Terrorismus: Inkompetenz und Schlamperei im Kampf gegen den IS

Terrorismus: Inkompetenz und Schlamperei im Kampf gegen den IS

, aktualisiert 02. Februar 2017, 11:30 Uhr
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Nach solchem Propagandamaterial des IS suchen die Analysten im Netz. Wenn sie fündig werden, versuchen sie die Nutzer vom Beitritt zur Terrormiliz abzuhalten.

Quelle:Handelsblatt Online

Die Idee klingt machbar: Analysten mit Arabischkenntnissen beobachten die Sozialen Medien und bekehren Menschen, die sich dem IS anschließen könnten. Doch Wortschatz, Alkohol und Geldgier blockieren die Mission.

TampaDer Terrormiliz Islamischer Staat mögliche Rekruten in den Sozialen Medien wegschnappen - das ist einfach gesprochen die Idee eines seit mehreren Jahren laufenden Programms des US-Militärs. Auf diese Weise soll den islamischen Extremisten eine Quelle für Nachschub an Kämpfern abgegraben werden. Doch das als „WebOps“ bekannte Counter-Programm gegen die Propaganda-Maschinerie des IS im Netz leidet an Inkompetenz, geschönten Daten und Vetternwirtschaft, wie Recherchen der Nachrichtenagentur AP ergaben.

Und besonders peinlich: Sprachliche Mängel in der am Zentralkommando der US-Streitkräfte in Tampa in Florida ansässigen Gruppe aus Dutzenden zivilen Analysten haben im Netz schon für reichlich Gespött gesorgt: So hätten Übersetzer wiederholt die arabischen Wörter für „Salat“ und „Autorität“ durcheinandergebracht, sagten aktuelle und frühere Mitarbeiter von „WebOps“ der AP. Solch eine Inkompetenz bei einer Zielgruppe, die oftmals perfekt Arabisch spricht - da schien eine erfolgreiche Kontaktaufnahme mit dem Ziel, potenzielle Rekruten vom IS fernzuhalten, von vornherein unmöglich.

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Tatsächlich gab es die ersten Probleme, als die fehlenden Arabischkenntnisse zu Tage traten, wie mehrere Mitarbeiter von „WebOps“ berichteten, die alle anonym bleiben wollten. Einige der eingestellten Analysten sprachen demnach nicht flüssig Arabisch und hatten überdies keine tieferen Kenntnisse über den Islam. Um dennoch Erfolge vorzuweisen, wurden in einigen Fällen Daten einfach geschönt, wie Insider der AP weiter berichteten. Das Problem sei auch innerhalb der Unternehmen bekannt, die für das US-Zentralkommando diese Analysearbeit leisten. Doch jegliche Versuche, unabhängige Stellen über die Daten schauen zu lassen, wurden nach Angaben der Insider abgeblockt.

Interne Dokumente und Gespräche mit mehr als einem Dutzend Menschen mit Kenntnissen über „WebOps“ legen den Schluss nahe, dass das Programm eher dazu dient, die Vertragsfirmen zu bereichern statt die Terrorgefahr zu schmälern. Dies könnte im günstigsten Fall dadurch gelingen, indem die Analysten in Tampa auf Sozialen Medien wie Twitter oder Facebook mit spezieller Software Accounts von Menschen suchen, deren Kommentare auf eine gewisse Neigung zum IS schließen lassen. Die geografische Bandbreite reicht dabei von Zentralasien bis zum Horn von Afrika - überall dort versucht der IS im Netz, neue Kämpfer anzuwerben.

Einmal fündig geworden, benutzen die Analysten fiktive Identitäten, treten mit diesen potenziellen Rekruten in Kontakt und versuchen, sie von einem Beitritt zur Terrormiliz abzuhalten - wären da nicht die schon erwähnten Sprachbarrieren.

Zur Inkompetenz und Manipulation von Daten gesellen sich Vorwürfe der Korruption und Vetternwirtschaft. Anfang 2016 schrieb die US-Regierung einen neuen Vertrag für die Gegenpropaganda aus, der unabhängig von „WebOps“ laufen sollte. Dieser war 500 Millionen Dollar (etwa 468 Millionen Euro) schwer - und bei dem Bieterverfahren lief offenbar auch nicht alles koscher ab. Die Strafverfolgungsbehörde der US-Marine - NCIS - leitete nach einem entsprechenden Hinweis eines Whistleblowers Ermittlungen ein.

Der Informant berichtete von mehreren Interessenskonflikten bei der Vertragsvergabe. Unter anderem sollen Abteilungsleiter von einem Anwärter zu luxuriösen Abendessen eingeladen worden sein. Armeeleutnant Victor Garcia, der bis Juli 2016 die „WebOps“-Einheit leitete und dann innerhalb des Militärs neue Aufgaben übernahm, soll persönlich darauf hingewirkt haben, dass der Vertrag letztlich an die Firma eines engen Freundes ging, behauptete der Informant. Freilich hatte sich auch der Whistleblower mit seinem Unternehmen darum beworben.

Fotos auf Facebook zeigen Garcia, wie er zwei Wochen vor der offiziellen Bekanntgabe der Auftragsvergabe mit dem Freund in einer Bar in Key Largo saß. Dies zeuge ja wohl eindeutig von einem Fehlverhalten, sagt der Informant. Garcia wies die Vorwürfe zurück.

Auch Alkohol soll in der Counter-IS-Truppe eine große Rolle gespielt haben. So sei in den Büroräumen in Tampa, wo geheimes Material verarbeitet wurde, routinemäßiges Trinken angesagt gewesen, berichteten auch andere Mitarbeiter. Gegen 15 Uhr nachmittags habe die Happy Hour begonnen, und es habe eher eine Atmosphäre wie in einer Studentenverbindung geherrscht.

Das „WebOps“-Programm wird von der im US-Staat Alabama ansässigen Firma Colsa Corporation betreut. Sie benutzt spezielle Software, um Accounts auf Sozialen Medien zu durchforsten. Anfragen verwies sie an das US-Zentralkommando. Dessen Pressesprecher Andy Stephens wollte keine Informationen über das Programm oder den neuen Vertrag geben.

Die bisherigen Resultate von „WebOps“ und der Zwist um den neuen Vertrag verdeutlichen, welche Herausforderungen US-Präsident Donald Trump auch auf diesem Gebiet erwarten. Er hatte versprochen, die Ausgaben für das Militär um Milliarden Dollar zu erhöhen. Gleichzeitig will er das Verteidigungsministerium von überflüssigem Ballast befreien. Und er versprach, dass Auftragsfirmen keine so genannten „sweetheart deals“, Verträge mit besonders günstigen Bedingungen, erhalten.

Quelle:  Handelsblatt Online
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