort.

Im Zuge dieses Skandals kommt es noch zu ganz anderen Enthüllungen. Der französische Finanzminister Michel Sapin hat sich für sein „unangemessenes Verhalten“ gegenüber einer Journalistin entschuldigt. Sapin wehrte sich auf einer Pressekonferenz gegen „verleumderische Behauptungen“.

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In einem gerade veröffentlichten Buch wird eine Szene vom World Economic Forum in Davos 2015 geschildert. Eine Journalistin habe sich gebückt, um einen Stift aufzuheben, dabei sei ihr Rock hochgerutscht, woraufhin Sapin gerufen habe: „Oh, was zeigen Sie mir denn da!“ Anschließend habe er an ihrem Slip gezogen.

Sapin bezeichnete das als frei erfunden. Später schickte er aber ein Kommuniqué an die Agentur AFP, in dem er sich für „mein unangemessenes Verhalten“ entschuldigt: Er habe während des fraglichen Vorfalls eine Journalistin „auf ihre Kleidung“ angesprochen und sie dabei „am Rücken berührt“. Die Journalistin sei empört gewesen, habe eine Entschuldigung von ihm verlangt.

„Allein schon die Empörung der Dame zeigt, dass mein Verhalten falsch war“, gab sich der Minister reumütig. Bei einem Gespräch mit ihr habe er sie um Verzeihung gebeten. Sein Verhalten tue ihm immer noch leid. Sapin ist offenbar bemüht, den fraglichen Vorfall so schnell wie möglich von dem Skandal um Baupin zu trennen. Seine Schilderung wird mehr oder weniger gestützt von der Version, die eine Frauenvereinigung namens „Pfoten weg!“ veröffentlicht: Danach hat Sapin der Journalistin an den Rücken gefasst, aber weder ihren Slip noch ihren Po berührt.

Der Fall Baupin löst in Frankreich nicht nur eine mediale Lawine aus. Es hat den Anschein, als würden nun mehr Frauen, die in der politischen Szene Opfer von Belästigung werden, ihr Schweigen brechen. Die Abgeordnete Sandrine Rousseau sagte Mediapart, sie sei schon 2011 im Vorort von Montreuil am Rande einer Versammlung der Grünen von Baupin belästigt worden.

„Auf dem Gang zu den Toiletten kam er hinter mir her, drückte mich gegen die Wand, fasste mir an die Brust und versuchte, mich zu küssen.“ Sie habe ihn weggestoßen und sei wieder in den Sitzungssaal gegangen. Völlig verstört von dem Zwischenfall habe sie einen Kollegen informiert, der habe nur gesagt: „Ach, fängt er schon wieder an!“ Da sie noch völlig neu in der Fraktion gewesen sei und Baupin ein wichtiger Funktionär, habe sie aus Angst vor Repressalien den Fall nicht angezeigt.


„Willst Du meine Geliebte sein?“

Die Abgeordnete Isabelle Attard sagte Mediapart, Baupin habe sie mit SMS bombardiert, die stets sehr explizit waren: „Ich liebe es, wie Du die Beine übereinander schlägst“, oder auch „Willst Du meine Geliebte sein?“ Ihre Aufforderung, sofort aufzuhören, habe Baupin nur mit „Du wehrst Dich? Das gefällt mir“ beantwortet. Aus Angst vor Tätlichkeiten habe sie jeden Kontakt mit Baupin vermieden.

Auch Elen Debost, grüne Mitarbeiterin des Bürgermeisters von Le Mans, ist nach eigener Aussage von Baupin verfolgt worden. Er habe ihr eine sexuelle Beziehung vorgeschlagen, was sie ablehnte. Daraufhin habe Baupin ihr rund 100 SMS geschickt. Sie sei sicher eine tolle Domina, habe Baupin ihr geschrieben, er liebe dominante Beziehungen. Mal textete der Politiker auch schlicht: „Ich will deinen Hintern sehen!“ Nach ein paar Wochen habe der Grüne sein SMS-Feuerwerk endlich eingestellt.

France Info und Mediapart forderten Baupin mehrfach dazu auf, Stellung zu nehmen. Der weigerte sich und ließ seinen Anwalt lediglich vorsorglich eine Abmahnung verfassen, falls die Medien etwas über ihn veröffentlichen sollten. Mittlerweile hat er eine Strafanzeige wegen Verleumdung angedroht. Baupin ist mit der grünen Ministerin für Wohnungsbau verheiratet. Die beschränkte sich bislang auf eine Stellungnahme mit dem Inhalt, die Justiz müsse den Fall klären.

Sexuelle Belästigung ist in Frankreich ein eigener Straftatbestand, anders als in Deutschland. In schweren Fällen sind Haftstrafen vorgesehen. Dennoch äußern sich nun zahlreiche Frauen, die sagen, sie seien „Freiwild“ in den Parteien. Andere sprechen von einer „Omertà“ im politischen Raum.

Während in Unternehmen sexuelle Belästigung nicht häufig vorkomme und schnell zur Anzeige gelange, herrschten in der Politik andere Gesetze: Zwischen den Männern entstünden über Jahre hinweg Seilschaften, man laufe sich immer wieder über den Weg, die Hemmungen gegenüber Kolleginnen oder Mitarbeiterinnen verschwänden. Aus Furcht vor beruflichen Nachteilen traue sich niemand, mit der Wahrheit herauszurücken.

Der Fall Baupin erinnert an den des früheren Ministers und sozialistischen Hoffnungsträgers Dominique Strauss-Kahn. Erst nachdem ihn in New York ein Zimmermädchen anzeigte, kamen frühere Fälle von sexueller Belästigung an die Öffentlichkeit, die offenbar einer ganzen Reihe von Freunden oder Kollegen bekannt waren. Doch geredet hatte niemand.

„DSK“, wie er genannt wird, sei immer davon ausgegangen, dass ihm alles erlaubt sei, berichteten Leute, die ihn kennen. Im Prozess gegen DSK wegen angeblicher Zuhälterei mit belgischen Prostituierten bestätigte er ungewollt, dass er sich für jemanden hält, für den andere Regeln gelten: „Angesichts der Bedeutung meiner Person habe ich angenommen, dass alle fraglichen Frauen von sich aus Sex mit mir haben wollten.“

Nach dem DSK-Skandal, der bereits vor fünf Jahren Frankreich erschütterte, hatte man angenommen, die Zeiten hätten sich geändert. Doch vielleicht hatte das Verfahren, das mit einem Freispruch endete, genau den entgegengesetzten Effekt auf viele Frauen, nach dem Motto: Am Ende sind die Politiker doch stärker. Der Fall Baupin könnte aber, sollten die Vorwürfe vor Gericht erhärtet werden, ganz anders ausgehen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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