Trump-Unterstützer: Tod aus Verzweiflung

Trump-Unterstützer: Tod aus Verzweiflung

, aktualisiert 02. April 2017, 08:16 Uhr
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Ob aus Verzweiflung oder aus Überzeugung: Die Unterstützer für US-Präsident Donald Trump stammen überwiegend aus dem Lager der Weißen mit niedrigem Bildungsabschluss.

von Frank WiebeQuelle:Handelsblatt Online

Weiße Amerikaner mit niedrigem Bildungsgrad, eine wichtige Wählerschaft für den US-Präsidenten Donald Trump, sterben immer früher. Eine neue Studie geht den Ursachen nach.

New YorkEin Saal hoch oben im Gebäude des Bundesgerichts von Süd-Manhattan: Vorne thront erhöht die Richterin unter der US-Flagge, rechts davon ist durchs Fenster die Brooklyn-Bridge zu sehen, noch weiter rechts die Bank der Geschworenen, und vor der Richterin, mit dem Rücken zum Publikum, sitzen die Anwälte und der Angeklagte. Ein Mann im mittleren Alter wird in grauer Anstaltskleidung hereingeführt. Er ist bereits wegen Drogendelikten verurteilt und wird später eine milde Strafe bekommen, weil er in diesem Prozess als Zeuge auftritt.

Mit ruhiger sachlicher Stimme schildert der Mann seine Karriere zum Dealer. Am Anfang stand eine Sport-Verletzung, die bei ihm chronische Schmerzen hinterließ. Ein Arzt verschrieb ihm daraufhin „Painkiller“, schwere Schmerzmittel, und im Laufe der Zeit wurde er davon abhängig, weit über die medizinisch sinnvolle Dosis hinaus. Ob er dem Arzt die Schuld für seine Sucht zuschieben will, wird er gefragt: „Nein, dafür trage ich selber die Verantwortung“, sagt der Mann. Aus der Tablettensucht wurde Heroinsucht, weil das Rauschgift billiger ist als die Medikamente. Um seinen Drogenkonsum zu finanzieren, begann der IT-Experte schließlich, damit zu handeln.

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Dieser Abstieg – von Übermedikation mit Painkillern bis hin zur Abhängigkeit und möglicherweise dem Umstieg auf Rauschgift, ist keineswegs selten. Der Missbrauch von Painkillern kommt nach einer neuen Studie des Ehepaares Anne Case und Angus Deaton besonders häufig bei Weißen ohne Studium vor. Ohne Studium zu sein, bedeute in den USA praktisch, ohne Berufsausbildung zu sein. Rund die Hälfte der arbeitslosen Männer in der Gruppe nimmt die Medikamente, zum Teil sogar auf Staatskosten, zitieren die Autoren medizinische Untersuchungen, mit der Bemerkung: „Die Abhängigkeit vom Staat bekommt so eine ganz eigene Bedeutung.“

Ihr Papier ist die Fortsetzung einer Analyse aus dem Jahr 2015, und nach Beobachtung der beiden ist seither alles noch schlimmer geworden. In der von Nobelpreisträger Deaton und seiner Frau untersuchten Bevölkerungsgruppe, die als wichtige Wählergruppe für US-Präsident Donald Trump gilt, steigt die Mortalität. Das ist die Quote der Todesfälle im Verhältnis zur Bevölkerung.

Diese Kennzahl ist auf den ersten Blick das Spiegelbild der Lebenserwartung, aber der statistische Zusammenhang ist auf den zweiten Blick etwas komplizierter, deswegen vermeiden die Autoren, von Lebenserwartung zu sprechen.

Die Mortalität steigt nur in der Bevölkerungsgruppe der Weißen mit geringer Bildung, in allen Bevölkerungsgruppen der USA und in allen vergleichbaren Grußßen Europas sinkt sie dagegen. Ein Beispiel: In der Gruppe der 25- bis 29-jährigen Weißen ohne höheren Abschluss sind 1999 im Schnitt 146 von 100.000 Menschen gestorben. 2015 waren es 266, eine drastisch größere Zahl. Bei den 50- bis 54-Jährigen ist die Ziffer von 722 auf 927 gestiegen, bei den 60- bis 64-Jährigen von 1558 auf 1785. Die größten Verbesserungen, allerdings von einem niedrigen Niveau aus, gab es dagegen bei schwarzen Amerikanern. Deren Mortalität ist deutlich gesunken und gleicht sich der der Weißen an.


