Türkische Gewerkschafterin: „Sie wollen die Opposition loswerden“

Türkische Gewerkschafterin: „Sie wollen die Opposition loswerden“

, aktualisiert 15. August 2016, 06:29 Uhr
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Zehntausende Staatsbedienstete wurden seit dem Putschversuch in der Türkei suspendiert. Gewerkschafterin Nazife Bayram Tosu ist eine von ihnen.

Quelle:Handelsblatt Online

Zehntausende Staatsbedienstete wurden seit dem Putschversuch in der Türkei suspendiert. Gewerkschafterin Nazife Bayram Tosu spricht über den Grund der Ermittlungen – und eine mysteriöse „schwarze Liste“.

IstanbulSeit der Niederschlagung des Putsches in der Türkei hat die Regierung mehr als 60.000 Staatsbedienstete suspendiert. Ihnen wird vorgeworfen, Verbindungen zum Prediger Fethullah Gülen zu haben, den die Türkei für den Umsturzversuch verantwortlich macht. Suspendiert wurde auch Nazife Bayram Tosu, die bislang in der Direktion für Schienensysteme in der Istanbuler Gemeinde gearbeitet hat. Die Gewerkschafterin beteuert, keine Gülen-Verbindungen zu haben, was nun überprüft werden soll. Tosu fühlt sich hochgradig ungerecht behandelt, wie sie im Interview erläutert. 

Wie haben Sie von Ihrer Suspendierung erfahren?
Vergangenen Freitag habe ich einen Anruf von meiner Arbeitsstelle bekommen. Ich sollte kommen und meine Suspendierung unterschreiben. Das habe ich am darauffolgenden Montag auch getan.

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Was wurde Ihnen als Grund für Ihre Suspendierung genannt?
Es wurde überhaupt keine Begründung angegeben! Das ist insofern absurd, da bisher nie Ermittlungen gegen mich gelaufen sind. Es gibt weder Indizien noch Beweise, die dafür (für ihre Gülen-Nähe, Anm. d. Red.) sprechen würden. Im Gegenteil, ich habe gegen solche Organisationen immer angekämpft. Ich fühle mich in meiner Würde verletzt.

Warum glauben Sie dann, dass es Sie getroffen hat?
Man kennt mich, ich bin die Vorsitzende einer Zweigstelle der (Kommunalgewerkschaft) Tüm Bel-Sen. Ich nehme stark an, dass wir zuvor bereits auf die schwarze Liste gesetzt worden sind. Ich bin seit 26 Jahren aktiv, nehme an Demonstrationen teil und spreche mich seit Jahren offen gegen Putsche und Putschisten aus. Jetzt werde ich wie eine Terrorverdächtige behandelt. Man hat mir mitgeteilt, dass mein Reisepass nicht mehr gültig ist. Mir wurde das natürlichste Recht genommen, nämlich das Recht auf Arbeit. Ich darf nicht einmal mehr die Gemeindegebäude betreten. Das ist wirklich ehrverletzend.

Beziehen sie trotz der Suspendierung noch Lohn?
Ja, ich kriege weiterhin zwei Drittel meines Gehalts.


„Wer garantiert die Objektivität der Kommission?“

Wie ist der Stand der Untersuchungen gegen Sie?
Sie sollen innerhalb von drei Monaten abgeschlossen werden. Das bezweifle ich aber, denn die Zahl der Suspendierungen steigt stetig. Außerdem soll eine Kommission, die vom Gouverneursamt installiert wird, die Untersuchungen führen. Aber wer sind die Mitglieder dieser Kommission? Wer garantiert, dass sie auch wirklich objektiv sind?

Wollen Sie dagegen etwas unternehmen?
Bevor wir den juristischen Weg einschlagen, haben wir versucht, Kontakt mit Kadir Topbas aufzunehmen, dem Istanbuler Bürgermeister. Uns ging es darum, die Sachlage zu verstehen, einen Dialog zu starten. Wir hatten nur gute Absichten. Leider haben wir keine Antwort bekommen. Weder positiv, noch negativ. Gar keine. Wir werden es noch einmal probieren, auch wenn es wohl nichts bringen wird.

Was wird mit den Massen-Suspendierungen Ihrer Meinung nach bezweckt?
Dahinter steckt vielleicht die Absicht, Oppositionelle und Gewerkschafter loszuwerden. Die Frage ist: Wer steckt hinter denjenigen, die diese Listen vorbereiten? Wie wurden diese Listen zusammengestellt? Ich bezweifle, dass die Kommissionsmitglieder im Guten handeln. Bestimmt gibt es welche unter den suspendierten Beamten, die Verbindungen zur Gülen-Bewegung haben oder hatten. Aber sicher ist, dass viele Unschuldige unter diesen Zigtausenden sind. Diese finanziell und moralisch zu bestrafen, ist nicht ethisch. Natürlich müssen die Putschisten zur Rechenschaft gezogen werden, aber jemanden zu bestrafen, nur weil er einen Kredit von einer Gülen-nahen Bank aufgenommen hat oder dessen Nachhilfe-Schulen besucht hat, ist nicht fair. Die Regierung (die bis 2013 mit der Gülen-Bewegung zusammenarbeitete, Anm. d. Red.) war es doch, die die Menschen dazu motiviert hat! Diese Menschen stecken sie jetzt in dieselbe Schublade mit den Putschisten.

Quelle:  Handelsblatt Online
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