Weiße haben nicht mehr die Chance, auf jemanden herabzublicken

Auch bei den „Hispanics“, Leuten mit lateinamerikanischen Wurzeln, die in den USA nicht als Weiße gezählt werden, verbessert sich die Situation in der gesamten Breite.
Warum sterben die Weißen ohne College-Ausbildung früher? Gründe dafür sind vor allem Alkoholismus, Drogenmissbrauch und Selbstmord, auch ungesundes Essen spielt eine Rolle. Damit ist aber noch nichts über die tieferen Ursachen ausgesagt. Und hier wird es kompliziert. Das niedrige Einkommen allein kann keine Erklärung sein, denn viele Schwarze verdienen immer noch schlechter, und in Europa haben Wirtschaftskrisen den Trend zu niedrigerer Mortalität nicht gebrochen. Auch die zum Teil von Konservativen vorgebrachte These, zu viel staatliche Unterstützung höhle die Arbeitsmoral aus und beschleunige den Niedergang, gibt nicht viel her. Denn in europäischen Wohlfahrtsstaaten sind entsprechende Phänomene nicht zu beobachten.

Die Autoren gehen davon aus, dass sich bei diesen Weißen über lange Zeit eine Frustration angesammelt hat, deren Ursachen vor allem die Globalisierung und der technische Fortschritt sind, die ihre eigene Arbeitskraft entwertet haben. Sie sprechen vom „Tod aus Verzweiflung“. Dabei geht es nicht einfach um Geld, sondern auch um enttäuschte Erwartungen und die Auswirkungen, etwa von Arbeitslosigkeit, auf die Familien. Anders gesagt, nicht die Höhe des Wohlstands ist entscheidend, sondern der Trend und die Fähigkeit, mit Problemen umzugehen.

Häufig ist die Vereinsamung ein Vorläufer der tödlichen Verzweiflung. „Die ganze Geschichte hängt mit dem Zusammenbruch der weißen Arbeiterklasse seit den 70er Jahren zusammen“, schreiben die beiden Autoren. Sie sehen den Anfang der 70er Jahre als Höhepunkt einer selbstbewussten „Arbeiter-Aristokratie“, von der heute nicht mehr viel übrig ist. Deaton hatte Anfang des Jahres schon in einem Handelsblatt-Interview darauf hingewiesen, dass die Globalisierung nicht allen Amerikanern genützt hat.

Die Historikerin Nancy Isenberg stellt in ihrem Buch „White Trash“ diese Entwicklung in einen größeren Zusammenhang. Nach ihrer Meinung haben die zahlreichen Mythen, mit denen Amerika sich selbst als „Land der Freien“ und der „unbegrenzten Möglichkeiten“ beschreibt, schon immer verdeckt, dass die USA samt ihrer kolonialen Vorläufer seit 400 Jahren eine ausgeprägte Klassengesellschaft sind, in der jederzeit auch der soziale Abstieg droht. Während inzwischen viel über Rassismus gesprochen wird, neigt Amerika immer noch dazu, sich nicht mit der Existenz einer weißen Unterklasse auseinanderzusetzen.

Und das kann fatale Folgen haben. Isenberg zitiert Lyndon Johnson, den US-Präsidenten der 60er Jahre, der sagte: „Wenn du den niedrigsten weißen Mann überzeugst, dass er besser ist als der beste Farbige, dann merkt er nicht, dass du ihm die Taschen leerst.“ Diese Chance, auf jemanden herabzublicken, haben Weiße heute nicht mehr. Auch das führt möglicherweise zu Verzweiflung. Oder in einzelnen Fällen zu Hass. Vor wenigen Tagen fuhr ein junger, weißer ehemaliger Soldat von Baltimore nach New York und ermordete einen zufällig ausgewählten älteren Schwarzen mit einem Schwert. Seine Begründung gegenüber der Polizei: „Ich hasse schwarze Männer.“

Wenn Isenberg Recht hat, dann ist Trumps Versprechen, die USA wieder großartig zu machen, nur eine von vielen Varianten, die weiße Unterklasse mit Ideologie statt mit wirklich hilfreicher Politik zu bedienen. Immerhin hat Trump im Wahlkampf aber gezeigt, dass er diese Leute besser versteht als viele wohlmeinende Linke. Und darin liegt die Tragik für diese Amerikaner: Die eine Seite versteht sie vielleicht, arbeitet aber politisch eher gegen sie. Die andere Seite will wahrscheinlich helfen, aber lebt aber zum Teil in einer intellektuell abgehobenen Welt. Damit ist kein Ausweg aus der Verzweiflung erkennbar.

Quelle:  Handelsblatt Online
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